Die Zeit vergeht nicht im Studio von Wolfgang Tillmans. Eisern stehen die Uhrzeiger am Giebel von Moarain House auf fünf nach eins. Das war schon so, als der Künstler vor sechs Jahren einzog in den weiß gestrichenen Backsteinbau im Londoner East End. Im Inneren aber ist alles anders geworden, 400 Quadratmeter der ehemaligen Regenschirmfabrik hat der in Remscheid geborene Tillmans in ein mittelständisches Kunstlabor verwandelt. Vier Mitarbeiter beschäftigt er, und wenn man durch die metallbeschlagene Tür an der Cambridge Heath Road tritt, steht man zunächst in der Galerie Between Bridges.

Deren Galerist heißt Wolfgang Tillmans.

Hier zeige ich Künstler, deren Arbeiten mich interessieren und die in der Londoner Kunstszene nicht repräsentiert sind, sagt er. Between Bridges funktioniert wie eine Schleuse zwischen der Welt draußen und dem eigentlichen Studio, das sich über das gesamte obere Stockwerk erstreckt: zwei riesige Räume, im ersten das Büro, im anderen das Atelier. Und im Hinterland folgen zwei schmale Gänge, von denen Küche, Bad, Lager- und Archivräume abgehen und auch die Dunkelkammer, in der er an seinen abstrakten Bildern arbeitet. Sie entstehen ohne Negative direkt auf Fotopapier. Den Zufall fördern und kontrollieren nennt er diese Arbeitsweise, was ihm am besten gelingt, wenn er allein im Studio ist, oft bis Mitternacht und länger. In seinem alten Atelier schlief er auch, doch das macht er nicht mehr, zu ungesund.

Wer das Werk von Wolfgang Tillmans kennt, fühlt sich in den hellen Räumen gleich zu Hause. Man trifft auf lauter alte Bekannte von seinen Bildern, pittoresk verwelkte Blumen auf den Fensterbänken, die Discokugel am Oberlicht, der Bundeswehrpulli auf dem Stuhl, Bücher des indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti: einer von Tillmans Hausgöttern. Selbst die leeren Bierflaschen, die im Flur ordnungsgemäß auf den nächsten Recyclingmülltermin warten, blinken seltsam vertraut.

Das Studio ist für mich eine Versuchsstation, sagt Tillmans, eine geschützte Situation, in der meine Sachen die Zeit bekommen, die sie brauchen.

Vielleicht ist das eines der Erfolgsgeheimnisse des Turner-Preisträgers: dass Leben und Werk einander so nahe zu sein scheinen, dass selbst seine Riesenformate, Tintenstrahldrucke von drei mal vier Metern, eine große Intimität haben. Achtsamkeit nennt er ein Grundmotiv seiner Arbeit, wenn ich achtsam bin, stehe ich mit dem Sein im Hier und Jetzt in Verbindung. Diese Nähe und Zartheit in den Bildern bewahren zu können ist die große Kunst des Wolfgang Tillmans.

Denn was oft wie ein Schnappschuss aussieht, ist in Wahrheit das Ergebnis eines Prozesses, zu dem neben Geduld, einem guten Auge und Glück auch all die Geräte gehören, die im Studio herumstehen: ein Netzwerk mit fünf Computern, Farb- und Schwarz-Weiß-Kopierer, mit denen der 38-Jährige seit Jugendjahren experimentiert, Scanner, dem riesigen Tintenstrahldrucker, dem Printer für die Abzüge im Normalformat, der Schneidemaschine. Und irgendwie sind auch die diversen Hi-Fi-Anlagen Arbeitsgeräte. Musik ist das euphorisierende Element, das ihn zusammen mit dem ein oder anderen Bier in jene Stimmung bringt, in der man den Mut hat, etwas zu wagen. Nur einen Apparat sucht man lange vergeblich: eine Kamera.