Jeremy Rifkin, bekannt durch sein Engagement für die Wasserstofftechnik, hat bemerkt, dass wir alle miteinander verwandt sind. Das sogenannte Genographische Projekt der ehrwürdigen National Geographic Society, an dem er sich beteiligte, fand heraus, dass Rifkins ältester männlicher Vorfahr vor 50000 Jahren in Afrika lebte und dass von diesem Vorfahr alle übrigen Menschen auch abstammen. Mit anderen Worten: Die ganze Menschheit ist eine Familie. Schiller hätte es nicht schöner sagen können. Die Frage ist nur, ob die Hoffnungen berechtigt sind, die Rifkin daran knüpft: dass sich damit auch aller Hass und Hader erübrigen, die uns bisher entzweien.

Die aktuellen Vorgänge in den Familien Sarkozy (Paris) und Käßmann (Hannover) sprechen eher dagegen. Der französische Staatspräsident musste erleben, dass die eigene Frau seiner Wahl fernblieb - unvergessen ist auch ihr Seitensprung mit einem Werbefuzzy vor zwei Jahren. Die niedersächsische Landesbischöfin wiederum hat sich gerade scheiden lassen, was auch kein Vorgang ist, über den sich die Kirche freut, die auf Ehe und Familie setzt. Die Verwandtschaft überhaupt ist seit der Antike als Quelle politischer Zwietracht berühmt. Man muss nicht unbedingt die Atriden bemühen, um sich besorgt zu fragen, ob eine Menschheit, die sich als Familie sieht, nicht erst recht zum Messer greifen wird. Der Toleranz, so viel ist klar, wird es nicht förderlich sein, wenn wir die fremden Sitten, die wir bisher der fremden Sippe zuschrieben, nunmehr als Entartung unserer eigenen Vetternschaft begreifen müssen.

Und noch etwas kommt erschwerend hinzu. Es gibt offenbar nicht nur einen gemeinsamen Urvater, sondern auch, wie das Genographische Projekt ermittelte, eine gemeinsame Urmutter. Man könnte also, wenn man nach den Ahnen unserer gegenwärtigen Familienkrise fahndete, auch von Adam und Eva sprechen. Oder, noch einmal anders ausgedrückt: Die Bibel hat doch recht. Jawohl, es gab das unselige Paar, und, jawohl, es wurde aus dem Paradies vertrieben. Das wird die aufgeklärten Atheisten unter unseren Familienplanern nicht freuen. Christen und Muslime und Juden, die schon immer auf Adam und Eva setzten, werden sich vor Wiedersehensfreude heulend in den Armen liegen. Der Gottlose aber wird abseits sein Fäustchen ballen und den Verrat einer Genforschung beklagen, auf die er einst seine Hoffnung setzte.

So ist das jetzt. Wir sind alle verwandt und müssen gemeinsam mit Jeremy Rifkin das Wasserstoffsüppchen auslöffeln. Aus dem G8-Gipfel wird ein Familienrat, aus der Globalisierung eine Familienaufstellung, und Margot Käßmann kann nie wieder heiraten, weil sie mit allen Männern schon verwandt ist. Sarkozy aber kann sich trösten, dass alle Affären seiner Frau eh in der Familie bleiben.