Zum ersten Mal stach es mir vor beinahe dreißig Jahren ins Ohr, an einem Strand im Süden von Kreta. Es war die Zeit, in der man per Anhalter reiste und seine Briefe „poste restante“ bekam. Ich hatte zwei Wochen gebraucht, um diesen entlegenen Winkel Europas zu erreichen, hatte in dieser Zeit weder eine Zeitung gelesen noch zu Hause angerufen, und als ich mich zwischen anderen jungen Menschen aus aller Herren Länder im Sand ausstreckte, schien England erfreulich weit entfernt.

„Kensington“, rief jemand in meiner Nähe, „Kensington gefällt mir.“

„Wirklich?“, antwortete eine andere Stimme. „Ich würde sagen, Belgravia ist der bessere Tipp.“

„Und Chelsea?“

„Na ja, klar, Chelsea sowieso.“

Das Sonnenlicht glitzerte auf dem Meer. Die Schatten wurden länger. Ein alter Ziegenhirte stieß seinen Stock in den Sand, krempelte sich die Hosenbeine hoch und watete im seichten Wasser. Doch diese beiden Kerle nahmen nichts davon wahr, sondern unterhielten sich lautstark über schicke Viertel in Westlondon.

Es war das Jahr vor Maggie Thatcher, und wenn zwei Londoner zum ersten Mal miteinander ins Gespräch kamen, sei es in Soho oder an einem kretischen Strand, fingen sie sofort an, Stadtviertel zu vergleichen. Es war teils ein einfacher urbaner Code, eines der Themen, die Großstadtbewohner anschnitten, um einander abzutasten – wie Mode oder Astrologie. Die Erörterungen der Gegenden, in denen es sich wohnen ließ, waren unterlegt mit Ansichten über Rasse (Battersea oder Brixton?), Klasse (Hackney oder Hampstead?), kultureller Orientierung (Camden oder Chelsea?) und sexueller Ausrichtung (Earl’s Court). Im Verlauf der achtziger Jahre jedoch verengten sich diese Diskussionen auf ein einziges Thema: die Immobilienpreise.

Die Schaffung eines Volkskapitalismus durch breit gestreuten Immobilienbesitz war – insbesondere in London – eines der erfolgreichsten Anliegen des Thatcherismus. Hypothekenzinsen konnten steuerlich geltend gemacht werden, öffentlich finanzierte Wohnungen wurden zu Sonderpreisen an die Mieter verkauft, die Mietgesetze wurden zugunsten der Vermieter abgeändert, und all das erzeugte bald einen überhitzten Markt, in dem die Immobilienpreise auf das Doppelte anstiegen. Häuser wurden in immer kleinere Wohneinheiten unterteilt, viele Menschen zogen in immer weiter entlegene Außenbezirke, und die Straßen des West Ends waren voller Obdachloser.

Bei diesem Spiel wurden manche wirklich reich, andere wurden nur halbwegs reich (dass die ehemalige Sozialwohnung in Stockwell inzwischen dreimal so viel wert war wie zuvor, hieß nicht viel, wenn man weiterhin darin wohnte oder sie nicht als Sicherheit für einen Kredit brauchte), und wieder andere blieben einfach auf der Strecke. Sobald beim Kauf eines Hauses eher die Investition anstatt der Erwerb eines angemessenen Wohnraums im Vordergrund stand, verwandelte sich der Volkskapitalismus in Volksspekulation. Wer ein Haus kaufte, um es zu vermieten, trieb irgendwie die Anzahlung auf den Kaufpreis auf und brachte dann möglichst viele Mieter darin unter, um die Hypothek abzuzahlen. Die Situation derer, die nicht im rechten Moment auf den Wagen gesprungen waren, sah allerdings etwas anders aus: Sie mieteten ein Zimmer oder eine Wohnung von einem, der ein bisschen mehr Kredit hatte als sie selbst, und wurden wieder hinausgeworfen, sobald der Eigentümer das Objekt verkaufen wollte oder es sich leisten konnte, selbst dort zu wohnen.

Als Freiberufler mit unregelmäßigem Einkommen, einer gewissen Angst, mich festzulegen, und einem Kopf, der mit Zahlen nichts anzufangen wusste, war ich einer von denen, die auf der Strecke blieben. Ich verbrachte die achtziger Jahre damit, meine wachsende Bibliothek von einem gemieteten Zimmer zum nächsten zu schaffen. Ich war die personifizierte Erörterung der Vorzüge verschiedener Viertel: Hackney, Camberwell, Islington, Brixton... 1988 (zehn Jahre nach jenem Nachmittag am kretischen Strand) war ich siebenmal umgezogen, hatte mich mit diversen Freunden über (ihren) Wohnraum und (mein) Geld zerstritten und lebte mit einer Freundin in einem der letzten besetzten Häuser, die es in London noch gab, einem ehemaligen Schwesternwohnheim, dessen Einheiten in Eigentumswohnungen umgewandelt werden sollten.