Nehmen wir einmal an, er lebte heute – könnte er dann ein besseres und freieres Leben führen als damals, zu seiner Zeit? Würde es ihm leichter gemacht, Wünsche und Träume zu verwirklichen? Würde man ihn feiern, etwa beim Theatertreffen in Berlin, als den Stückeschreiber der jungen Generation? Fände er eine Liebe, die lebbar wäre? Oder würde er auch heute leiden an den komplizierten Umständen, so, wie er es damals tat?

Es ist seltsam, aber sobald man an ihn denkt, stellen sich unwillkürlich solche Fragen. Das rührt daher, dass man vermutlich erst aus heutiger, historisch und psychoanalytisch geschulter Sicht erkennen kann, wie sehr er seiner Zeit voraus und welch großes Talent er war. Ein zu früh Geborener, der erste moderne Mensch, wie einmal ein Biograf schrieb. Ein selten begabter Außenseiter, der einen Platz für sich in der Gesellschaft suchte und diesen nirgendwo fand. Und der dann eines Tages die scheinbar logische Konsequenz daraus zog.

Geboren wurde er als Sohn eines Kapitäns und dessen zweiter Frau in eine kinderreiche Familie. Die dann allerdings nach und nach auf tragische Art zerbrach: Sowohl der Vater als auch die Mutter starben jung. Im Alter von 16 Jahren war er schon Vollwaise, und diese Erfahrungen von Tod und Abschied sollten ihn prägen. Ein Dichterkollege beschrieb ihn zu Lebzeiten so: "Er ist ein sanfter, ernster Mann…; sein letztes Trauerspiel darf nicht gedruckt werden, weil es zu sehr unsere Zeit betrifft; er…kann aber das Dichten nicht lassen und ist dabei arm." Später, nach seinem Tod, beklagte derselbe Wegbegleiter: "Der arme, gute Kerl, seine poetische Decke war ihm zu kurz, und er hat sein Leben lang ernsthafter als irgendein neuer Dichter daran gereckt und gespannt."

Wer seine Bücher liest, kann erahnen, wie zerrissen und einsam er sich oft gefühlt haben muss, sich selbst vermutlich ganz fremd. Und wie er dann Zuflucht nahm zu dem, was ihm blieb – Schreiben. Dazu gesellten sich Finanz- und Existenzsorgen, die ihn ständig begleiteten. Auch als er, zum Ende hin, eine Zeit lang richtig erfolgreich war als Redakteur einer Tageszeitung – damals eine Novität –, sollte das nicht von Dauer sein. Die Zeitung fand irgendwann nicht mehr genug Leser, der Verleger zog sich zurück. Immerhin hatte er die Blütezeit des Blattes nutzen können, um einige seiner schönsten Texte zu publizieren: Anekdoten, Prosastücke und Essays. Sie belegen, was für ein fantastischer Sprachartist er war. Und dies zeigte sich auch in den Briefen, die er an die Damen seines Herzens verfasste, etwa zeitweilig an seine Braut. Die Verlobung ging gleichwohl in die Brüche. Und eigentlich wollte er ja auch kein Ehemann, sondern Dramatiker sein. Mag sein, dass er mit den fiktiven Figuren oft sogar intensiver lebte als im realen Leben. Angeblich soll er einmal in eine Abendrunde gestürzt sein und laut gerufen haben: "Sie ist tot, ach, sie ist tot!" – die Hauptperson aus dem Drama, an dem er gerade schrieb.

Und heute? Er wäre sicherlich stolz darauf, dass seine Bühnenwerke gespielt werden. Ein Landsmann, der mehr als hundert Jahre später, anders als er, vom Schreiben recht angenehm leben konnte, sagte über ein Stück: "Ich bin entzückt, ich glühe. Das ist das witzig-anmutigste, das geistreichste, das tiefste und schönste Theaterspielwerk der Welt."

Wer wars?

Frauke Döhring

Lösung aus Nr. 21:
Der Vater von Elisabeth Förster-Nietzsche (1846–1935) starb 1849, da war ihre Mutter Franziska 23 Jahre alt. Der zwei Jahre ältere Friedrich durfte sie "Lama" nennen. Zwischen 1870 und 1876 besorgte sie ihrem Bruder, der sie bei Richard Wagner eingeführt hatte, den Haushalt. 1885 heiratete sie Bernhard Förster und folgte ihm nach Paraguay in seine Siedlung Nueva Germania. Nach seinem Selbstmord 1889 kehrte sie 1893 zurück, kümmerte sich in der Villa Silberblick um den kranken Bruder und betreute – oft verfälschend – dessen Werk. 1921 wurde ihr der Dr. phil. h. c. der Universität Jena verliehen