Zu einer Gruppe gehört, dass es etwas Gemeinsames gibt. Eine Kultur (in der flächigen Verwendung des Begriffs) oder, sagen wir: ein Anliegen. "Eine Glückserwartung", schreibt Monika Rinck in ihrem Essayband Ah, das Love-Ding!. Das ist wesentlich aus der Innenperspektive formuliert. Doch eine Gruppe wird auch von außen bestimmt. Zuerst muss da ein Versprechen sein. Und der Verlag KOOKbooks ist solch ein Versprechen. Man scheut sich, den Ausdruck Avantgarde in den Mund zu nehmen, aber etwas Unerhörtes hat sich da in den letzten Jahren eingenistet: hoch aufgeladene Poesie, theoriegefütterte Poetik, durchdachte Buchgestaltung, Grafik, die vom Text herkommt, dazu Lesezirkel, Diskussionen, Clubbing, das ganze performative Gespinst, verdichtet in Berlin, und so jung und so schmal und so arm das alles, und so intensiv und so formenreich und so anders, dass der Literaturbetrieb seine Emissäre ausschickt, um zu schauen, was da los ist.

So viele faszinierte Zeitungs- und Radiomenschen waren inzwischen bei der Verlegerin Daniela Seel, dass man blind das Porträt einer Unternehmerin mit antikapitalistischem Charme entwerfen kann. 32 ist sie, stammt aus einer Dynastie von Steuerberatern, hasst aber Bilanzen. Sie fährt einen VW Golf II, Baujahr 91, und trägt im März ein schwarzes Kleid mit roten Lederstiefeln, im April auch einmal das Kleid über der Hose. Ihre Wohnräume sind auch ihre Arbeitsräume. Drei Zimmer, 314 Euro Miete, dazu Strom, Gas und Kohle für den Kachelofen. Im Raum für Versand und Vertrieb steht ein Regal, das Daniela Seel 2005 beim Umzug des Verlags ganz allein aufbauen musste. Ja, wo waren denn da die Hochseilartisten unter ihren Autoren, und andere gibt es nicht, als es ums Tragen und Schrauben ging? Bei der äquilibristischen Arbeit mit der Sprache womöglich?

Denn die Literatur, die Daniela Seel verlegt, wirkt bei der ersten Begegnung eben nicht ansprechend, sondern wie beiseite gesprochen in einen fremden Raum und einen geheimen Zusammenhang. Der alte, ambivalente Abwehrreflex gegen den Hermetismus in der modernen Poesie wird wach; ambivalent deshalb, weil man sich dem rätselhaft komplexen Schönen doch auch gerne wieder unterwerfen möchte, so lange hat man nun schon am Maßstab narrativer Schlüssigkeit geklebt, an logischen Aufbauten mit reflexiver Pointe, am Witz der kleinen Sinnverschiebung.

Aber das, wofür KOOKbooks steht, Rätsel und Verschwendung, das wird inzwischen wahrgenommen als Akzentverschiebung, als Gegenbewegung des literaturgeschichtlichen Pendels. Noch findet der Umschlag im Labor statt, aber vielleicht hat ja schon eine Drift eingesetzt, die Schreibweisen, Welthaltung, Geschmacksbildung und öffentliche Akzeptanz bewegen wird?

Um einige Symptome zu nennen, gravierende und beiläufige: das erstarkende Interesse an der Lyrik insgesamt; an der alltagsfernen, alltagssprachenfernen Lyrik insbesondere; einer Lyrik, die das Ich einklammert und die Welt-Referenzen gekappt hat, zumal die psychologischen und die politisch-plakativen, die die Natur wieder kennenlernt, die den Prozess der Metaphorisierung zum Exzess steigert. Ja, ja, es bildert schon sehr in der neuen Lyrik.

Dazu einige Änderungen in der Infrastruktur. Viele ambitionierte, keineswegs nur der Lyrik verpflichtete neue Verlage haben sich in den letzten Jahren gegründet, darunter so anspruchsvolle und mutige wie: urs engeler editor, Liebeskind, blumenbar, Tropen, Tisch 7 und kleinere wie Voland & Quist, Verbrecher, Krash Neue Edition, Parasiten Presse, Sukultur und Yedermann. Eine organisatorische Stufe darunter entwickelt sich eine neue Kultur der Literaturzeitschriften, zum einen im Netz, als Blog oder als durchredigiertes Periodikum, aber auch in klassischer Gestalt und gerne mit neusachlich-poetisch klingenden Namen wie Edit, Kritische Ausgabe, Lose Blätter, krachkultur, intendenzen, [SIC], Lauter Niemand, BELLA triste oder sprachgebunden. Anfang Juni wird es ein "Treffen junger Magazine" in Köln geben.