Martin Heidegger schrieb an sie philosophisch und verknallt, Thomas Mann erstaunlich passioniert, und die Reihe der Schwärmenden hörte bei Mehring, Hesse und Kesten noch lange nicht auf. Und erst die vielen Unbekannten! Deren Dankbriefe an Mascha Kaléko (19071975) hatte ich 1986 im Deutschen Literaturarchiv zu akzessionieren. Das heißt: mit spitzem Bleistift Nummern schreiben auf die Blätter.

Mit 23 kannte ich nur Kalékos Namen. Nun begegnete ich ihr in den Zeugnissen ihrer Bewunderer. Zwei Sätze fielen meistens: "Woher wissen Sie nur, wie ich fühle?" Und: "Sie sprechen aus, was ich nicht sagen kann." Dann folgen Liebes- und Leidensgeschichten, tiefer Dank und die Versicherung, dass man Kalékos Gedichte auswendig kenne, sie abschreibe, verschenke. Und diese Flut an Gefühlen strömt aus Rechtsanwalts- und Sekretärinnenfüllern, es schütten Lehrerinnen und Arbeitslose ihr Herz aus.

So wie ich haben viele ihre Mascha-Kaléko-Geschichte, beispielsweise Gisela Zoch-Westphal, die bei einem Leseabend anstelle der kranken Dichterin sprach, ihre Freundschaft gewann und zur vorbildlich rührigen Nachlassverwalterin wurde. Dazu gibt es hunderttausend weitere Geschichten, denn Kaléko wird massenhaft gelesen. Eine halbe Million verkaufte Bücher können es inzwischen leicht sein. Fast ausschließlich Lyrik!

Der nächste Morgen zum Beispiel: "Ich zog mich an. Du prüftest meine Beine. / Es roch nach längst getrunkenem Kaffee. / Ich ging zur Tür.

Mein Dienst begann um neune. / Mir ahnte viel . Doch sagt ich nur das Eine: / Nun ist es aber höchste Zeit! Ich geh " Gedichte über Singleschicksale zwischen Büroalltag und viel zu kurzem Feierabend, verlorene Illusionen, meist ironisch gebrochen, schreibt Kaléko zu Beginn ihrer Karriere. Poesie in harten Zeiten, unerfreulich aktuell, doch nie larmoyant, Verse über die Großstadt. Außer Ausflügen ins Grüne oder in sachliche Romanzen ("Man spricht konkret und wird nur selten rot") ist das Leben vor allem eines aus: Arbeit.

Mit solchen Alltagsgedichten in Heine-Nachfolge, doch im ganz eigenen Ton macht MK, wie sie sich selbst gern nennt, ab 1929 Furore. Der Querschnitt, die Vossische Zeitung und viele andere Zeitungen bringen Gedichte von ihr. Freche, kühle, selbstbewusst mokante Chansons geben Claire Waldoff und Rosa Valetti zum Besten. 1932 späht Franz Hessel sie für Rowohlt aus, wo im Januar 1933 Kalékos Debüt erscheint: Das lyrische Stenogrammheft. Ein Verkaufserfolg bis heute. Wenn auch mit Unterbrechungen, denn Mascha Kaléko ist Jüdin.

Am 7. Juni 1907 kommt Golda Malka ("Mascha") Aufen in Galizien zur Welt. Der Erste Weltkrieg verschlägt die Familie nach Frankfurt, Marburg und schließlich nach Berlin. Da Mascha Aufen schon früh Berliner Kindermädchen hat, fühlt sie sich hier heimisch und schreibt später ganze Gedichte im schnoddrigen Hauptstadtdialekt. Eine höhere Schulbildung bekommt sie nicht. Sie liest viel und gerät in literarische Zirkel. 1928 heiratet sie den Journalisten Saul Kaléko.