Als kleines Kind, wenn meine Mutter mich morgens weckte, waren meine ersten Worte immer: "Ich habe etwas geträumt… Das wurde ein Witz in unserer Familie, denn meine Mutter musste aus dem Zimmer flüchten, bevor ich wach genug war, um loszusprudeln. Unter zehn Minuten wäre sie nicht davongekommen. Schon damals waren meine Träume vollkommen verrückt. Ich flog um die Welt. In Farbe. Und es erschien mir so real wie die Wirklichkeit.

Nicht nur meine Mutter, eigentlich alle Menschen um mich herum haben zeit meines Lebens die Augen verdreht und gesagt: "Nicht schon wieder! Erzähl bitte nichts von deinem Traum!" Später fanden einige meiner Freunde großen Spaß daran, die Bedeutung meiner Träume zu diskutieren. Einige waren sehr gut darin. Ich selbst war nie in der Lage, meine Träume zu deuten, es sei denn, da war ein Widerhall in meinem wirklichen Leben. Ich dachte niemals: Oh, das könnte vielleicht ein Symbol für dies oder jenes sein. Mir fehlt bis heute der Schlüssel, um den Code zu knacken.

Als ich 15 Jahre alt war, hatte ich einen Kassettenrekorder in meinem Schlafzimmer. Wenn ich nachts aufwachte, drehte ich mich einfach auf die Seite und sprach ins Mikrofon. Später habe ich mir beigebracht, meine Träume aufzuschreiben. Ich war so gut darin, alles auf Papier festzuhalten, dass ich manchmal morgens etwas Geschriebenes vorfand, ohne zu wissen, wie es dahin gekommen war. Es fühlte sich an, als würde man Schmetterlinge an eine Korkwand pinnen. Ich habe noch heute etliche Bücher voll davon, ein Archiv von Träumen. Sie sind mein wahres Tagebuch.

Bei meiner ersten Band, so schlecht sie auch war, entstammten alle meine Texte meinen Träumen. Sie hatten keinen Sinn, sie waren einfach ein Stream of Consciousness, es waren Fotografien von Traumlandschaften, alle meine Bilder kamen von dort. Aber in Wirklichkeit waren es keine guten Songs, weil sie nur für mich Sinn ergaben. Das ist eine egoistische Art, Musik zu machen. Wenn man etwas zum Hören macht, dann tut man das schließlich nicht nur für sich selbst.

Später hörte ich von "luziden Träumen" oder "Klarträumen", in denen sich der Träumer bewusst ist, dass er träumt, und beginnt, seine Träume zu steuern. Ich dachte sofort: Das will ich lernen! Doch es bereitete mir wenig Vergnügen. Es fehlte die Überraschung. Ein Traum war für mich dann toll, wenn etwas geschah, das besser war als alles, was ich mir hätte ausdenken können.

Ich habe noch nie in meinem Leben einen Horrorfilm gesehen. Unter anderem deshalb, weil meine Vorstellungskraft schon so viel starkes Material produzierte. Warum sollte ich noch mehr Bilder hinzufügen? Vielleicht würde ich mich nie mehr sicher fühlen, wenn ich schlafen gehe oder allein ein dunkles Zimmer mit einem großen Spiegel betrete. Mein Geist ist für mich wie heiliger Boden. Ich wollte immer, dass das Material für meine Geschichten aus mir selbst heraus kommt statt aus schlechten Filmen.

Ich bin eigentlich ohne Angst aufgewachsen, zumindest ohne Furcht, was mein wirkliches Leben betraf. In unserer Fantasie sind natürlich Archetypen gespeichert, der böse Mann zum Beispiel oder Geister und Monster. Ich wollte nicht noch mehr Angst haben, als ohnehin schon naturgegeben in mir ist.

Wenn ich schlechte Träume habe, dann sind sie oft Wegweiser für mein wirkliches Leben. Es ist eine Botschaft, die mir sagt, dass ich an einen eher schattigen Teil meiner Seele oder eine tief sitzende Sorge nicht herankomme. Egal, ob ich dabei dann eine Nacht schlecht schlafe – ich kann diesen Botschaften trauen. Sie helfen mir, wenn ich aufwache.