Diktatur der Unvernunft

Petra, Jordanien. Petra ist das "Achte Weltwunder" – behaupten die Petraner. Für T.E. Lawrence ("Lawrence of Arabia") ist die in Felsen gehauene Nabatäer-Stadt der "herrlichste Ort auf Erden". Und Millionen kennen Petra, ohne es zu wissen: als grandiose Kulisse für Indiana Jones – der letzte Kreuzzug .

Vergangene Woche wurde das Unesco-Welterbe noch einen Tick berühmter – als Bühne für dreißig Nobelpreisträger. Eingeladen hatten der jordanische König Abdallah und Elie Wiesel (Friedensnobelpreis 1986). Dazu kamen Politiker wie Israels Premier Ehud Olmert und sein unvermeidlicher Vize Schimon Peres sowie Investoren und Experten – und vor allem Studenten aus Israel und Arabien. Es ging um Nahost. Worum sonst.

Was dabei herauskam? Das Beste war das Faktum selber. Noch vor fünf, zehn Jahren wäre die Selbstverständlichkeit dieses Konklaves unvorstellbar gewesen: der gesittete Ton, das routinierte Miteinander, die anheimelnd knappe Quote der Versatzstücke von der Festplatte.

Ehud Olmert nutzte das Podium, um enthusiastischer denn je den wiederaufgewärmten Friedensplan der Arabischen Liga zu preisen. "Ich lade die 22 Regierungschefs zu uns ein, um mit uns zu reden – wann auch immer." Oder er würde zu ihnen kommen – "wohin auch immer". Abdallah, der ewig lächelnde Gastgeber, intonierte gleich die Vision dazu: "Palästinenser, Israelis, Jordanier können zusammen die Armut beenden, die Umwelt retten, die Kinder beschützen."

Das war der "neue" Nahe Osten, nicht mehr die mörderische Falle für jene jungen Israelis, die einst mit dem Ausflug nach Petra ihre Mutprobe ablegen wollten und im Minenfeld oder MG-Feuer der Arabischen Legion umkamen. Doch schon am Vortag hatte der "alte" Nahe Osten zugeschlagen. Da platzte abermals ein brüchiger Waffenstillstand – gleich zweifach. Präzise koordiniert, attackierten Hamas-Kämpfer im Gaza-Streifen die Rivalen von der Fatah, die Truppen des Präsidenten Machmud Abbas. Zeitgleich fielen Raketen auf die israelische Grenzstadt Sderot. Es kam, wie es kommen musste: Die israelische Luftwaffe griff Hamas-Positionen an. Noch bevor das "Royal Tent" in Petra abgebaut werden konnte, waren 40 Palästinenser tot. Gaza – das war der neue Bruderkrieg im hundertjährigen Völkerkrieg.

Während 150 Kilometer westlich die Raketen einschlugen, floss im Zelt das Pathos der Friedfertigkeit. Eine junge Palästinenserin: "Wir sprechen bereits dieselbe Sprache, und wenn erst Frieden herrscht, brauchen wir keine Grenzen mehr." Ihre israelische Kollegin, 26: "Ich wurde inmitten des Konfliktes geboren, ich trage dessen seelische Narben, aber wir haben dennoch so viel gemeinsam." Man müsse, so ein dritter Student, bloß die Jungen an die Macht lassen…

Diktatur der Unvernunft

Das Wort in Gaza aber hatten die Alten, genauer: die Neuen von der Hamas, welche die Altvorderen – die Arafat-Erben, die Abbas-Loyalisten abservieren wollen – doch nicht im Sinne dieser friedensheischenden jungen Leute. Welch mörderische Ironie! Die Alten, Männer wie Jasser Abed Rabbo, Generalsekretär der Fatah, reden plötzlich in Petra vom Frieden, zumindest von der "Chance" dafür, hätten doch "die Araber nun zum ersten Mal gesagt: Wir sind bereit".

Diese alten Fatah-Kämpfer, im Terrorkrieg der Siebziger an die Macht und in die Pfründe gelangt, sind aber auf dem Weg ins palästinensische Politrentnertum. "Wir sind erledigt", seufzt ein Rabbo-Genosse, der nicht genannt werden will. "Wir haben kein Geld, Hamas wird mit 250 Millionen Dollar von Teheran unterstützt." Die Summe ist übertrieben, aber die Situation auf dem Schlachtfeld scheint dem Mann recht zu geben.

