Dass der lila Kartoffelsalat mit grüner Remoulade zu panierten Kalbshirnröschen die Jury überraschen würde, hatte ich vorausgesehen, als ich Anfang des Jahres den Menüvorschlag von Frau Ursula Mehler gelesen hatte. Sie ist Künstlerin, lebt in Mannheim und besorgt sich ihre Zutaten überwiegend im Elsass. Sie hatte auch noch einen Kalbskopf im Repertoire sowie ein Konfit aus Gänsemägen auf Linsen. Deshalb gab es keinen Zweifel, dass sie mit ihrer Schwester Brigitte Dorn dabei sein musste, als am Montag vergangener Woche das Stuttgarter Wettkochen des ZEIT- Kochwettbewerbs stattfand.

Und ihre Radikalität im Umgang mit den "inneren Werten" teilten auch die anderen Teilnehmer.

Da war der Arzt Albrecht Wieland aus Gründelhardt, der als Vorspeise ein Sumpfschnepfensalmis in den Wettbewerb schickte. Den seltenen Vogel hatte er sich in England besorgt. Danach wollte er mit Meursaultkutteln-Ravioli mit Räucheraalstückchen und Bratkartoffeln punkten. Bei einem meiner Besuche in der Küche kontrollierte ich genau und mit Hilfe eines großen Glases, ob er im Land des Müller-Thurgaus seine Kutteln wirklich in einem Meursault kochte. Tatsächlich! Dass der Doktor Wieland für Extravaganzen gut ist, zeigte auch sein Dessert, das er als "Klatschmohnparfait mit kandierten Zwetschgen, Salep mit Vanille" beschrieb. Und von ihm stammt auch der bemerkenswerte Satz: "Die Herstellung setzt ein gewisses Vertrauen in die Keimfreiheit der Lebensmittel, insbesondere der Eier voraus." Der oder das Salep ist jedenfalls ein Saft aus der Wurzel einer Orchidee, der in der Naturheilmedizin nicht unbekannt ist.

Ingo Sigler, der Industriedesigner aus Schwäbisch Gmünd, hatte eine Idee von Otto Koch aufgegriffen und Würste mit fischigem Inhalt (Hering, Lachs) für die Vorspeise fabriziert. Danach wagte er sich, unterstützt von seinem Bruder Jan, an einen Kalbsbriesstrudel mit Herbsttrompeten und Sauce béarnaise, und schloss sein Menü mit einer Safrancreme aus 30 Safranfäden. Das setzt ein gewisses Vertrauen in die Echtheit der Safranfäden voraus, die so leicht zu zählen sind wie durcheinanderlaufende Ameisen.

Dagegen klingt das Menü von Daniela Zink und Anette Rudolf beinahe schlicht: Hasenhirn auf Wintersalaten, zweierlei Wachtel mit Leber und Bries sowie Orangenparfait.

Und sie kochten und rührten und brieten und schienen nicht nervös zu sein und schwitzten nicht einmal in der Küche des Steigenberger Hotels Graf Zeppelin, denn die war geräumig und trotz vieler Gasherde nicht übermäßig heiß. Was nicht ausschloss, dass allen Beteiligten mehr oder weniger kleine Fehler unterliefen. Da war die Sumpfschnepfe zu hart, den Bratkartoffeln fehlten die krosse Konsistenz und etwas Salz. Darunter litten auch die Kalbshirnröschen, während es den Gänsemägen schadete, dass sie zu scharf angebraten waren. Dagegen vermisste keiner in der Jury den Geschmack des Saleps, weil ihn niemand kannte.