Der Prinz und das große Geld – Seite 1

Prinz Bandar will sein Ferienhaus verkaufen, für 135 Millionen Dollar. Es steht in Aspen im US-Bundesstaat Colorado und ist größer als das Weiße Haus in Washington. Das weiß er genau, denn in den vergangenen 25 Jahren hat er wohl ebenso viel Zeit mit amerikanischen Präsidenten verbracht wie in seinem Feriendomizil. Von 1983 bis 2005 war er saudischer Botschafter in Washington, seither ist er nationaler Sicherheitsberater. In Riad baut er sich gerade einen Palast.

Bandar bin Sultan bin Abdul Aziz al-Saud, der Sohn des saudischen Thronfolgers, ist also ein Mann mit viel Geld und viel Einfluss. Und er steht ihm Zentrum des vielleicht größten Korruptionsskandals der Industriegeschichte.

Mitte der achtziger Jahre fädelte der Prinz mit dem britischen Waffenhersteller BAE Systems den Al-Yamamah-Vertrag ein. Darin geht es um Lieferung und Wartung von Kampfflugzeugen für Saudi-Arabien. Über 150 Tornados und Hawks wurden seither ausgeliefert, das Auftragsvolumen für BAE betrug umgerechnet insgesamt 63,5 Milliarden Euro. Dass dieser Megadeal mit viel Geld geschmiert wurde, ist erwiesen. Neu ist allerdings, dass Prinz Bandar selbst im Laufe der Jahre rund eine Milliarde Pfund erhalten haben soll – so behaupten es die Londoner Zeitung The Guardian und Reporter der BBC, die den Fall gemeinsam untersucht haben. Das alles ist schon spektakulär genug. Nun aber gerät auch die britische Regierung unter Beschuss. Sie hat offenbar nicht nur von den Schmiergeldzahlungen gewusst, sondern auch die Aufklärung des Falls immer wieder aktiv verhindert.

Angefangen hat alles 1985. Margaret Thatcher war Premierministerin und gab sich alle Mühe, die Saudis zu überreden, den Auftrag für die neuen Kampfflugzeuge an die britische Industrie zu vergeben. Das entscheidende Gespräch fand in Salzburg statt. Der saudische Auftraggeber, Prinz Bandar, flog nach Österreich, »nannte ein paar konkrete Zahlen, und der Deal wurde durch einen Handschlag besiegelt«. So beschreibt es William Simpson, der Autor einer Biografie des Prinzen. Im Herbst 1985 unterschrieben die Verteidigungsminister den Vertrag.

Die Spurensucher des Guardian und der BBC haben sich allerdings auf das Kleingedruckte gestürzt und behaupten nun, Bandar sei für seinen Handschlag gut bezahlt worden. Zunächst gab es für ihn einen Airbus A340-200, außerdem sei festgeschrieben worden, dass »Dienstleistungen und Unterstützungen« des Auftraggebers vergütet werden.

Angeblich so: Alle paar Monate rief Prinz Bandar im britischen Verteidigungsministerium an. Ein Beamter dort gab das Signal an die BAE weiter, und von einem Firmenkonto bei der Bank of England wurden 120 Millionen Pfund auf das Konto des Prinzen bei der Riggs Bank in Washington überwiesen. So flossen über zehn Jahre angeblich mehr als eine Milliarde Pfund in die Taschen des Prinzen. Um diese Zahlungen buchhalterisch einfacher einzuordnen, soll der Stückpreis jedes Kampfflugzeugs von vornherein um 30 Prozent höher angesetzt worden sein.

Dann kamen die Terroranschläge des 11. September 2001, das FBI nahm den Geldfluss zwischen Saudi-Arabien und den USA unter die Lupe und schaute dabei auch auf Bandars Konten. Sie fanden allerlei Ungereimtheiten. »Das saudische Regierungskonto war von Prinz Bandars Privatkonto nicht zu unterscheiden«, erklärte ein FBI-Beamter der BBC.

Vor drei Jahren begann auch in England das für die Untersuchung schwerer Wirtschaftsverbrechen zuständige Serious Fraud Office (SFO) zu recherchieren. Spuren führten die Ermittler zu dem Schwarzgeldkonto bei der Bank of England, nach Washington und in die Schweiz. Überall stießen sie auf den Prinzen. Es sah so aus, als würde der Fall doch noch an die große Glocke gehängt. Großbritannien hatte die Antibestechungskonvention der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ratifiziert und sich verpflichtet, auch Korruption im Ausland zu verfolgen. »Der politische Druck war so groß wie nie zuvor«, erklärt Jeremy Carver von Transparency International, »die britische Regierung stand international im Wort«.

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Allerdings sollte zugleich al-Yamamah erneut verlängert werden. Die saudische Regierung erklärte ihr Interesse an 72 Eurofightern – für BAE ein Geschäft im Wert von 20 Milliarden Pfund. Die Fortsetzung des Vertrags sei »eindeutig im nationalen Interesse«, wurde SFO-Chef Robert Wardle aus dem Verteidigungsministerium signalisiert. Wardle freilich recherchierte weiter. Akten der BAE wurden beschlagnahmt, führende Mitarbeiter ausgiebig befragt.

»Die Spur war heiß«, sagt Wardle. Sie war offenbar so heiß, dass sich Prinz Bandar zu einer großen öffentlichen Geste genötigt sah. Im Spätsommer 2006 reiste er zu Gesprächen mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac nach Paris. Die Bilder von seinen Konsultationen sandten ein klares Signal nach London. »Wenn die Untersuchung nicht eingestellt wird, kaufen wir unsere Jets von den Franzosen«, lautete es. Wenige Monate später bekam Robert Wardle vom obersten britischen Staatsanwalt die Anweisung, alle Ermittlungen gegen BAE im Fall al-Yamamah einzustellen.

»Mir wurde klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass die Saudis ihre Kooperation im Kampf gegen den Terrorismus beenden würden. Es ging darum, Tote auf den Straßen von London zu verhindern«, rechtfertigte sich Wardle gegenüber der BBC. Die Entscheidung kam dabei von ganz oben. Premierminister Tony Blair hat sie zuletzt auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm erneut verteidigt, als er von der »ungeheuren Bedeutung Saudi-Arabiens im Kampf gegen den Terrorismus« sprach. Prinz Bandar hatte offenbar klare Worte gesprochen.

Jetzt ist die OECD an der Reihe. Deren Pariser Zentrale hat London bereits mehrfach öffentlich gerügt und angekündigt, ihre eigene Untersuchung einzuleiten. Auch die Amerikaner wollen die Sache nicht auf sich beruhen lassen.

Prinz Bandar hat die Anschuldigungen unterdessen als »grotesk« abgetan. Das Konto bei Riggs sei ein Regierungskonto gewesen, nicht sein eigenes. In einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender PBS lieferte der Prinz im Oktober 2001 freilich längst seine eigene Interpretation von Korruption: »In den letzten 30 Jahren haben wir in Saudi-Arabien ein Investitionsprogramm von rund 400 Milliarden Dollar durchgeführt, okay? Nun schauen Sie sich das Land an, und wenn Sie mir sagen, 350 Milliarden Dollar hätten auch gereicht, und 50 Milliarden wurden beiseitegeschafft, dann sage ich Ja, und diese 50 Milliarden nehme ich jederzeit.«