Ich kenne diese Stimme, aber so aufgekratzt habe ich sie noch nie gehört. Es ist Sonntagmorgen, das Telefon klingelt, und weil ich noch im Bett liege, geht der Anrufbeantworter dran. Am anderen Ende ist mein alter Freund Sebastian aus Stuttgart. Er singt. Besser gesagt: Er versucht zu singen. Eine Melodie erkenne ich nicht, dafür hat er vergangene Nacht zu lang gefeiert, aber viel wichtiger ist ohnehin der Text, den er mir durch die Leitung schickt: "Alle werden Meister, nur Kuranyi nicht."

Das ist keine Häme. Da bricht eine tiefe Wunde wieder auf. In diesem Moment wird mir klar, warum am Samstagabend geschätzte 200000 Schwaben kollektiv ausgeflippt sind. Nicht nur, weil der Titelgewinn des VfB so überraschend war. Sondern weil wir VfB-Fans in der Vergangenheit so viel ertragen mussten. Wir mussten ertragen, dass uns die besten Spieler weggekauft wurden: Giovane Elber vom FC Bayern, Kevin Kuranyi und Marcelo Bordon von Schalke 04, Alexander Hleb von Arsenal London.

Wir mussten ertragen, dass sie uns einmal sogar den Trainer wegkauften: Felix Magath, der 2004 zu den Bayern ging. Wir mussten ertragen, dass bei uns jahrelang der Finanzdirektor das sportliche Sagen hatte, weil der Verein auf einem Schuldenberg saß und sich im wirtschaftsstarken Schwabenland partout niemand fand, der diesen Berg abtragen half. Und wir mussten ertragen, in einem der letzten Stadien zu spielen, in dem eine Tartanbahn die Zuschauer vom Spielfeld trennt während die Konkurrenz in München und Hamburg, ja selbst in Hannover sich moderne Fußballtempel baute.

"Alles wurscht", sagt Sebastian, als wir am Sonntagabend ausgeschlafen noch einmal telefonieren. Wir sprechen über Armin Veh, den Trainer, den erst keiner wollte und der uns nun den schönsten Fußball seit Langem beschert: schnell, immer nach vorne, eine deutsche Variante des One-Touch-Fußballs, so wie ihn Arsenal zeigt. Wir reden über die Mannschaft mit dem jüngsten Altersdurchschnitt der Liga - ein Team, in dem Spieler wie Sami Khedira oder Serdar Tasci, die letztes Jahr noch in der A-Jugend kickten, Großes leisten. Wir lästern über Uli Hoeneß, den Bayern-Manager, der für zwei Millionen Dollar Julio dos Santos aus Paraguay holte, nur um ihn erst auf die Tribüne und dann nach Wolfsburg zu verfrachten. Der VfB holte Roberto Hilbert, Zweitligaspieler aus Fürth. Er kickt heute in der Nationalmannschaft.

Und dann kommen wir darauf, wie schwer es für den VfB sein wird, ganz oben zu bleiben. Fußballer sind abergläubisch, und Fußballfans sind es noch viel mehr. Und ist der VfB nach den letzten Erfolgen nicht jedes Mal abgestürzt? So war es 1984, als wir Meister wurden, mit den Förster-Brüdern und, vor allem, mit Helmut Benthaus als Trainer.

Benthaus sollte damals sogar Bundestrainer werden. Er blieb beim VfB, im Jahr darauf wurden wir mit Ach und Krach Tabellenzehnter. Heute verkauft Helmut Benthaus Versicherungen in der Schweiz.

Oder 1992, als uns Christoph Daum zum Titel führte. Wir spielten im Europapokal der Landesmeister, die Champions League begann damals erst nach zwei K.-o.-Runden, und im ersten Spiel gegen Leeds wechselte Daum einen vierten Ausländer ein einen zu viel. Der VfB flog raus.