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Vor zehn Jahren hatte die Aufklärung gesiegt, und Europa war ihr Fackelträger. Wohin auch immer sich Freiheit, Bildung und Demokratie ausbreiteten – überall bedeutete es den Niedergang von Religion und Aberglauben. Dieser Kontinent mit seiner ungeheuren Vielfalt an wunderbaren Kirchen und Kathedralen aus vergangenen Zeitaltern erlebte nun, wie diese Gebäude häufiger von Touristen aufgesucht wurden als von Betenden. Der Anblick ständig schrumpfender Grüppchen alter Menschen auf den Knien, denen ebenso alte Priester den Segen erteilten, gehörte zu den Reizen einer alten Welt – mehr aber auch nicht.

In der neuen europäischen Welt war die Religion ein Thema von und für Minderheiten geworden. Die Vernunft hatte das Magische besiegt. Es wäre exzentrisch erschienen, hätte man sich noch als Atheist oder Säkularist bezeichnet. Die wichtigen Konfliktlinien in unseren weltlichen Demokratien verlaufen zwischen Links und Rechts, Progressiven und Konservativen, Reichen und Armen. Die schwindenden Scharen der Gläubigen haben von Generation zu Generation immer mehr an Einfluss eingebüßt. Die Jahrtausend-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup International hat ergeben, dass Europa im weltweiten Vergleich die niedrigste Zahl von Gottesdienstbesuchern besitzt – ganze 17 Prozent der Menschen suchen hier mindestens einmal pro Woche einen Gottesdienst auf. Am höchsten ist der Anteil der aktiven Kirchgänger mit 87 Prozent in Westafrika, während Schweden das Land mit den meisten Ungläubigen ist. Im globalen Vergleich zeigt sich, dass die am wenigsten gebildeten Menschen zugleich am religiösesten sind. Ungeachtet ihrer mehrheitlich weltlichen Orientierung meinen die Europäer laut Eurobarometer allerdings zugleich, dass dem Religiösen heute eine zu hohe Bedeutung zukomme.

Es ist leicht einzusehen, warum. Religion ist wieder auf dem Vormarsch. In politischer Hinsicht ist das ein ebenso seltsames wie Besorgnis erregendes Phänomen. Religiöse Konflikte waren im Kern immer Auseinandersetzungen zwischen Clans und Stämmen, stets ging es dabei um Nationalismus und Kultur. Und konfessionelle Bekenntnisse waren die willkommenen Banner, unter denen gemeinschaftliche Identitäten geschaffen wurden. Jetzt passiert dasselbe wieder. Die meisten europäischen Staaten beherbergen heute beträchtliche muslimische Minderheiten. In dieser Situation bringt die Angst vor dem Terrorismus oder auch nur vor den Fremden eine auf künstliche Weise christliche Reaktion hervor. Erneut wird uns die allzu holzschnittartige Geschichte vom Kampf der Kulturen erzählt.

Kopftuch tragende Frauen, zuweilen sogar gänzlich verschleierte Frauen oder Frauen, die stets einen Schritt hinter ihrem Ehemann zu gehen und auch im Übrigen zu gehorchen haben – das alles bedeutet einen direkten Affront gegen den Kampf der Aufklärung für Frauenrechte. Diesen Kampf zu gewinnen dauerte ein Jahrhundert. Patriarchalische Familienstrukturen, besonders unter Familien aus den ländlichen Gebieten der islamischen Länder, wirken aus europäischer Sicht unterdrückerisch. Fälle von erzwungenen Hochzeiten und Ehrenmorden ziehen die ständig zunehmende Aufmerksamkeit schockierter Medien auf sich – mehr Aufmerksamkeit jedenfalls als die häufigen häuslichen Morde im Rest der Gesellschaft. Solche Morde werden in Großbritannien durchschnittlich zweimal pro Woche verübt, ohne dass die Presse ihnen nennenswerte Beachtung schenkte.

