Alleinerziehender Vater scheitert an der exorbitanten musikalischen Begabung seiner Tochter, die darüber verrückt wird und sich umbringt; der Vater folgt ihr wenig später nach – so viel zum Inhalt des neuen Romans Lea von Pascal Mercier, der vor ein paar Jahren durch den Nachtzug nach Lissabon berühmt wurde. Dass ein gelehrter Autor, er ist immerhin Philosophieprofessor aus Bern, sich einer romantischen Großplattitüde, nämlich der besonderen Verwandtschaft von Genie und Wahnsinn bedient, gibt doch zu einigem Staunen Anlass. Was will er mit diesem Buch? Wenn man ihm nicht direkt eine schamlose Spekulation auf Tränendrüse und Schauderlust des Lesers unterstellen will, bleibt das eine durchaus offene Frage.

Denn der Roman hat eine Rahmenkonstruktion, die alles, was darin erzählt wird, in Anführungszeichen setzt. Wir wissen nicht, was wirklich passiert ist, wir hören es nur aus dem Munde des Vaters, der es im Rückblick einem anderen, zufällig getroffenen Mann erzählt, um dessen Familienleben es ebenfalls nicht zum Besten steht. Zwei geschiedene Väter beugen sich über das unbegreiflich traurige Schicksal des geigenden Wunderkindes; man könnte auch den Verdacht hegen: Sie lügen sich solidarisch was in die Tasche. Das Klischee von Genie und Wahnsinn wäre dann keines, das man dem Autor anlasten müsste, sondern eines, was der Vater bemüht, um die Verantwortung für den Tod seiner Tochter von sich zu schieben.

Es gibt Indizien für eine solche Lesart. Wie in einem Palimpsest schimmert hinter der romantischen Erzählung von einer tödlichen Begabung eine andere Geschichte durch, die mit Musik und Genie und den dunklen Mächten des Kunstschönen gar nichts zu tun hat, sondern von einer Kommunikationsstörung berichtet. Der Vater nämlich, weit davon entfernt, bremsend und begütigend auf die Tochter einzuwirken, ordnet sich ihrem maßlosen Ehrgeiz und geigerischen Fanatismus nahezu willenlos unter und ringt nur abseits stumm die Hände. Er benutzt in geradezu enervierender Häufung Formeln brennender Sorge, kommenden Schreckens, unaufhaltsamen Verhängnisses, als sei immer schon ausgemacht, dass geniale Begabung ins Unglück führen müsse und er dabei nur zuschauen könne.

Mercier hat seinem Buch das Motto einer altarmenischen Grabinschrift vorangestellt: "Wir werfen die Schatten unserer Gefühle auf die anderen und sie ihren auf uns". Die Tochter, könnte man im Sinne dieses Mottos sagen, ist das Opfer der Projektionen ihres Vaters geworden. Sie war dazu verurteilt, alle Befürchtungen wahr zu machen, die dieser von Anbeginn auf ihr Geigenspiel gerichtet hat. Warum fürchtete er die Violine so? Aus Eifersucht. Und warum förderte er es trotzdem? Aus Angst, ausgeschlossen zu werden. Die Botschaft des Buches, wenn es so gelesen wird, müsste lauten: Liebe Eltern, verschont die Kinder mit eurer kitschigen Gefühlswelt.

Leider ist es aber nicht zwingend, das Buch so zu lesen. Man kann auch nicht behaupten, dass der Autor viel unternimmt, die Sympathie für den Vater zu erschüttern. Im Gegenteil, der erzählende Vater wird durch die Anteilnahme seines Zuhörers allmählich zu einer Identifikationsfigur aufgebaut. Er tut uns leid; aber nicht wegen seiner Blind- und Blödheit, sondern wegen seiner Verstrickung in ein unheimliches Räderwerk des Kunstbösen. Fatale Randfiguren ebenfalls gescheiterter Geiger säumen den Leidensweg der Tochter, und so beginnt auch der Leser, an den Unheilskitsch des Vaters zu glauben und als Perspektive des Autors zu nehmen.

Wie rettet man Pascal Mercier vor der Denunziation durch sein eigenes Buch? Einfach ist das nicht. Man könnte es mit der Überlegung versuchen, der Autor wolle den Leser auf raffinierte Weise zum Komplizen des Vaters machen, also ebenfalls zum Kitschblick auf die Tochter verführen und dann erleben lassen, welches Unheil schlechte Romantik anrichtet. Es wäre ein großer pädagogischer Umweg für eine kleine Erkenntnis – aber wer weiß schon, zu welchen didaktischen Kniffen ein Professor heutzutage greifen muss.