Afrika boomt. Afrika stirbt. Afrika blüht auf. Afrika geht unter. Recht widersprüchliche Geschichten sind zu hören und zu lesen in diesen Tagen, da die Mächtigen der Welt wieder einmal geloben, dem ärmsten aller Erdteile zu helfen. Beim G8-Gipfel in Heiligendamm werden sie ihre milliardenschweren Versprechen bekräftigen, wobei sie allerdings nicht so richtig festlegen wollen, ob sich der Kontinent gerade im finalen Stadium einer unheilbaren Krankheit oder auf dem Wege einer wunderlichen Genesung befindet. Und wenn sie die Diagnosen der Ärzte vergleichen, also der UN-Experten, Entwicklungsstrategen oder Korrespondenten, werden sie nicht schlauer.

Denn die einen, die Schwarzseher, beschreiben einen moribunden, verlorenen Kontinent, der in Gewalt, Armut und Chaos versinkt und im Zeitalter der Globalisierung hoffnungslos zurückgefallen ist. Quid novi ex Africa? Was gibt es Neues? Nichts, nur die immerwährende Misere. Der Spiegel zählt die »Elendsnationen«, auf denen der »afrikanische Fluch« laste, und hört wieder einmal das mit Buschtrommeln und Kalaschnikows gespielte Requiem.

Optimisten hingegen prophezeien zum wiederholten Male die Auferstehung des Erdteils und verweisen darauf, dass seine Wirtschaft seit zehn Jahren stetig wachse und seine Rohstoffe so begehrt seien wie nie zuvor. Der Volkswirt Helmut Asche von der Universität Leipzig sieht sogar ein Zeitfenster von fünfzig Jahren, in dem sich neue Entwicklungschancen öffnen, und fragt, ob wir im Blick auf Afrika an einer Art »kollektiven Fehlwahrnehmung« leiden.

Aber wer hat nun recht, die Gesundbeter oder die Totensänger? Beide haben recht – und beide liegen falsch. Der Zustand Afrikas ist weder apokalyptisch noch rosig, sondern extrem durchwachsen. Wer den Erdteil so differenziert wie andere Weltgegenden betrachtet, also Land für Land und Problem für Problem, wird gewaltige Unterschiede feststellen. Während Somalia hungert, lässt Nigeria den ersten afrikanischen Nachrichtensatelliten ins All schießen. Botsuana wird als Vorbild gelobt und nebenan, in Simbabwe, zerstört ein Despot sein eigenes Land. Mosambik erhebt sich aus Ruinen, Südafrika ist zu einer kontinentalen Vormacht aufgestiegen, im Ostkongo herrschen Chaosmächte. Auf Ölstaaten wie den Sudan regnen Milliarden von Petrodollars herab, Angola erzielte im Vorjahr 27 Prozent Wirtschaftswachstum – das höchste der Welt! – und denkt über ein ziviles Atomprogramm nach. Ein Kontinent, der angeblich nur noch Kriege, Krisen und Katastrophen gebiert, sieht anders aus.

Der Einfluss der alten Kolonialmächte schwindet

Dennoch: Von den 800 Millionen Afrikanern lebt die Hälfte unter der Armutsgrenze, jeder vierte ist chronisch unterernährt, 25 Millionen haben sich mit dem HI-Virus angesteckt, pro Jahr sterben fünf Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag. Diese niederschmetternden Gesamtstatistiken lassen sich nicht leugnen, aber sie bilden eben nicht überall die Wirklichkeit ab. »Wir wissen oft gar nicht, wovon wir reden«, sagt Andreas Mehler. Der Leiter des Instituts für Afrika-Studien spricht von einem »Kontinent ohne Daten«. Vermutlich kommt das Memorandum, das Mehler zusammen mit vier renommierten Afrikaexperten im Jahre 2000 verfasst hat, der Realität immer noch am nächsten. Die Wissenschaftler befanden, dass trotz einiger Lichtblicke die Entwicklungsaussichten des Kontinents weiterhin eher düster sind und dass ein Dutzend Staaten vorerst keine Perspektiven hat. Afrika braucht Beistand von außen, allein werden es die meisten Regierungen nicht schaffen, ihre Länder aus der Armutsfalle zu befreien. Aber dabei helfen ihnen weder die Almosen, die die G8-Staaten widerwillig geben, noch die Pflastersteine, die selbst ernannte Weltretter in Heiligendamm schmeißen.