Ein israelischer Militär bestätigt den Eindruck. Hamas sei gerade dabei, "ihre militärische Überlegenheit über die Fatah zu demonstrieren". Ein Sprecher der Kassam-Brigaden (der Hamas-Armee) tönt: "Wir waren vorbereitet auf diese Lage"; wir können "an verschiedenen Fronten und gegen mehr als einen Feind kämpfen" – sprich: gegen Israel und die Abbas-Getreuen zugleich. Der Fatah-Oberst Maher Faris sagt’s ganz lapidar: "Unsere Leute haben nicht gut gekämpft." Sie seien davongelaufen, hätten gar kapituliert.

Die Nobelpreisträger in Petra appellierten derweil an die Vernunft, an die Früchte der Friedfertigkeit – wie es sich für die Klügsten der Klugen gehört. Aber wie schrieb schon Freud in seinem berühmten Briefwechsel Warum Krieg? mit Einstein? Wunderbar wäre eine menschliche Gemeinschaft, die ihre instinktiven Reflexe der "Diktatur der Vernunft" unterwerfe. Dies aber sei eine "utopische Erwartung". Und Politik sei eben komplizierter als Physik.

Hamas gehorcht einer anderen "Vernunft" – der Räson der Macht. In diesem Binnenkrieg hat sie die Kräfte mit der Fatah gemessen und nach Punkten gewonnen; ein K.o. ist derzeit auch nicht nötig. Vorteil eins: Hamas hat die Israelis in einen De-facto-Bund mit dem alten Regime gezwungen, hat doch die israelische Luftwaffe nicht nur Hamas-Stellungen attackiert, sondern auch der maroden Fatah Feuerschutz gewährt und sie so als Zionisten-Freunde diskreditiert. Vorteil zwei: Die Israelis sind verunsichert. Sie lecken noch ihre Wunden aus dem Libanonkrieg 2006 und scheuen trotz grimmiger Drohungen (Olmert verspricht eine "harte und heftige Antwort") den Wiedereinmarsch in Gaza. Ein Vertrauter des Generalstabschefs Ashkenasi resümiert: "Er weiß, dass ein klarer Sieg in Gaza nicht zu holen ist." Im Strategiejargon heißt das "Selbst-Abschreckung".

Der israelische BWL-Student Assaf Wahrhaft beteuert unterdessen wie seine 16 jungen Kollegen: "Wir sind alle hier, um zu zeigen, dass wir alle Frieden wollen." Und Schimon Peres, im Nebenberuf Vizepremier, im Hauptberuf Zitate-Produzent, witzelt: "Der saudische Friedensplan ist die beste Musik, die wir seit hundert Jahren gehört haben. Bloß fehlt noch das Orchester" – sprich: Wo sind unsere Partner in der arabischen Welt?

Diktatur der Unvernunft

In Gaza, wo in einer Woche fünf Waffenstillstände zwischen Hamas und Fatah geschlossen und vier gebrochen wurden, gibt es die Partner für einen Palästinenserstaat nicht – oder bloß solche wie Präsident Abbas, den Hamas nur toleriert, weil er nichts zu sagen hat. Könnte er, wie er wollte, glaubt Peres, "hätten wir Frieden in 24 Stunden". Die Machtergreifer wollen nicht, die Gutwilligen können nicht – das ist der alte Nahe Osten.

Doch mit einem neuen hässlichen Zug. Es geht nicht mehr um Palästina, sondern um die Vorherrschaft: von Hamas in Gaza, von Syrien in der Levante, von Iran in Mittelost. Und überall, wo die Regierung verfällt, schürt al-Qaida das Feuer – wie jetzt im Libanon, wo der Bürgerkrieg wiederaufflammt. Es ist die alte Tragik: Der "neue" Nahe Osten kommt immer zu spät. Die Israelis haben sich 40 Jahre nach dem Sechstagekrieg zu einem Palästinenserstaat durchgerungen, zwei Nachbarstaaten, Ägypten und Jordanien, haben ihren Frieden mit dem "zionistischen Gebilde" gemacht, die Saudis locken mit dem Friedensplan der Arabischen Liga. Doch jedes Mal, wenn alte Konfliktlinien verblassen, kommen neue, gnadenlosere hinzu, während sich das Gefechtsfeld unaufhörlich ausweitet – von Tripoli bis Teheran. Was können Nobelpreisträger und Studenten gegen den nackten Machtanspruch ausrichten?

Trotzdem versammelte sich der "neue" Nahe Osten zum Freiluftdiner vor der märchenhaften Felsenkulisse von Petra: die Damen im langen Kleid, die Herren im Smoking. Beim Kalbsrücken donnerte die Sintflut vom Himmel herab – Flucht in die Busse. Ein übles Menetekel? Das letzte Wort soll der König haben: "In unserer Gegend ist Regen immer ein gutes Omen." Inschallah, Abdallah.