Doch nicht nur Lehrerinnen beurteilen die Jungen schlechter, sondern auch Lehrer. Ausgerechnet in der Grundschule, wo kaum Männer unterrichten, sind die Leistungsunterschiede zwischen den Geschlechtern am geringsten, während sie in den weiterführenden Schulen (wo das Geschlechterverhältnis ausgeglichener ist) am größten sind. Dass Grundschullehrerinnen also "Jungen nicht adäquat motivieren", wie die Autoren des Berlin-Instituts schreiben, ist nicht bewiesen. Bislang prägen Vermutungen und Behauptungen die Jungendebatte. Frank Beuster, Autor des Buchs Jungenkatastrophe, behauptet etwa, dass Jungen hohe Frauenstimmen akustisch schlechter verstehen ("Mamataubheit") und mehr Lob nötig haben als Mädchen. Belege? Keine.

Ohne feminine Ablenkung können Jungen sich besser konzentrieren

Nur spärliche Erkenntnisse hat die Wissenschaft auch über die Wirkungen reiner Jungenklassen – obwohl die Zahl der Schulen wächst, welche die Koedukation aufheben. Die Hagener Gesamtschule Eilpe zum Beispiel teilt die Klassen in den Fächern Technik, Sport und Informatik. Früher ging es in erster Linie darum, die Mädchen besser zu fördern. Inzwischen erhalten auch leseschwache Jungen spezielle Stützkurse.

Für die Mädchen kann sich der getrennte Unterricht durchaus auszahlen. Bleiben sie zum Beispiel im Physikunterricht unter sich, steigt ihre Überzeugung, eine Begabung für das Fach zu haben – eine wichtige Voraussetzung für höhere Lernleistungen. Die Geschlechterkonkurrenz spielt keine Rolle mehr. "Die Mädchen vergessen, dass sie Mädchen sind", sagt Ursula Kessels von der Freien Universität Berlin.

Eine noch unveröffentlichte Untersuchung des Heidelberger Pädagogen Marc Böhmann legt nahe, dass Gleiches für Jungen gilt. Er beschäftigte sechs Hauptschulklassen – mal gemischt, mal getrennt – mit Literatur. Das Ergebnis: Ohne feminine Ablenkung konzentrierten sich die Jungen besser auf die Bücher, äußerten sich häufiger zu literarischen Figuren. Kaspereien und Machogehabe gingen zurück, das Lernklima verbesserte sich. "Einige Jungen waren wie umgepolt", sagt Böhmann. Auch bei den Lehrern führte das monoedukative Lehren zu einer "bewussteren Haltung im Umgang mit den Geschlechtern". Im Jungenunterricht wählten sie häufiger kürzere Texte mit Abenteuercharakter und männlichen Hauptfiguren. Als generelles Argument gegen die Koedukation will Böhmann seine Studie jedoch nicht verstanden wissen. Nur phasenweise – etwa in der Pubertät – und in bestimmten Fächern sei der getrennte Unterricht sinnvoll.

Pädagogen warnen vor Gefahren allzu strikter Geschlechtertrennung. "Es gibt auch Jungen, die keine Abenteuergeschichten mögen, oder Mädchen, die sehr dominant sind", sagt die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Hannelore Faulstich-Wieland. Statt künstlich zu separieren, verlangt Faulstich-Wieland, die Bedürfnisse beider Geschlechter zu berücksichtigen und verschiedene Lehrstile miteinander zu verbinden. Ein Lehrer, der die gesamte Klasse erreichen will, unterrichtet mal frontal, mal in Gruppen. Er behandelt Jungenbücher ebenso wie Mädchenliteratur. Eine gute Pädagogik hat Jungen und Mädchen im Blick. Egal, ob sie getrennt sind oder zusammen in einem Klassenzimmer.

Weitere informationen im Internet:
http://www.schulministerium.nrw.de/
http://www.jungenarbeit.info/
http://www.neue-wege-fuer-jungs.de/
http://www.genderundschule.de/ira
http://gender.schule.at/
http://www.nfer.ac.uk/


Pro & Contra: Sollen Jungen und Mädchen getrennt unterrichtet werden?
Ja, sagt der Hauptschullehrer Marc Böhmann.
Nein, sagt Marianne Horstkemper, Pädagogikprofessorin der Universität Potsdam.

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