Eine gewisse Robustheit brauchen wohl alle Politiker, um im unterbrechungslosen Strom der Termine, Reisen, Konkurrenzkämpfe zu bestehen. Für Entwicklungsminister indes, die auch noch weltweit wirken, dazu daheim nicht sehr beachtet und im Kabinett nicht gerade Schlüsselfiguren sind, ist seelisches wie körperliches Durchhaltevermögen umso wichtiger. Daran gemessen, ist Heidemarie Wieczorek-Zeul wohl die passende Besetzung.

Kaum zwei Tage ist sie zum Beispiel Anfang Mai von einer Inspektion des Wiederaufbaus im gewaltgeladenen Afghanistan zurück, da fliegt sie zwischendrin bis spätabends Büroarbeit für die EU-Präsidentschaft schon wieder los: in den Kongo, die nächste fragile Nachkriegsregion.

Müllübersät ist die Hauptstadt Kinshasa, den Menschen fehlt es an allem, Essen, Wasser, Arbeit, Medizin, Schutz vor Gewalt - Eindrücke, die neben Schlafmangel und Hitze die Mienen mancher Mitreisender im Tross zerknittern lassen wie ihre Bügelfalten. Die Ministerin aber bleibt unerschütterlich erfahrungshungrig: "Auf Reisen sauge ich mich mit Informationen voll wie ein Schwamm." Sie zieht von Ministern zu Menschenrechtsorganisationen und weiter in die einzige, mit deutschem Geld gestartete Kreditbank für Kleinstunternehmer. Und lässt sich schon beim Frühstück von einem Bergbauexperten der Weltbank über atemberaubende Raubzüge bei den Ressourcenschätzen des Kongos unterrichten auch zur Einstimmung auf den kommenden Gipfel der G8-Staaten.

Dort will "HWZ", so ihr Spitzname, die Initiative gegen Korruption im Rohstoffsektor vorantreiben, damit afrikanische Länder ihre Entwicklung aus eigenen Einnahmen finanzieren können. Ein Projekt ganz nach ihrem Geschmack: "Ich versuche, nicht punktuell zu helfen, sondern Strukturen zu verändern." Auch andere Entwicklungsthemen von Armutsbekämpfung bis Aids werden in Heiligendamm, wie schon bei diversen Afrikagipfeln in dieser Woche, endlich mal wieder im Scheinwerferlicht stehen. Und damit vielleicht, neben den Staatschefs, auch Wieczorek-Zeul selbst die sich im Kampf um Aufmerksamkeit derzeit auch noch aus anderen Gründen behaupten muss als nur wegen der üblichen Randständigkeit ihres Jobs. Denn an Leuchtkraft stark verblasst ist das Bild von der ewigen "roten Heidi" und damit ihre wichtigste Rolle in der Partei: Die Entscheidungen der SPD-Führung fallen heute meist ohne sie. An Macht verlor Wieczorek-Zeul vor allem während jener chaotischen Krisentage um die Wahl des Generalsekretärs Ende 2005, als sie für die Niederlage Franz Münteferings mitverantwortlich gemacht wurde. Damals kam ihr der Platz als stellvertretende Bundesvorsitzende abhanden, und um einer weiteren Schwächung zuvorzukommen, verzichtete sie obendrein auf die Vorstandskandidatur. Auch als Ikone der Parteilinken hat sie ausgedient - der Kabinettsdisziplin folgend, müsse sie schließlich Hartz-IV-Reformen und Tornado-Einsätze "staatsfraulich mittragen", formuliert ein Genosse aus Hessen. Dort, in Wieczorek-Zeuls Landesverband, versucht mit Andrea Ypsilanti jetzt eine andere Rote zu leuchten.

In der Großen Koalition geht es ihr besser als unter Schröder

Das alles muss man erst mal wegstecken. Doch die mittlerweile 64-Jährige konzentriert sich jetzt eben auf ihre Rolle als Weltbürgerin. Routiniert, wie aus der Ferne klingt es heute, wenn Wieczorek-Zeul die anhaltende Schwächelei der SPD kommentiert: "Ich unterstütze Kurt Beck bei seinem Versuch, neue Wähler wieder mit mehr Bodenständigkeit und Nähe zu den Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen zu gewinnen."

Nicht nur in der Partei, auch im Kabinett ist Wieczorek-Zeul Veteranin - die Dienstälteste, die seit 1998 über die gesamte Amtszeit Gerhard Schröders hinweg durchgehalten hat. Ihm war sie seit Juso-Zeiten in harten Flügel- und Machtkämpfen eine mal erbitterte, mal notgedrungen loyale, mal herzlich verbundene Gegnerin. Sie blieb immer eine Verkörperung rot-grüner Politik selbst zu Zeiten, als das nicht opportun war - auch darin robust. Aber muss so ein linker Restposten nicht furchtbar fremdeln in einer Großen Koalition?