Schlicht ist nicht ganz das richtige Wort. Man stellt sich unter einer sogenannten schlichten Beerdigung eine Verkleinerung des üblichen zeremoniellen und rhetorischen Repertoires vor: wenige Gesten, wenige Grabreden, wenig offizielles Personal, unpompöse Ausstattung.

Auf der Beerdigung des Dichters und Büchnerpreisträgers Wolfgang Hilbig indes, der am vergangenen Samstag, eine Woche nach seinem Tod, um 13 Uhr mittags im Kreis von 150 oder 200 Menschen auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße in Berlin zu Grabe getragen wurde, gab es keine einzige Grabrede. Und niemand, kein Akademiepräsident, keine Verlegerin, kein Verlagsleiter, keine Schriftstellerkollegen, der sich in der Rolle einer offiziell sprechenden Person von dem Verstorbenen verabschiedete.

Eine Feier mit Gedichten und atonalen Posaunenklängen

Sie sind anwesend, Volker Braun, Monika Schoeller und Jörg Bong vom Frankfurter Verlag S. Fischer, der Hilbigs Bücher von Beginn an verlegte, Adolf Endler, Katja Lange-Müller, Ingo Schulze, Uwe Kolbe.

Schriftsteller, deren Herkunft in der ehemaligen DDR liegt. Aber sie alle treten als lesende Freunde auf. Als Wolfgang Hilbigs befreundete Leserschaft. Einer nach dem anderen stehen sie in der Friedhofskapelle neben dem Sarg und tragen Gedichte aus dem Werk Wolfgang Hilbigs vor.

Kein Wort, keine Geste darüber hinaus. Als Erster steht Adolf Endler aus der vordersten Reihe auf, geht zum Mikrofon und sagt: »Ich lese das Gedicht abwesenheit von Wolfgang Hilbig aus dem Jahr 1969.«

Zuletzt liest Christiane Rusch, die Gefährtin Wolfgang Hilbigs, sein letztes, im Frühjahr entstandenes Gedicht: »als sie noch jung waren die winde / war ich verworren / und blind und taub / für ihren Gesang / jetzt wenn ich das Land durchstreife / und nicht mehr weiß / wo ich bin / und nichts mehr wissen will / in meinem Herzen / denk ich an die Winde/ die alt geworden sind«. Neun Vortragende, neun Gedichte, gegliedert in drei Blöcke aus je drei Gedichten. In der Summe ergeben sie das allerletzte von Hilbig selbst verfasste, jetzt, postum und mündlich veröffentlichte Werk. Dazwischen schreien die atonalen Posaunenklänge des Musikers Johannes Bauer. Ein Lautsprecher überträgt Musik und Rezitation nach draußen.