Hinzu kommen die vielfältigen Ängste vor geheimen Zellen extremistischer Dschihadisten, denen die muslimischen Bevölkerungsgruppen mutmaßlich Unterschlupf und Obhut gewähren. Solche Fundamentalisten sind, wie die Anschläge von London, Madrid und anderswo gezeigt haben, wild entschlossen, sich durch terroristische Morde an Unschuldigen auf schnellstmöglichem Weg in den Himmel zu befördern. Hier kommt ein explosives Gemisch zusammen. Selbst islamische Gelehrte, die Gewalt ablehnen, erklären zugleich häufig, die Demokratie sei ein westliches, dem Koran fremdes Konstrukt. An ihre Stelle befürworten sie die Rückkehr zur halbmythischen Idee eines nichtdemokratischen Kalifatstaates.

Ebenfalls ins Spiel kommen die demografischen Trends: Eine aktuelle Untersuchung der britischen Organisation Christian Research sagt voraus, dass bis zum Jahr 2040 fast doppelt so viele Muslime freitags in Großbritanniens Moscheen beten werden wie sonntags Christen in den Kirchen. Nur noch zwei Prozent der Bevölkerung werden dann die christlichen Gottesdienste besuchen, und das Durchschnittsalter dieser Menschen wird 64 Jahre betragen.

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Alle diese Entwicklungen führen zu Ängsten und defensiven Reaktionen. Menschen, die Meinungsforschern früher erklärt hätten, sie seien nicht religiös, bezeichnen sich nun auf einmal als „christlich“. Legt man ihnen eine Liste von Glaubensrichtungen vor, die auch die muslimische enthält, entscheiden sie sich für die Religion, denen ihre Großeltern anhingen. So wie einst greifen sie heute wieder zur Religion, um sich selbst in kultureller, nationaler und ethnischer Hinsicht zu definieren – selbst wenn sie in Wirklichkeit gar nicht religiös sind und keinen Glauben ausüben.

Europas Regierungen haben auf verschiedene Weise reagiert. Einige wenden sich der Religion zu. Valérie Giscard d’Estaing etwa sprach sich im Verlauf seiner Arbeit am Verfassungsentwurf der Europäischen Union gegen den Eintritt der Türkei in die EU aus. „Europa“ bedeute notwendigerweise „Christentum“, behauptete er. Angela Merkel schlug in die gleiche Kerbe und versuchte, Gott in die Verfassung hineinschreiben zu lassen. Papst Benedikt wiederum griff unlängst anlässlich des 50. Geburtstags der EU heftig deren Berliner Erklärung an. Dort finde sich bei der Benennung der europäischen Werte keinerlei Hinweis auf Gott und Europas „christliche Wurzeln“. Benedikt erklärte das für „Apostasie“ – die Europäer fielen von ihrem Glauben ab.

Jedoch besitzt gerade der Heilige Stuhl keinerlei Recht, über die Werte die Europäische Union zu bestimmen. Der Vatikan ist der einzige Staat in Europa, der die Europäische Menschenrechtskonvention nicht unterzeichnet hat – eine grundlegende Voraussetzung für den Beitritt zur EU. Die Türkei hat diese Bedingung – wenn auch unter Mühen – erfüllt, um sich Zugang nach Europa zu verschaffen. Der Heilige Stuhl hingegen wäre schon deshalb von vornherein disqualifiziert, weil der Vatikan keine Demokratie ist. Dennoch versteht er sich darauf, die Entscheidungsfindung der Europäischen Union zu beeinflussen, nicht zuletzt weil ein weit überproportionaler Anteil der Abgeordneten des EU-Parlaments der katholischen Kirche angehört.

Um die Freiheit, die schleichend wachsende Macht der Religionen anzufechten, ist es nicht gut bestellt. Gerade jene, die den Säkularismus lautstark verteidigen sollten, verhalten sich merkwürdig still. Die Vertreter der liberalen Aufklärung haben sich in der Debatte über den Islam hoffnungslos in intellektuelle Widersprüche verwickelt. Sie wollen antirassistisch und multikulturell sein. Sie sehen, dass es in ihren Ländern muslimische Minderheiten gibt, die sich bedroht fühlen. Völlig zu Recht sagt ihnen daher ihr Instinkt, dass es immer der Underdog ist, der verteidigt werden muss. Aber das bedeutet, dass die liberalen Aufklärer oftmals zugleich bereit sind, in Fragen der Rede- und Meinungsfreiheit ein Auge zuzudrücken. Es bedeutet, dass sie bereit sind, die Rechte von Menschen innerhalb religiöser Gemeinschaften zu ignorieren: Unangemessen eifrig darauf bedacht, unterdrückerische und patriarchalische Verhältnisse zu „respektieren“, vergessen sie die Menschenrechte von Frauen oder Homosexuellen.

