Wenn der greise Walter Schmidinger zu Beginn des zehnstündigen Berliner Wallenstein-Spektakels an die Rampe tritt ein ergreifender Moment! , um Schillers Prolog zu lesen, entsteht für Minuten der starke Eindruck, hier solle mit zittriger Stimme noch einmal, ein vielleicht letztes Mal das halb schon Untergegangene, der kostbare Ruinenrest des klassischen Erbes entziffert werden. Mühsam, fast ungläubig darüber, dass sich die Hieroglyphen überhaupt noch lesen lassen, verkündet Schmidinger die geflügelten Sentenzen: "Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze" "Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken" "Der Bürger gilt nichts mehr, der Krieger alles" "Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst". Und in der Tat wirkt ja Schillers Wallenstein auf weite Strecken wie ein Auszug aus dem Büchmann - oder andersherum ausgedrückt: das Stück hat für den Zitatenschatz der Deutschen eine Rolle gespielt wie sonst nur Homers Ilias für die Antike.

Es geschieht im Laufe des Abends einige Male, dass sich die berühmten Aussprüche häufen, und man wundert sich jedes Mal, dass die Figuren nicht unter dem Gewicht der Bonmots zusammenbrechen, die ihnen da aufgebrummt werden aber tatsächlich ist es ja umgekehrt, die Bonmots sind seinerzeit vom Dichter erfunden worden, um die Figuren zu stärken und zu charakterisieren, auch in ihren Illusionen, Dummheiten, Idiosynkrasien. Erst später haben sich die Worte von der Rolle emanzipiert, und das entlarvend Gemeinte wurde als Weisheit missverstanden. Das ist die Rezeptionslast, unter der Schiller seit dem 19. Jahrhundert ächzt, und es ist die große Schwierigkeit der Bühnen, ihn davon zu befreien. Wenn es einen Klassiker gibt, der die Verfremdungstechniken des Regietheaters nahelegt, dann ist es Schiller.

Man kann es aber auch umgekehrt machen und wie Peter Stein in der Berliner Inszenierung Schiller als gänzlich Unbekannten, als nie zuvor Gelesenen behandeln. Das ist, wenn es schlecht geht, reines Schülertheater - so zum Beispiel in Wallensteins Feldlager, wenn die Soldaten mühsam singen oder burschikos die Marketenderin auftritt und Betrunkene durcheinanderstolpern Peinlichkeit durch Wörtlichkeit, ein schlimmes, treuherziges hinter dem Text Herhecheln.

Wenn es aber gut geht, dann entsteht großes Theater - so zum Beispiel in den Piccolomini, dem Mittelstück der Trilogie, wenn Wallensteins Staatsintrige sich langsam als Schlinge um den eigenen Hals knüpft.

Besser und spannender können das auch Vorabendserien im Fernsehen nicht, es ist in seiner Infamie und glamourösen Tücke wie Denver, Dallas und Falcon Crest in einem oder doch mindestens so fies wie Reich und Schön.

Die Frage ist allerdings, was ist es darüberhinaus? Dass Schiller eine Rampensau, ein skrupelloses Effektschwein war, ist genügend bekannt die theatralische Herausforderung liegt in den bitteren Wahrheiten, um derentwillen Schiller den ganzen Aufwand getrieben hat. Für diese Herausforderung interessiert sich Peter Stein kaum - er denkt offenbar: Ich mache meine Arbeit, soll Schiller seine Arbeit machen. Der Regisseur ist für die Schauspieler zuständig, der Autor für die Metaphysik.

Vielleicht hat Stein recht damit, an diese alte Arbeitsteilung noch einmal zu erinnern, deren Voraussetzung freilich die Novität des Textes war. Mag sein, dass die Pisakatastrophe uns dieser Voraussetzung wieder etwas näher gebracht hat. Aber wer die Silberlocken im Publikum gesehen hat und sich an Steins texttreuen Faust des Jahres 2000 erinnert, der ähnliche Alterskohorten angezogen hat, der wird deren Begeisterung auf etwas anderes schieben. Sie beruht nicht darauf, dass Schiller zum ersten Mal verstanden, weil nicht verfremdet und verzerrt wurde. Sie beruht darauf, dass ihm Respekt und damit auch dem Geschmack dieser Zuschauer endlich wieder Respekt gezollt wurde. Das gehobene Kreuzfahrtpublikum hat hier endlich die Kreuzfahrt bekommen, die es gebucht hat im Gegensatz zu anderen Anbietern, die von Karibik reden, dann aber im Hafen bleiben und nur Bilder von der Karibik zeigen, noch dazu meist Elendsszenen.