Der US-Militäraufklärer Arthur D. Nicholson gehörte zu den Erfolgreichen seines Fachs. Die Silvesternacht von 1984 auf 1985 war kalt – und die sowjetische Panzerwerkstatt in Techentin bei Ludwigslust schien unbewacht. Nicholson, akkreditiert bei der amerikanischen Militärverbindungsmission in Potsdam, stieg durch ein Fenster in die Halle. Während der Feind feierte, knipste der Hauptmann in aller Ruhe das Innere eines russischen Panzers. Wenig später überquerte sein Mercedes-Geländewagen samt Filmrollen und Videoaufnahmen die Glienicker Brücke in Richtung West-Berlin. Das war einer der Spionagecoups, von denen die amerikanischen, britischen und französischen Veteranen der alliierten Militärverbindungsmissionen in der DDR bis heute gerne erzählen. Arthur D. Nicholson täte das sicher auch. Wenn er noch lebte.

Am 24. März 1985 wurde Nicholson von einem sowjetischen Wachsoldaten erschossen. An jenem Tag war er mit seinem Fahrer noch einmal zu der Panzerhalle in Techentin zurückgekehrt. Er hoffte, diesmal einen der brandneuen T80-Panzer vor die Linse zu bekommen, den die Militärführung in Moskau kurz zuvor an die Einheiten in Ostdeutschland ausgeliefert hatte. Was er nicht wusste: Ein amerikanischer Doppelagent, Mitglied der Abhörstation auf dem West-Berliner Teufelsberg, hatte dem KGB von Nicholsons erfolgreicher Silvestertour berichtet.

Was an jenem 24. März in der Panzerwerkstatt bei Ludwigslust geschah, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Nach Aussage von Nicholsons Fahrer Jessie G. Schatz war er mit Nicholson an die Panzerhalle herangefahren. Wachpersonal gab es weit und breit nicht zu sehen. Der Major stieg aus, ging zum Gebäude und öffnete ein Fenster, um ein paar Fotos zu machen. In diesem Moment tauchte ein sowjetischer Soldat auf. Die folgenden Minuten beschreibt ein Stasibericht so: »Um 15.55 Uhr handelte der Posten entsprechend seiner Instruktion. Nach erfolgtem Warnruf, auf den Nicholson nicht reagierte, gab der Posten einen Warnschuss ab. Nicholson reagierte darauf nicht, sondern lief schnell und direkt zu seinem Fahrzeug. Aufforderungen zum Stehenbleiben kam er nicht nach. Daraufhin schoss der sowjetische Posten gezielt, Nicholson fiel circa drei Meter vor seinem Fahrzeug.«

Fahrer Schatz gab eine andere Version zu Protokoll. Es gab keine Warnrufe oder Warnschüsse. Mit vorgehaltener Waffe wurde Schatz daran gehindert, Nicholson Erste Hilfe zu leisten. Ein sowjetischer Arzt traf über eine Stunde später an der Halle ein. Nicholson war da bereits lange verblutet. Der amerikanische Untersuchungsbericht hält zudem fest: Die Halle befand sich nicht in einem militärischen Sperrgebiet. Das Fahrzeug war unübersehbar als Wagen der Verbindungsmission gekennzeichnet, und somit hätte jedem sowjetischen Soldaten klar sein müssen, dass die beiden Amerikaner wie alle Verbindungsmissionsleute unbewaffnet waren. Um eine Flucht zu verhindern, hätten Schüsse in den Reifen genügt. Stattdessen wurde Arthur D. Nicholson eines der letzten Opfer des Kalten Krieges. US-Präsident Ronald Reagan protestierte bei Kreml-Chef Michail Gorbatschow. Die Sowjets schoben drei Jahre später eine weich formulierte Entschuldigung nach. Und für eine kurze Weile fiel Licht auf eine Institution, die vierzig Jahre lang im Verborgenen gearbeitet hatte.

Als Nicholsons Leichnam am 25. März an der Glienicker Brücke übergeben wurde, waren die Reporter der führenden Medien der westlichen Welt dabei und empört. Gleichzeitig fragten sie sich verdutzt im Namen ihrer Leser und Zuschauer: Was macht eigentlich ein amerikanischer Soldat, ausgestattet mit quasidiplomatischem Status und Kameraausrüstung, auf einem sowjetischen Truppenübungsgelände mitten in der DDR? Von den Militärverbindungsmissionen – im DDR-Jargon MVM abgekürzt – der Alliierten und ihrer halblegalen Spionagearbeit im Osten hatte die Öffentlichkeit im Westen bis dato so gut wie nichts mitbekommen. Und dass die Sowjetunion in der Bundesrepublik ebenfalls drei Verbindungsmissionen unterhielt und deren Mitarbeiter genau wie die Kollegen im Osten kräftig Feindaufklärung betrieben, wissen meist nur diejenigen, die irgendwann vor 1990 Bundeswehruniform getragen haben. Alle Rekruten wurden nämlich auf sowjetische Fahrzeuge mit besonderen Nummernschildern hingewiesen. Wenn die sich einer Kaserne oder einem Übungsplatz näherten, drohte zwar keine direkte militärische Gefahr. Doch der Feind schaute zu und musste gemeldet werden.

Bis heute sind die Missionen ein weithin unbekanntes Kapitel des Kalten Krieges geblieben. Und das, obwohl dieses Kapitel zahlreiche Anekdoten kennt, die in jeden guten Spionageroman passten. Die MVM waren eine Art Schleichweg über die deutsch-deutsche Grenze, den sich die vier Siegermächte im gegenseitigen Interesse bis 1990 offenhielten. Und auf diesem Schleichweg wurden tonnenweise geheime Informationen transportiert.

Die Gründung der Missionen geht zurück auf Artikel 2 des Londoner Abkommens vom 14. November 1944. Die Endniederlage der Deutschen in Sichtweite, beschlossen die künftigen Siegermächte, in jeder Besatzungszone Verbindungsmilitärs bei den Oberkommandierenden zu akkreditieren. So sollte die militärische Kommunikation sichergestellt werden. Auf der Basis von bilateralen Abkommen mit der Sowjetunion richteten sich die drei Westmächte 1946 und 1947 in Potsdam ein; 31 britische, 18 französische und 14 amerikanische Militärs hatten fortan ihren Dienstsitz in Potsdamer Villen. Die Missionen der Sowjets wurden in Frankfurt am Main, Baden-Baden und im westfälischen Bad Salzuflen (später in Bünde) angesiedelt.