Es waren diese fortschrittlichen Liberalen, die den Kampf um Gesetze gegen die Rassendiskriminierung und für die Beachtung universeller Menschenrechte gewannen. Inzwischen jedoch erlebt man, wie sie – wenn auch unschlüssig – für die Rechte religiöser Gruppen Partei ergreifen, die angeblich nicht „gekränkt“ werden dürften. Denn wer den religiösen Glauben „kränkt“, gilt heute nahezu als Rassist. „Islamophobie“ ist ein besonders aufschlussreiches neues Wort: Es verkündet, dass jegliche Kritik am Islam gleichbedeutend sei mit rassistischer Beleidigung. Wer sich noch vor Jahren in der guten Tradition Voltaires über das Christentum lustig zu machen pflegte, verdonnert sich heute selbst zum Schweigen, wenn es darum geht, den blühenden Unfug anderer Religionen aufzuspießen. Die dänischen Karikaturen waren gewiss dumm und nicht der Veröffentlichung wert – aber gerade das ist nicht das Argument derjenigen, die ihr Leben lang für die Meinungsfreiheit gekämpft haben. Ihr neuer Konsens lautet stattdessen, dass Zensur akzeptabel ist. Der Vatikan hat jüngst den Versuch unternommen, die Vereinten Nationen und die Europäische Union dazu zu bewegen, den Tatbestand der „Christianophobie“ in derselben Weise anzuerkennen und zu verbieten, wie Muslime „Islamophobie“ verbieten lassen wollen. Und warum schließlich auch nicht? Allerdings: Wenn es erst einmal ein Menschenrecht ist, sich nicht mehr durch Kritik am eigenen Glauben „kränken“ lassen zu müssen, wird jede Debatte unter den Menschen schlagartig zum Erliegen kommen.

Das Appeasement gegenüber dem religiösen Eiferertum geht in Großbritannien bereits so weit, dass die Regierung 60 neue muslimische Schulen genehmigt, damit die Schüler über den Wert ihrer eigenen Kultur unterrichtet werden können. Die Schulbücher für die naturwissenschaftlichen Fächer lehren nun oftmals Kreationismus anstelle von Evolution. Es fehlt an Empörung über diese Segregation und die Schwierigkeiten, die sie in Zukunft noch schaffen wird. Wo sind die Stimmen der Aufklärung jetzt? Aus merkwürdigen historischen Gründen wird heute bereits ein Drittel der staatlichen britischen Schulen von der katholischen Kirche oder von protestantischen Kirchen betrieben – und das in einem Land der Ungläubigen. Es sind überwiegend auch gar nicht Kinder aus religiösen Familien, die diese Schulen besuchen. Vielmehr tun die Familien nur für eine Weile so, als wendeten sie sich der Religion zu, damit sie ihre Kinder auf kirchliche Schulen schicken können. Diese sind qualitativ besser, weil die Sozialauswahl ihrer Schüler günstiger ist. Liberale fragen nun zu Recht, wie man den Muslimen verweigern könne, was die Christen bereits haben. Die einzig richtige Antwort darauf lautet, dass sämtliche staatlichen Schulen in Europa weltliche Schulen sein sollten.

