Dichten ist Kompensation. Es sind die Blassen, die Schmalen, die Verletzten, die, denen die Haare in die Stirn fallen und die feuchte Hände haben und die zusammenschrecken, wenn man ihren Namen ruft, denn sie erwarten von der Welt, dass sie ihnen fremd bleibt, ein Rätsel, im Nebel.

Ich bin der Weg
ich annuliere das Nichts
mit Worten, die wandern
von einem zum ander’n
wander’ auch ich

Schönstes 19. Jahrhundert ist das, die edle Vergeblichkeit, der Wanderer über dem Nebelmeer, Caspar David Friedrich trägt heute den Scheitel rechts, heißt Jochen Distelmeyer und hat eine Band gegründet, die Blumfeld heißt. Ohne die verblasene Melodie klingen die Verse des Liedes The Lord of Song noch verwehter; Distelmeyer hat es als lyrischer Schwadroneur zu einigem Ruhm gebracht, vor allem bei jenen Musikhörern, die die Krankheit vieler deutscher Intellektueller teilen: Sie haben sich nie von der Romantik erholt, sie verwechseln Trübsinn mit Tiefgang, sie lieben die Pose der Einsamkeit, des Schwerverständlichen. Blumfeld sind auf Abschiedstour. Das kürzlich wiederveröffentlichte Album Old Nobody beginnt allerdings mit einem Gedichtvortrag von Distelmeyer. "Eine Frage im Raum / in sprachlosen Zeiten / Du kursierst als Pulsar / Durchquerst luftleere Welten / und wirst zum Begriff / gegen alle Natur".

Erkenntniskitsch könnte man das nennen, eine bedeutungsschwere Bedeutungslosigkeit, Gespensterzauber. Aber weil das, was schwärmerische Gymnasiasten produzieren, in diesem Land gern als Lyrik durchgeht, wurden Blumfeld all die Jahre gelobt. Wie anders waren da zum Beispiel die deutschen Rapper der späten neunziger Jahre, Moses P oder die Fantastischen Vier, die die deutsche Sprache in spielerische Höhen hoben, ihr eine Leichtigkeit gaben, die sonst nur das Englische hat. Blumfeld dagegen sind die Band jenes Jahrzehnts, das hinter uns liegt: Blasse Jungs malten da blasse Menschen vor blassen Kulissen, das war die Leipziger Schule; blasse Jungs komponierten traurige Lieder für blasse Jungs, das war die Hamburger Schule.

Ein Licht im Dunkel des Verstandes
Ein Fleck Sonne dann und wann
Dringt durch mich. Ich bin gespannt
In der Stille fängt das Chaos an.

Auch Tocotronic, mit Blumfeld die wichtigste Band ebendieser Hamburger Schule, träumten sich fort, zelebrierten die Untergangslyrik, verloren sich in einer Art Neonromantik. Es ist ein sanfter Defätismus, der diese Verse durchzieht, die fast adjektivfrei dahingehen, Substantiv an Substantiv gereiht und Subjekt an Subjekt, es wimmelt von Toten, von Staub und von Unendlichkeit. "Der Weg war weit" reimt sich auf "Ich war wie Treibholz der Zeit". Gern lassen sie sich von der Sprache auf Rätselwege führen, "Cäsar – Antichrist / Das ist Dein Geschick / Und es ist doppelt geknüpft". Zwischen diesen wabernden Begriffen entstehen Zustände, findet und verliert sich die Wirklichkeit. "Schlaf", so lautet der Refrain einer dieser Hymnen der Nichtidentität, "Du bist es nicht."