Ohne ihre Nachlassverwalterin Zoch-Westphal wäre Kaléko vielleicht in Vergessenheit geraten, denn weder Literaturhistoriker noch Feuilletonisten räumten ihr einen besonderen Rang ein, weil sie wohl mit Kästners und Tucholskys Versen den sachlich-witzigen Berliner Ton und die Exillyrik mit Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs genügend repräsentiert fanden. Immerhin erschien kürzlich die gut lesbare Studie von Andreas Nolte zu Leben und Werk MKs, die in der oft parodistischen Redensartenseligkeit einen wichtigen Grund für die Wirkung findet.

Und jetzt die erste Biografie. Die ist vor allem verdienstvoll. Jutta Rosenkranz präsentiert die Fakten bis auf etwas Küchenpsychologie angemessen. Darstellung und Interpretation fehlt es allerdings an Souveränität - von Esprit ganz zu schweigen.

Wie schön, dass man Kaléko selbst zuhören kann auf einer Doppel-CD, die gleichzeitig eine klingende Lebensbeschreibung ist. Ihre Stimme klingt reich, bestimmt, ruhig, mit leiser Spottlust grundiert. An der geht Elke Heidenreich im netten, doch teils falschen, teils verharmlosenden Nachwort ihrer sonst guten Sammlung etwas vorbei.

Schade, dass niemand die nur 500 Gedichte Kalékos mal in einem Band zusammenfasst!

Denn sie findet noch im Banalen Bilder, sie kennt keine Scheu vor Sentimentalität, fast immer gibt es ein Gegengewicht: das Tänzelnde der Verse, ihren Witz, ihre Lust am Heterogenen. Nicht umsonst ist das Zeugma, das spielerische Zusammenfügen von Wörtern getrennter Bedeutungen, eine ihrer Lieblingsfiguren. Der Schwung aber und der Ton, das sind die Hauptsachen. Leichtigkeit und Eleganz finden sich in den Besten der traurigen und komischen Gedichte Kalékos.

Zu ihrem 100. Geburtstag gibt es viele Lesungen und Gedenkveranstaltungen, die schönste vielleicht findet am 9./10. Juni in New York statt: Im Deutschen Haus erinnert eine zweitägige Tagung an sie, und an MKs Wohnhaus in der Minetta Street wird die Gedenktafel angebracht, die sie sich selbst erhofft und getextet hat.

Mascha Kaléko: Das lyrische Stenogrammheft