Ja, er war das alles: Heizer, Dichter, Trinker, Autodidakt, der Star der DDR-Untergangsliteratur, der Boxer mit der eingeschlagenen Nase, der edle Wilde aus dem Osten, dessen Endzeitvisionen, wie ihm von der dankbaren westdeutschen Literaturkritik immer wieder attestiert wurde, meilenweit über der "bundesdeutschen Stipendiatenprosa" rangierten. Er war das und war es nicht und war erdrückt von diesem Markenartikel, der er selber war.

Wolfgang Hilbig, Autor der wichtigsten, unheimlichsten Bücher über die Landschaft, die Menschen, die Nachtseiten der untergegangenen DDR, Büchner-Preisträger des Jahres 2002, geboren im Kriegsjahr 1941 in Meuselwitz, aufgezogen von einem analphabetischen Großvater, gelernter Bohrwerksdreher, leidenschaftlicher Leser, war in beiden Deutschländern ein Sonderling. Im Osten ein unwillkommenes Paradox: ein schreibender Arbeiter, der die Arbeit beschrieb, als handelte es sich beim Beheizen der sozialistischen Kohlekessel um eine Tätigkeit in der Vorhölle. Im Westen ein irritierender Querläufer: ein expressionistischer Neoromantiker inmitten des wohltemperierten Realismus der achtziger und neunziger Jahre.

Ein einsamer Selfmademan der DDR-Literatur, der seinen Aufstieg vom Kesselhaus zum Büchner-Preis wie ein Tellerwäscher vollkommen allein bewerkstelligt hätte, ist er dennoch nicht gewesen. Sein erstes Lehrgeld von 80 Mark investierte Hilbig ausgesprochen gewinnbringend. Er erwarb eine E.T.A.-Hoffmann-Gesamtausgabe, deren Spuren sich beinahe in all seinen Erzählungen und Romanen nachweisen lassen. Er lernte von Bruno Schulz und Witold Gombrowicz. Und es ist kaum vorstellbar, dass er nicht seinen naturmagischen ostdeutschen Vorläufer Johannes Bobrowski, dass er später nicht Franz Fühmann, Karl Mickel, Gert Neumann oder seinen unmittelbaren Nachfahren Reinhard Jirgl gelesen haben soll, die alle nicht zur offiziellen ostdeutschen Aufbau-Literatur gehörten. Dass die DDR-Literatur viel reicher war, als der Westen es noch immer wahrhaben will, dass sie nicht nur eine parteitagshelle Vernunft-, sondern auch ihr dialektisches Gegenteil, die dunkle, romantische Schattenseite, kultivierte, hat sich gerade mit der Wiederentdeckung des großartigen Bergwerksromans von Werner Bräunig gezeigt. Auch dies ein Autor, der sich in Hilbigs schauerromantischen Braunkohleschächten und nebelverhangenen Industriebrachen ausgekannt hat. Die bis heute andauernde Stilisierung Hilbigs zum Exoten und "Monolithen" der DDR-Literatur ist eines der hartnäckigsten Missverständnisse um diesen bedeutenden Autor.

Ein anderes Missverständnis betrifft das aufgeheizte, expressive Sprachpathos Wolfgang Hilbigs, von der Kritik häufig mit Vokabeln wie "ursprüngliche Wortgewalt", "Lavastrom", "existenzielle Wucht" bedichtet. Dieses Sprachpathos, wird immer wieder behauptet, sei unvergleichlich und noch nie da gewesen. Es verdanke sich zwar zum Teil einer frühen heißhungrigen Küchenlektüre der klassischen Moderne von Rimbaud bis Kafka, sei aber in erster Linie authentischer, unverstellter Sprachausdruck einer als albtraumhaft erfahrenen DDR-Wirklichkeit. Die Erzählungsbände Grünes, grünes Grab, Alte Abdeckerei und Die Kunde von den Bäumen, alle in den Jahren kurz vor oder nach der Wende verfasst, in denen der Orgelton des Untergangs besonders deutlich zu vernehmen ist, sind die Kronzeugen für diese These vom ungezähmten Schreiben eines genialen ostdeutschen Naiven.

Naiv und wild ist in Wahrheit nichts in diesen Erzählungen. Hilbig bedient sich einer äußerst stilisierten Literatursprache, deren formale, manchmal auch formelhafte Manieriertheit und Kunstschönheit in denkbar größter Spannung zu der bedrückenden Hässlichkeit der DDR-Industrieruinen steht. Durch seine sehr artifizielle Sprache verwandelte, verzauberte Hilbig die ostdeutschen Abrisshalden in mythische Natur- und Todeslandschaften. In seinem Roman "Ich" über einen Stasispitzel, in den Romanen und Erzählungen über sein Alter Ego, den Schriftsteller C., agiert Hilbig dann sogar auf der Höhe postmoderner Theoriebildung, hantiert mit Begriffen wie "ursachlose Spiegelung" und "Simulation", als sei die DDR wirklich jene reine Fiktion gewesen, zu der die Prenzlauer-Berg-Dichter sie gerne machen wollten.

Hilbigs erschütterndstes Buch Das Provisorium (2000) ist sein letztes geblieben. Es erzählt von seiner Ankunft im Westen und davon, dass er sich im Westen nicht mehr "zum Schriftsteller eigne". Damals, im Osten, schreibt er, habe er für niemanden oder für Gott geschrieben. Nun schreibe er für den Literaturbetrieb. Der Literaturbetrieb hat es ihm reich gedankt. Für Hilbig war es eine furchtbare Bilanz. Über die DDR hat er geschrieben, wie wenige das konnten. Er hat sie gehasst und elend vermisst. Als sie verschwunden war, hielt er sie noch eine Weile lebendig, als schöne Leiche. In seinen Fegefeuern wird die DDR noch lange lodern. Dann konnte er, der immer wie im Rausch geschrieben hat, plötzlich nicht mehr schreiben. Aus dem letzten Buch spricht eine große Enttäuschung. Der Osten habe seine Lebenszeit verschlungen. Und als alles Westen war, ist ihm zum Westen nichts mehr eingefallen. Ob er überhaupt gelebt habe, fragte er sich, das müsse er erst noch herausfinden. Ob er überhaupt aufgewacht sei zum Leben. Die Antwort kennen wir nicht. Und ob ihm zum Westen überhaupt noch etwas eingefallen wäre, wissen wir auch nicht. Jetzt ist Wolfgang Hilbig im Alter von 65 Jahren in Berlin gestorben.