Die Furcht ist eines der größten Lebensprobleme. Ein Mensch, der von Furcht ergriffen ist, lebt in Verwirrung, in Konflikt und muss daher gewalttätig, verkrampft und aggressiv sein. Er wagt es nicht, sich von seiner Denkschablone hinwegzubewegen – und das erzeugt Heuchelei. Solange wir nicht frei von Furcht sind, mögen wir den höchsten Berg erklimmen, Götter jeder Art erfinden – wir werden weiterhin in der Finsternis bleiben.

In einer verdorbenen, stumpfsinnigen Gesellschaft wie der unseren zu leben, mit ihrer auf Wettbewerb ausgerichteten Erziehung, die man uns angedeihen lässt und die die Furcht hervorruft, sind wir alle mit Ängsten irgendwelcher Art belastet; und Angst ist etwas Schreckliches; sie verdüstert unsere Tage, macht sie wirr und glanzlos.

Es gibt eine physische Furcht, aber das ist eine Reaktion, die wir von den Tieren übernommen haben. Wir befassen uns hier mit den psychologischen Ängsten; denn wenn wir die tief verwurzelten psychologischen Ängste verstehen, werden wir fähig sein, den animalischen Ängsten zu begegnen. Wenn wir uns dagegen zuerst mit den animalischen Ängsten beschäftigen, wird uns das nicht dabei helfen, die psychologische Furcht zu verstehen.

Wir alle fürchten uns vor irgendetwas. Es gibt keine abstrakte Furcht. Furcht besteht immer in Bezug auf ein Objekt. Kennen Sie Ihre eigenen Ängste – die Furcht, Ihre Arbeit zu verlieren, nicht genug Nahrung oder Geld zu haben, die Furcht vor dem, was Ihre Nachbarn oder was die Öffentlichkeit von Ihnen denkt, die Furcht, keinen Erfolg zu haben, Ihren Rang in der Gesellschaft zu verlieren, verachtet oder lächerlich gemacht zu werden? Da ist die Furcht vor Kummer und Krankheit, vor Willkür, die Furcht, niemals zu erfahren, was Liebe ist, oder nicht geliebt zu werden, Ihre Frau oder Ihre Kinder zu verlieren, die Furcht vor dem Tode oder davor, in einer Welt zu leben, die dem Tode gleichkommt, die Furcht vor grässlicher Langeweile oder davor, nicht dem Bilde gerecht zu werden, das andere von Ihnen aufgerichtet haben, Ihren Glauben zu verlieren – alle diese und unzählige andere Ängste gibt es. Kennen Sie Ihre ureigenen Ängste? Und was fangen Sie im Allgemeinen mit ihnen an? Sie laufen vor ihnen davon oder erfinden Ideen und Trugbilder, um sie zu verdecken. Aber vor der Furcht zu fliehen bedeutet nur, sie zu verstärken.

Eine der Hauptursachen der Furcht liegt darin, dass wir nicht wünschen, uns so zu sehen, wie wir sind. So müssen wir denn zugleich mit den Ängsten das Netz der Fluchtmöglichkeiten entflechten, das wir geknüpft haben, um uns von den Ängsten zu befreien. Wenn der Geist – wozu auch das Gehirn gehört – versucht, die Furcht zu überwinden, sie zu unterdrücken, zu disziplinieren, sie unter Kontrolle zu halten, sie anders zu benennen, entsteht Spannung, entsteht Konflikt, und dieser Konflikt ist Energieverschwendung.

So müssen wir uns als Erstes fragen, was Furcht ist und wie sie entsteht. Was meinen wir mit dem Wort Furcht? Ich frage mich, was Furcht ist, nicht wovor ich mich fürchte.

Ich lebe in einer bestimmten Art. Ich denke nach einer festgelegten Schablone, ich habe bestimmte Überzeugungen und Dogmen, und ich wünsche nicht, dass diese Existenzformen ins Wanken geraten, weil ich in ihnen verwurzelt bin. Ich möchte es nicht, weil die Störung einen Zustand der Ungewissheit hervorruft, und das mag ich nicht. Wenn ich von allem, was ich weiß und woran ich glaube, hinweggerissen werde, möchte ich verständlicherweise Gewissheit über die Dinge haben, denen ich mich zuwende. Darum haben die Gehirnzellen ein Modell geschaffen, und sie weigern sich, eine andere Norm aufzubauen, die voller Ungewissheit sein mag. Diesen Prozess, der von der Gewissheit zur Ungewissheit führt, bezeichne ich als Furcht.

In diesem Augenblick, da ich hier sitze, fürchte ich mich nicht. Ich habe momentan keine Angst, mir geschieht nichts, niemand bedroht mich oder nimmt mir etwas fort. Aber neben diesem augenblicklichen Zustand gibt es eine tiefere Schicht in mir, die bewusst oder unbewusst darüber nachdenkt, was sich in der Zukunft ereignen könnte, oder die sich damit abquält, dass vielleicht etwas aus der Vergangenheit über mich herfallen mag. So fürchte ich mich vor der Vergangenheit und vor der Zukunft. Ich habe die Zeit in Vergangenheit und Zukunft eingeteilt. Das Denken mischt sich ein und sagt: „Sei vorsichtig, dass es nicht wieder passiert“, oder: „Sei auf die Zukunft vorbereitet. Die Zukunft mag für dich gefahrvoll sein; du besitzt jetzt etwas, aber du kannst es verlieren. Du kannst morgen sterben, deine Frau läuft dir vielleicht davon, du kannst deine Arbeit verlieren, wirst vielleicht nie berühmt werden. Du magst vereinsamen. Du möchtest in Bezug auf die Zukunft völlig sicher sein.“