Chiemgau
Glückliche Kühe, die unter weiß-blauem Himmel auf grüner Wiese grasen und von ebenso glücklichen Touristenkindern geherzt werden, gehören zu den Klischees der bayerischen Fremdenverkehrswerbung. Seht her, bei uns ist die Welt noch in Ordnung, sollen die Bilder suggerieren. Doch das harmonische Miteinander von Tier und Mensch ist in Gefahr. "Verschwinden die Kühe bald von der Weide?", fragt der Bund Naturschutz (BN), Bayerns größter Umweltverband, und malt ein recht unharmonisches Bild von der Zukunft der bäuerlichen Kulturlandschaft mit ihrem heute noch so abwechslungsreichen Fleckenteppich von Wald, Kuhweide und Ackerland.

Immer mehr Weiden werden in Wald verwandelt oder in Ackerland, etwa für den boomenden Anbau von Energiepflanzen wie Mais. Laut BN ist der Grünlandanteil in Bayern seit 1980 von 1,37 Millionen Hektar um 220.000 Hektar auf 1,15 Millionen Hektar zurückgegangen. "Wenn 2015 EU-weit die Milchquoten wegfallen, könnte sich diese Entwicklung noch deutlich beschleunigen", fürchtet der Biobauer Hans Urbauer aus dem Chiemgau, der seine 23 Milchkühe noch täglich selbst auf die Weide treibt. "Die Milcherzeugung wird dann wahrscheinlich auf Kosten der überwiegend kleineren bayerischen Betriebe noch stärker in besonders effiziente Großbetriebe in Nord- und Ostdeutschland oder andere Länder der EU abwandern."

Weniger Grünland bedeutet automatisch weniger Kühe. Dass die Herden der genügsamen Wiederkäuer aus der Landschaft zu verschwinden drohen, hat aber noch andere Gründe. Für ihre immer größeren Höfe müssen die Bauern neue Ställe bauen. Im Sinne des Tierschutzes sind die heute üblichen geräumigen Laufställe mit automatisierter Fütterung und modernen "Melkstationen" zwar ein Fortschritt gegenüber der traditionellen "Anbindehaltung", bei der die Kühe, zumindest im Winter, in Bügeln vor dem Futtertrog feststecken. Doch raus auf die Weide müssen die Tiere dann nicht mehr unbedingt. Oft liegen zugepachtete Weideflächen auch abseits der Höfe und sind für den Austrieb der Tiere ungeeignet. Dazu kommen der wachsende Verkehr und die zunehmende Rücksichtslosigkeit vieler Autofahrer gegenüber Kuhherden, die langsam auf Straßen zur Weide oder zurück zum Stall unterwegs sind. Außerdem hat das Sterben der Dorfschulen seine Auswirkungen. "Die Kinder müssen immer weiter fahren, um auf die Schule zu kommen, und können morgens und abends nicht mehr beim Austrieb helfen."

Damit die frei grasende Kuh nicht zum Auslaufmodell wird, fordern die Umweltschützer von der bayerischen Landesregierung eine "Beweidungsprämie" für Bauern, die ihre Tiere noch im Freien halten. Genau dies hatte die grüne Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn 2003 in Nordrhein-Westfalen eingeführt, ihr Nachfolger Eckhard Uhlenberg (CDU) hat die Förderung 2005 fortgesetzt. Mit Erfolg. "Dadurch können wir die höheren Kosten, die die Weidehaltung verursacht, abfedern", sagt Uhlenberg. "Der Trend zur ganzjährigen Stallhaltung soll damit etwas abgebremst werden."

Derzeit kommen rund 40 Prozent aller Bauern in NRW, die Milchvieh halten, in den Genuss der Prämie, die bei 50 bis 70 Euro pro Kuh und Jahr liegt. Die Kosten teilen sich Bund, Land und EU. "Auch unsere Tourismusregionen wie das Sauerland oder die Eifel haben davon etwas, weil eine offene, abwechslungsreiche Landschaft erhalten wird", sagt Uhlenberg. Allerdings soll das Finanzierungsmodell aufgrund sinkender EU-Mittel im Jahr 2010 auslaufen.

Bayern lehnt eine Beweidungsprämie ab. Der damit verbundene Verwaltungs- und Kontrollaufwand sei zu hoch, lässt das Landwirtschaftsministerium in München verlauten. Im Fall der Bergbauern sieht man das offenbar anders. Die werden auf den 1400 bayerischen Almen und Alpen (so heißen Almen im Allgäu) gefördert, um zu verhindern, dass die für den Tourismus wichtigen Hochweiden zuwachsen. Laut Ministerium ist die Zahl von etwa 51.000 Rindern auf den Almen in den letzten Jahren ziemlich konstant geblieben. Auf den Bergweiden grasen jedoch meist keine Milchkühe mehr, sondern Jungvieh beiderlei Geschlechts, das sich bei der Kraxelei in der Höhenluft abhärten soll.