Ein Satz wie eine Drohung: »Die Besuchereinfahrt bedarf einer Erfrischung!« So sprach vor einiger Zeit Ulrich Kowalski, Geschäftsführer der Südsalz GmbH, ein Mann, der nicht nur Salz mit Jod, Fluorid, Folsäure, Knoblauch oder Kräutern versetzt und als Bad Reichenhaller Markensalz verkauft. Kowalski gebietet auch über das fast 500 Jahre alte Salzbergwerk Berchtesgaden. Aus den Tiefen des Haselgebirges fördern heute noch 50 Bergarbeiter 300000 Tonnen Salz im Jahr. Schon vor fast 200 Jahren fuhren Privilegierte, Adel und Klerus zumeist, in die Stollen ein und besichtigten die Unterwelt. Heute ist das Salzbergwerk mit 400000 Besuchern jährlich ein Publikumsmagnet. Doch dem Herrn über die Unterwelt reicht das nicht. Die Zahl stagniert. Es fehlt ihm die Jugend, es mangelt an Ostasiaten. Kowalski nahm acht Millionen Euro in die Hand und heuerte Erfrischungsfachleute an, Spezialisten für Edutainment, Lasershow-Experten, einen Komponisten, einen Architekten für ein zeitgemäßes Entree – am 29. Mai ist Eröffnung. Zur »neuen phantastischen Salzzeitreise« lädt ab sofort das – wie könnte es anders heißen – »Erlebnisbergwerk«.

Der Autor – so viel Geständnis muss sein – ist ein Fan des Salzbergwerks. Dazu bedurfte es nur einer einzigen Einfahrt, und die liegt 45 Jahre zurück. Ein großartiges Erlebnis. Unvergessen sind seither: die Bergmannskluft, in die man zu Beginn stieg, eine rasante Kleinbahnfahrt, die beängstigend langen und schnellen Rutschen, der gewaltige unterirdische See, das Salz auf der Zunge. Der Fan braucht keine Multimediashow und weder Edu noch Tainment. Der Fan will das Echte. Mit einer gewissen Bangigkeit besucht er deshalb das Erlebnisbergwerk kurz vor der offiziellen Eröffnung. Und hier kommt die gute Nachricht für Fans: Alles ist noch da, was da sein muss!

Viel Glas, ein lichter Kassenbereich, jede Menge Platz zum Warten, ein üppiger Mitbringsel-Shop: Die massivsten Eingriffe geschahen oberirdisch. Der Zugang zum Bergwerk wirkt nun professioneller gestaltet, zeitgemäß halt. Wie es der Ostasiate gewohnt ist. Im näheren Umkreis wurden kleine Wanderwege angelegt, ein alter, 100 Meter langer Stollen, an dessen Ende man einen Blick auf den Obersalzberg werfen kann, darf zum Testen benutzt werden: Bin ich eventuell klaustrophobisch? Die meisten Nebenangebote – auch eine neue »Erlebnisgastronomie« – sollen ein notorisches Ärgernis beseitigen helfen: Die Leute, bis zu 5000 am Tag, kommen nie schön verteilt, sondern in Haufen oder gar nicht. Schlimm ist es bei Regen: Wenn die anderen Berchtesgaden-Klassiker – Königssee, Obersalzberg, Altstadtbummel – ins Wasser fallen, drängen die Massen in den trockenen Berg. Nun gibt es Tickets mit Einfahrtzeit, wie beim Doktor.

Der Einfahrt ging traditionsgemäß der große Spaß des Einkleidens voraus. Jeder Besucher bekam einen Schutzanzug, Schlabberjacke, Schlabberhose, einen Lederlatz, genannt »das Arschleder«. Die Damenhose in Weiß, die Herrenhose in Schwarz. Nun sah selbst das gazellenhafteste Topmodel wie ein verschrobener Brummbär aus, sehr lustig und irgendwie gerecht. Doch hier wurde investiert: Ein neuer Overall wurde entworfen, in der Art einer Motorradkombi, figurbetont, mit reflektierenden Streifen. Viel eleganter. Leider weniger komisch.

Dann der große Moment: Rittlings wird die Grubenbahn bestiegen. Man hockt dicht gedrängt hintereinander, was zu einigem Gekicher und Gequietsche Anlass gibt. Heroisches wird nun allen klaustrophobisch Veranlagten abverlangt: Das Loch kommt! Über vierzehn Prozent der Erwachsenen kennen die Angst vor geschlossenen, engen Räumen. Manche rufen vorher an: Schaff ich das? Wie eng ist es? Und kann ich wieder raus, wenn’s mir zu viel wird? Die Dame am Telefon der Südsalz GmbH stellt besorgten Anrufern immer die Gegenfrage: »Halten Sie es in einem engen Fahrstuhl aus?« Wer das überstehe, beteuert sie, komme auch im Salzbergwerk klar.