Der Professor für angewandte Aerodynamik sinkt auf das samtene Stuhlpolster. Gleich wird er seine Erfindung zum ersten Mal im Konzert erleben. Applaus, die Sächsische Staatskapelle betritt die Bühne der Semperoper, zum Schluss erscheint der dritte Fagottist. Er zwängt sich in die vorletzte Reihe zwischen Pauke und Oboen. Heute Abend, während Bruckners Sinfonie Nr. 9 d-moll, wird er Energie sparen, etwa 30 Prozent. Anders als seine beiden Kollegen bläst er in die patentierte Konstruktion des Professors.

Kurz zuvor, im Foyer. Roger Grundmann erläutert noch rasch seine Idee. Leise klirrend, zieht der Ingenieur zwei Metallbügel aus der Sakkotasche, einer sanft geschwungen, der andere scharf abknickend: Anblasrohre für das Fagott. »So ein S-Bogen ist ein technischer Diffusor«, erklärt Grundmann. Das heißt, die Luft strömt mit niedrigem Druck schnell hinein, mit hohem Druck langsam hinaus. »In jeder Krümmung wird außerdem ein sekundärer Wirbel angeregt, der die Reibung erhöht«, fährt der Aerodynamikfachmann fort. Das erfordert vom Bläser zusätzliche Puste. »In meinem Bogen fließt die Luft so lange wie möglich geradeaus«, sagt Grundmann und hält das Knickrohr in die Höhe. »Dann muss sie schnell abbiegen, da geht der Reibungsbeiwert enorm hoch, aber erst spät und nur kurz.« Insgesamt ist der Luftwiderstand seiner Konstruktion um ein Drittel geringer als beim althergebrachten, geschwungenen Modell, hat der Ingenieur ausgerechnet. Für den dritten Fagottisten heißt das: Weniger pusten, die hohen Töne sind leichter zu erreichen, ebenso mehr Klangfarben. Grundmann zupft ein wenig verträumt an seinem weißen Bart. »Das ist schon toll, wenn das zweigestrichene D ganz leicht kommt.«

Der Strömungsmechaniker kennt das Instrument gut. Vor sechs Jahren, da war er 58, beschloss er, sich selbst das Fagottspielen beizubringen. Fasziniert hatte ihn das Blasinstrument mit den tiefen Tönen schon als Kind. Ein Mitschüler hatte es in der Klasse vorgeführt. »Der spielte ein Kontra-B, da wackelte die Klapptafel«, erzählt Roger Grundmann. Der tiefe Ton, die langsamen Schwingungen, das war seine Welt. Fünfzig Jahre später wollte er das Instrument endlich selbst beherrschen. Mit einem Fagott aus Tschechien begann er zu üben. Eines der beiden mitgelieferten Anblasrohre schien schadhaft. »Das war verformt«, sagt Grundmann. Der Ingenieur fing an, daran herumzubiegen und – wo er schon einmal dabei war – das Gerät zu optimieren.

Grundmann nahm die Bögen mit ins Institut für Luft- und Raumfahrttechnik der TU Dresden, einem Plattenbau aus rosa Waschbeton. An seinem Schreibtisch tat er, was er immer tut, wenn er Genaueres über eine Strömung erfahren will: Er baute das Untersuchungsobjekt im Computer nach und simulierte den Luftstrom. Dann analysierte er die Druck- und Geschwindigkeitsverteilung. Auf ähnliche Weise untersucht er, wie man mit Magnetfeldern Flüssigkeiten dirigieren kann, zum Beispiel damit sich Metallschmelzen gut mixen lassen.

Die Profimusiker reagierten auf die Neuerung skeptisch

Grundmann ist kein Experimentator, sondern Numeriker. »Ich rechne, was man nicht sieht«, sagt er. Die Luftfahrt hatte der numerischen Strömungsmechanik in den siebziger Jahren Auftrieb gegeben, damals arbeitete Grundmann gerade am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln-Porz. »Jetzt kann ich diese Rechnerei endlich auf die Musik übertragen«, sagt der Ingenieur. Es klingt ein bisschen, als hätte er die Lösung für ein komplexes Problem gefunden.

Musik und Rechnerei standen für Grundmann anfangs in keinem besonders harmonischen Verhältnis. Seit er 16 war, zog er mit seiner Jazzband durch die Kneipen seiner Heimatstadt Berlin. Sie spielten Songs von den Beatles, vor allem aber von den Beach Boys. Grundmann stand am Kontrabass. Den hatte er für sich entdeckt, als ein Freund sein Instrument bei ihm untergestellt hatte. »Ich lag krank im Bett, der Bass daneben, da hab ich mal gezupft. Das war ein Vergnügen!«, erinnert er sich. Da war er wieder, der tiefe Ton.

Schnell fanden sich Musiker für eine Combo, die turbulenten sechziger Jahre begannen. »Wir haben mit den besten Berliner Bands gespielt, heftigst gejazzt«, erzählt Grundmann. Die Schule litt unter den nächtlichen Sessions, das Abitur schaffte er trotzdem, dann litt das Studium. Bis er nach dem Vordiplom die Band verließ. Die Rechnerei profitierte.

Vierzig Jahre später analysierte der Ingenieur die Strömungseigenschaften des Fagott-Anblasrohrs am Computer. Er werkelte am virtuellen S-Bogen herum und skizzierte ein strömungsmechanisch verbessertes Modell. Ein Blasinstrumentenbauer übernahm die Fertigung, ein weiterer lieferte seine eigene überarbeitete Version. Nun musste wissenschaftlich präzis verglichen werden, am Experiment führte kein Weg vorbei. Im Keller des Plattenbaus bastelte der Professor deshalb mit seinen Mitarbeitern einen Musikinstrumentenprüfstand.

Das Gerät hat Lippen aus Plastikschläuchen, die mittels einer kleinen Handpumpe auf den richtigen Druck justiert werden, damit sie sich exakt um das Doppelrohrblatt schließen. Das ist das eigentliche Mundstück des Fagotts, es steckt auf dem S-Bogen. Für ausdauernden und kontrollierten Blasdruck sorgt ein Kompressor im Nebenraum. »Um realitätsnahe Daten zu bekommen, befeuchten wir die Luft. Einem Fagottspieler läuft ja auch Spucke ins Instrument«, erläutert Grundmann. Dazu haben die Ingenieure eine Tupperbox zwischengeschaltet, in der ein Wasserkocher Dampf produziert.