eit Kurzem habe ich etwas gemeinsam mit Saddam Hussein. Seinerzeit verfügte der Machthaber über große Mengen Botulinumtoxin kurz: Botox in seinen Giftwaffendepots. Auch ich horte nun dieses Nervengift, eine kleinere Menge allerdings. Und nicht in Bunkern, sondern in meiner Stirn. Dorthin habe ich es mir spritzen lassen, weil ich zuvor etwas anderes mit dem Tyrannen des Iraks teilte: die zornige Falte auf der Stirn. Ein Abgrund tat sich zwischen meinen Augenbrauen auf, sobald mir etwas missfiel. Wenn Gäste zu lange blieben oder zu kurz.

Wenn sie dummes Zeug redeten oder kluge Sachen, die ich nicht verstand. So ein Ausrufezeichen im Gesicht wirkt unfreundlich, auch wenn man ansonsten gar kein Diktator ist. Zum Glück leben wir in Zeiten, da sich Satzzeichen aus dem Antlitz radieren lassen können.

Das Standardwerk Botox-Buch erklärt gar, bei der Behandlung an der Nasenwurzel entstehe ein Madonnengesicht. Man sehe sympathischer und weniger streng, einfach souveräner aus. Also suchte ich einen Berliner Schönheitschirurgen auf. Ein Mann, so vertrauenswürdig, dass ich mir von ihm auch ein Brustimplantat würde machen lassen. Der Arzt erzählte, dass Botox, behutsam verwendet, kaum gefährlich sei. Das Gift lähmt Muskeln, die ungünstige Gesichtsregungen verursachen. Und die Stirn zusammenzukneifen, merkte der Arzt an, sei ja eine völlig überflüssige Mimik. Ich hatte mich zuvor schlau gemacht und hätte einwenden können, dass der Musculus corrugator supercilii sehr wohl einen Sinn hat: Wenn sich etwa Affen bereit machen zum Kampf, klemmt der Muskel die Brauen zusammen und schützt die Augen. Aber ich habe viel öfter mit Gästen zu tun als mit Kampfaffen. So setzte der Arzt sechs Stiche auf die Stirn. Nun kann ich tatsächlich nicht mehr zornig gucken. Versuche ich es, kommt ein deprimierter Hundeblick heraus. Ich lebe ganz gut damit. Es ist nicht nur das Wissen, sympathischer und weniger streng, einfach souveräner zu sein. Viel erhebender ist, überall Menschen mit Kerben in der Stirn zu entdecken, während ich aussehe wie Madonna. Allen rate ich, sich botoxen zu lassen (bestimmt sind sie dankbar). Ein halbes Jahr bleibe ich faltenfrei. Eine lange Zeit übrigens für eine Erziehungsperson. Wenn meine zweijährige Tochter ihr Milchfläschchen auf den Boden leert, möchte ich ja nicht gleich schimpfen. Wohl aber streng gucken. Ein Ausrufezeichen setzen.

Vermutlich fragt sich die Kleine dann, warum Papa schaut wie ein trauriger Dackel. Ich hoffe, das Kind kommt nicht auf die Idee, dem Hundchen ins Auge zu fassen. Dann würde ich wirklich wütend. Sobald das wieder geht.

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Das Trägt man jetzt so