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Die christlichen Kirchen spüren, dass sie die religiöse Inbrunst der Muslime ausnutzen können, um ihre eigenen Anliegen und das Religiöse überhaupt voranzubringen. Ein unheiliges Bündnis aller Glaubensrichtungen sorgt derzeit dafür, dass alte Positionen mit neuer Aggressivität vorgetragen werden: gegen die Abtreibung, gegen die Stammzellenforschung, gegen die Schwangerschaftsverhütung im Teenageralter, gegen Euthanasie und Homosexuellenrechte, gegen Aufklärungsunterricht an den Schulen und auch dagegen, dass in den Entwicklungsländern im Kampf gegen Aids Kondome zum Einsatz kommen dürfen. Die Religionsführer haben begriffen, dass sich viele Regierungen in Europa – wenn auch mit Unbehagen – bemühen, die verschiedenen religiösen Gemeinschaften irgendwie in die Gesamtgesellschaft zu integrieren. Der Staat gesteht den religiösen Gemeinschaften Sonderrechte zu. So will man extremistische Gläubige besänftigen und Moderate davon abhalten, ihrerseits zu Extremisten zu werden.

Unterdessen ist die extrem katholische Regierung der Gebrüder Kaczynski in Polen damit beschäftigt, ihren repressiven Einfluss auch in die Institutionen der Europäischen Union zu tragen. Im EU-Parlament erheben sich atemberaubend reaktionäre religiöse Stimmen. Zum Instrumentarium des gegenwärtigen (ebenso wie des vorigen) Papstes gehört es inzwischen, katholischen Politikern die Exkommunizierung anzudrohen, sofern sie die Politik der katholischen Kirche nicht unterstützen. Das wirft grundlegende Probleme demokratischer Legitimität auf. Zugleich zieht hier schleichend die Drohung einer Theokratie nach iranischem Muster herauf: Wem ist ein katholischer Politiker verantwortlich – seinen Wählern oder dem Vatikan? Großbritannien ist die letzte westliche Demokratie, die theokratische Elemente aufweist: Dem Oberhaus gehören 26 Bischöfe an – mit der Folge, dass die anderen Religionen inzwischen zunehmend fordern, auf dieselbe Weise repräsentiert zu werden.

Anlässlich der ersten Zusammenkunft des neuen UN-Menschenrechtsrates wurde jüngst die Forderung erhoben, jegliche Verleumdung von Religion sofort zu verbieten. Die kuwaitische Vertretung bei den Vereinten Nationen erklärte, was immer Religionen kränke, sei eine Verletzung der Glaubensfreiheit – eine Auffassung, die in ihrer Verquertheit selbst kaum zu glauben ist. Die International Humanistist and Ethical Union, der als führende Mitgliedsorganisation auch die National Secular Society Großbritanniens angehört, stand in diesem Fall tapfer für die Meinungs- und Redefreiheit auf. Aber der organisierte Nichtglauben bringt nur einen schwachen Aufschrei des Protests gegen die Macht der Vertreter von Muslimen, Christen und anderen unerbittlichen Glaubensrichtungen zustande. Die Stimme der Vernunft bleibt deshalb leise, weil der Nichtglaube seinem ganzen Wesen nach moderat ist – es gibt per Definition keine Dschihadisten im Kampf für Vernunft und Wissenschaft.

Menschenrechte und Religion stehen zueinander in einem fundamentalen Konfliktverhältnis. Fast alle Religionen versuchen, die Freiheit der Frauen einzuschränken, über ihre eigene Fruchtbarkeit zu entscheiden. Sie verweigern Menschen die eigenständige Entscheidung darüber, wann sie Kinder gebären möchten und wann sie sterben wollen. Sie verweigern Menschen das Recht, ihre Sexualität nach eigenen Vorstellungen auszuleben. Und jetzt versuchen sie sogar, die Freiheit wieder abzuschaffen, in primitiven Texten enthaltene „offenbarte“ religiöse Wahrheiten zu bezweifeln und zu verspotten.

Es ist höchste Zeit, dass Europäer die freiheitlichen und demokratischen Werte der Aufklärung aufs Neue verteidigen. Deren neuer Gegner ist ein finsteres Bündnis aller Glaubensrichtungen, das den Nichtgläubigen die Macht entreißen will. Geht das weltliche Europa nicht sofort zum Gegenangriff über, wird Gott in die Politik zurückkehren. Aus Angst davor, irgendwen zu beleidigen, werden wir dann zum Schweigen gezwungen sein – selbst dann, wenn Europa noch immer ein Kontinent der Nichtgläubigen ist.

Polly Toynbee ist leitende Kommentatorin beim britischen „Guardian“ und lebt in London