Kroatisch-Minihof

Eines muss man Norbert Darabos lassen: Er kann schnell umschalten. Vor drei Stunden feilschte der Verteidigungsminister noch in Wien mit Eurofighter-Chef Aloysius Rauen über den größten Waffendeal der Zweiten Republik. Auf den Schultern des 43-jährigen Burgenländers lastet nichts Geringeres als das letzte verbliebene Wahlversprechen der SPÖ: Österreich soll aus dem Eurofighter-Vertrag aussteigen. Doch jetzt scheint er damit nichts mehr zu tun zu haben. Darabos steht am Rande des Fußballplatzes seiner Heimatgemeinde. Er trinkt Bier aus einem Plastikbecher und plaudert. So leger gekleidet wie hier würde er in Wien nicht auftreten: dunkle Jeans, grauer Pullover und beigefarbenes Kordsakko. Nur diese seltsame Brille mit den eigenwilligen Doppelbügeln – das auffällige Designerstück hat er auf Wunsch seiner Frau bei einem Optiker in Oberpullendorf erstanden – nimmt er auch bei diesem Heimspiel nicht von der Nase.

Es ist das jährliche Sportfest in Kroatisch-Minihof, einem 388-Seelen-Nest im Südburgenland. Hier, gerade ein paar Hundert Meter von der ungarischen Grenze entfernt, ist der Arbeitersohn aufgewachsen, und hier lebt er bis heute mit seiner Frau und den beiden Kindern. Das Dorf besteht aus nicht viel mehr als einer großen Durchzugstraße, an der sich die Einfamilienhäuser reihen. Die Sonntagsmessen in der kleinen Dreifaltigkeitskirche am Hauptplatz werden auf kroatisch gelesen – 95 Prozent der Bevölkerung sind Burgenlandkroaten. Die drei Dorfgasthäuser leben hauptsächlich von Bundesheersoldaten, die in Kroatisch-Minihof für ihren Einsatz gegen illegale Grenzgänger stationiert sind.

Seine größte Schwäche: Der Hang, Kompromisse zu schließen

Die Dörfler sind stolz auf ihren Norbert, der es ganz nach oben geschafft hat. Gerhard Schwarz, Besitzer eines der drei Wirtshäuser, hat sogar die Wände in der dunklen Gaststube mit Fotos des prominenten Nachbarn dekoriert. »Die Medien san immer so bös zum Norbert. Der Bursch is doch so gscheit«, sagt er und spricht damit allen hier aus der Seele. Der Zuspruch, den Darabos daheim erfährt, tut ihm gut. Nicht einmal fünf Monate ist er nun als Verteidigungsminister im Amt, und er hat bereits so viele Prügel bezogen wie andere in einer ganzen Legislaturperiode. Zunächst hieß es, ein ehemaliger Zivildiener tauge nicht zum Chef einer Armee. Dann wurde er wegen seines jungenhaften Aussehens verlacht: Nie und nimmer würde sich das Milchgesicht gegen die Pokermienen aus der internationalen Waffenlobby behaupten können. Und jetzt wird beklagt, Darabos widme sich lediglich den Ausstiegsverhandlungen und vernachlässige das Heer – vor allem aber dessen Generalität.

»Ich kann damit schon umgehen«, sagt er mit leiser Stimme, »aber die Debatte über meinen Zivildienst nervt mich wirklich – als ob Landesverteidigung nur Exerzieren und Salutieren bedeuten würde.« Richtig wütend macht ihn die Rebellion der beiden Milizoffiziere Werner Bittner und Michael Schaffer, die ihm öffentlich Unfähigkeit vorwarfen. »Mir ist von der ÖVP bestätigt worden, dass die ganze Sache inszeniert wurde, um mich zu diskreditieren«, empört sich Darabos.

Der Verteidigungsminister sitzt im Wirtshaus »Deutsch« in Kroatisch-Minihof und fährt sich mit allen zehn Fingern durch die Haare, in die sich schon die ersten grauen Strähnen gemischt haben. Es ist ihm anzusehen, wie viel er in den vergangenen Monaten hinunterschlucken musste. Es kann für Darabos nur wie blanker Hohn geklungen haben, als Kanzler Gusenbauer seinem erfolgreichen Bundesgeschäftsführer nicht das erhoffte Innenministerium, sondern ausgerechnet das Verteidigungsressort übertrug und dann noch anmerkte, da habe einer das »ganz große Los« gezogen. Seinem Ärger Luft machen würde der stets loyale und pflichtbewusste Parteisoldat aber nie. Es gehört nicht zu seinem Stil, laut zu werden. Schon gar nicht in den eigenen Reihen. »Nichts erwarten, alles annehmen«, so beschreibt er seine Karriereplanung. Das gilt eben auch für den Job in der Rossauer-Kaserne.

Oder für die Ideen seines Parteivorsitzenden, die manchmal nur schwer nachvollziehbar sind.Darabos soll entsetzt gewesen sein, als Alfred Gusenbauer am 10. Jänner in einer internen SPÖ-Sitzung sein Modell mit den anrechenbaren Nachhilfestunden vorstellte. Gesagt habe der bekennende Gegner der Studiengebühren aber kein Wort, erinnert sich ein Teilnehmer. Eine halbe Stunde lang habe Darabos nur verständnislos den Kopf geschüttelt, bis er irgendwann einfach aufstand und wortlos die Sitzung verließ.

Hinter vorgehaltener Hand spekulieren manche Genossen darüber, Darabos könnte seine Loyalität noch einmal zum Verhängnis werden. Denn Gusenbauer sehe in seinem Verteidigungsminister auch einen internen Konkurrenten. Das scheint gar nicht so abwegig. Der Burgenländer hat eine Blitzkarriere hingelegt. Es begann im kleinen Kroatisch-Minihof: Dort zog er mit 21 Jahren in den SPÖ-Parteivorstand ein. Nicht lange reden, sondern anpacken – das habe er als Lokalpolitiker schnell gelernt, sagt Darabos: »Etwa, wenn ein Kanaldeckel wackelt oder die Straßenbeleuchtung ausgefallen ist.« Diese sachliche Denkweise hat sich Darabos bewahrt. Dafür wird er von manchen Parteifreunden kritisiert. »Ihm fehlen die Visionen«, meint ein Wiener SPÖ-Kollege. Von »Bodenständigkeit« spricht hingegen der Minister.