Die Tänzerin im langen Seidenkleid liegt am Boden, das Gesicht verdeckt. Die Zuschauer dort im Foyer, die an ihrem Pausenwein nippen, schauen kurz hin, plaudern weiter. Bald steht die Tänzerin wieder auf und geht. Was bleibt? Das Neue Stück von Pina Bausch lenkt den Blick auf das, was am Boden ist. Und weil ihr Thema nie etwas anderes als der Mensch ist, steht diesmal nichts anderes auf der Bühne, keine Erde, kein Wasser, keine Pappe, nur sekundenkurz mal ein Stuhl. Die Rückwand ist weißer Stoff, in unzählige Falten gequetscht, ein Vorhang, der geschlossen bleibt hinter dem, was sich offen auf der Bühne abspielt. Was sehen wir wirklich?

Männer in Anzughose und Hemd hetzen über die Bühne oder krauchen auf allen Vieren, einer balanciert nackte Äste, wird halb zum Baum, ein anderer verliert die Fassung. Zwei tragen eine Frau wie ein Brett, stauchen sie zwischendurch klein. Andere Frauen werden, an Händen oder Füßen gehalten, im Kreis geschleudert oder, eng umfasst, so heftig geschüttelt, dass es kein Tanz mehr ist. Dazwischen reihen sich vergnüglichere Szenen, alles übergossen mit melancholischer Popmusik, fernem Orient-Echo. Künstlich, doch im Herzrhythmus.

Das Wuppertaler Tanztheater bildet die Eindrücke, die es auf einer Indienreise sammelte, nie direkt ab, sondern formt sie zu abstrakten Bildern, schönen, aber auch gewaltsamen. Wobei Gewalt auf der Bühne nur angedeutet wird, sich erst in der Wahrnehmung des Zuschauers entfaltet. Die grandiosen Solisten scheinen eben jene ambivalenten Gefühlsbewegungen auszudrücken, wenn die Körper ausschlagen, fallen, sich strecken und knicken lassen. Sie geben sich der Eigendynamik des Tanzes hin, und wer das erlebt, wird mitbewegt und aus dem Zuschauerraum hinausgetragen in eine andere Welt.