Die Gefahr sei, sagt die Unternehmensberaterin Gertrud Höhler, dass die Frauensteuer eine "positive Diskriminierung" erzeuge. Den Staat als Hilfe zu haben, schwäche das Selbstbewusstsein der Frauen, statt es zu stärken. Außerdem, ergänzt die Schriftstellerin Thea Dorn: Wer garantiert, dass der Arbeitgeber den Lohn nicht in gleichem Maße herabsetzt, wie die Steuer sinkt? Sodass den Frauen kein Vorteil bleibt, sondern ausschließlich der Wirtschaft. Christine Scheel, die Finanzexpertin der Grünen, glaubt: "Wenn Frauen weniger brutto verdienen, bekommen sie später weniger Rente."

Und schließlich hört man immer wieder jenes Argument, das Hildegard Müller das entscheidende nennt: Die Idee sei nicht vereinbar mit Artikel 3 des Grundgesetzes, dem Gleichheitsgrundsatz, und auch nicht mit dem Diskriminierungsverbot der EU. Jeder Mann könnte gegen ein solches Steuergesetz klagen – und hätte vermutlich Erfolg.

Vielleicht muss man ein bisschen außen stehen, so wie Gertrud Höhler, um der Idee etwas abzugewinnen. "Was mir an ihr gefällt", sagt Gertrud Höhler, "ist der Gedanke, dass Frauen einen Bonus dafür kriegen, dass sie die Kinder auf die Welt bringen und sich viel öfter um sie kümmern."

Es ist nicht leicht zu sagen, woher die Bedenken der Politik kommen. Ob es am Inhalt des Vorschlags liegt oder daran, dass es nach der vollzogenen Hartz- und der verhinderten Kirchhof-Reform einen Überdruss an radikalen Ideen gibt. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich niemand traut, eine Idee zu unterstützen, die noch nicht durch hundert Gremien gewandert ist. Es scheint, sagen Alesina und Ichino, als sei es wie immer: Mit einem neuen, ungewohnten Vorschlag stifte man erst mal Verwirrung, die Menschen fühlten sich überfordert und persönlich angegriffen, ganz gleich, zu welchem Lager sie gehören.

Wenn man sie auf die Gefahr von Dumpinglöhnen anspricht, dann wiegeln sie ab. "Mag sein", sagt Ichino, "dass die Unternehmen nach unserer Reform erst mal die Löhne drücken werden, aber sie haben diese Chance nur für einen Augenblick. Ich gehe davon aus, dass andere Unternehmen in dieser Situation gute Geschäfte wittern. Sie drängen in den Markt. Deshalb würden mit der Nachfrage nach Arbeitskräften auf lange Sicht auch die Löhne wieder steigen." In Deutschland fürchtet man, dass es vor allem in den Steuerämtern neue Arbeitsplätze geben würde. "Aber es ist ein denkbar einfaches System. Abgesehen davon bin ich mir nicht sicher, ob es überhaupt möglich ist, ein Steuersystem wie das deutsche oder italienische noch schwieriger zu machen."

Wie soll das gehen, Diskriminierung abzuschaffen, wenn man sie gleichzeitig in einem Steuergesetz zementiert? "Sehen Sie es doch mal so: Die Gleichheit mag in den Gesetzestexten existieren, aber jenseits dieser Bücher existiert sie nicht. Um Frauen zu helfen, denkt der Staat sich Dinge aus, führt Quoten ein, schafft Kindertagesstätten, fördert Firmen, wenn sie Frauen einstellen. Aber was macht das für einen Unterschied? Ist ein Staat, der diese Dinge tut, weniger diskriminierend? Behandelt er etwa die Frauen gleich? Für mich sieht es so aus, als würde auch der Staat versuchen, Ungleichheiten auszubalancieren, indem er neue Ungleichheiten schafft. Anders ausgedrückt: Es ist dasselbe Ziel, das wir verfolgen, aber wir glauben, es über einen anderen Weg zu finden, und dieser Weg scheint mir verfassungsrechtlich so vertretbar wie die anderen Wege auch." Hatten Sie an Ihrem Vorschlag niemals Zweifel? "Anfangs ja. Es waren Zweifel, wie man sie immer hat als Wissenschaftler. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir."