DIE ZEIT: Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass nur 30 bis 40 Prozent aller medizinischen Behandlungen auf wissenschaftlicher Erkenntnis basieren. Ist ein guter Arzt einer, der seine Patienten nach Erfahrung und Intuition behandelt?

Edmund Neugebauer: Wenn er sich nur darauf verlässt, dann auf keinen Fall.

ZEIT: Warum nicht?

Neugebauer: Die persönliche Erfahrung eines Mediziners kann gefärbt sein und lässt keine Aussage darüber zu, ob seine Methoden gut sind. Denn er sieht oft nur die Patienten wieder, denen er mit seiner Behandlung geholfen hat. Die anderen, denen es durch seine Bemühungen nicht besser und manchmal sogar schlechter geht, wechseln zu einem Kollegen. Der Arzt hat also eine verschobene Wahrnehmung, die durch Zufall bestimmt sein kann und auf keinen Fall repräsentativ ist.

ZEIT: Wie sollte ein Arzt denn behandeln?

Neugebauer: Zu einer richtigen Entscheidung kommt er am ehesten, wenn er seine eigene Erfahrung und die Meinung des Patienten ebenso mit einbezieht wie das Wissen aus der Fachliteratur, also die Studienlage. Das Ganze nennt sich dann evidenzbasierte Medizin.

ZEIT: Kann ein normaler Arzt, der rund um die Uhr mit seinen Patienten beschäftigt ist, überhaupt alle Studien überblicken?

Neugebauer: Das kann er nicht. Das aktuelle Wissen ist so überwältigend groß, dass ein Arzt nicht einmal die neuen Entwicklungen in seinem Fachgebiet verfolgen kann. Um ihm da Orientierung zu geben, gibt es Leitlinien.

ZEIT: Davon fühlen sich Ärzte oft bevormundet.

Neugebauer: Leitlinien sind nur Empfehlungen, keine Vorschriften. Sie sollen dem Arzt zu einer Entscheidung verhelfen, von der der Patient am meisten profitiert.

ZEIT: Dann müsste er im Extremfall ja auch Patienten an Kollegen überweisen, wenn er selbst die beste Therapiemethode nicht beherrscht.

Neugebauer: Das ist richtig. Ein Beispiel: Die europäische Leitlinie zur Entfernung der Gallenblase besagt eindeutig, dass die Schlüssellochoperation besser ist als der herkömmliche Eingriff. Wenn ein Chirurg mit dieser Methode nicht so vertraut ist, muss er souverän genug sein, Patienten zu einem Kollegen zu schicken, der sie beherrscht.