Einen Monat ist es her, da debattierten Juristen, Theologen und Mediziner auf Einladung des Deutschen Bundestags über das deutsche Stammzellgesetz. Fünf Jahre nach seinem Inkrafttreten wurde es vor allem von den Wissenschaftlern kritisiert: als Forschungsverhinderungsgesetz .

Nach der strengen deutschen Regelung dürfen sie nur an menschlichen embryonalen Stammzelllinien forschen, die schon vor dem 1. Januar 2002 existierten. Sogar die Mitarbeit deutscher Forscher an internationalen Projekten wird mit Strafe bedroht, wenn dort jüngere Zellen zum Einsatz kommen.

Nach der Meldung der vergangenen Woche, therapeutischer Zellersatz könne ganz einfach und moralisch unbedenklich aus der Haut gewonnen werden, frohlocken nun die Gegner einer Liberalisierung des deutschen Embryonenschutzes: Die Forschung an embryonalen Zellen sei überflüssig. Nur mit Hilfe von vier Genen hatten Forscher aus der Hautzelle einer Maus sogenannte pluripotente Stammzellen gezüchtet, die zu Ersatzgewebe jeder Art heranwachsen können – zu Nervenzellen für Parkinson-Kranke, Inselzellen für Diabetiker, Blutgefäßen für Infarktopfer.

Doch wer jetzt die angebliche Weisheit der deutschen Gesetzgebung bejubelt, hat nichts verstanden. Die neuen Versuche liefern gerade nicht das Argument für den Weiterbestand der deutschen Sonderregelung. Im Gegenteil: Der Durchbruch war das Ergebnis intensiver Forschung an embryonalen Stammzellen. Erst ihre genaue Typisierung hat die entscheidenden Gene erkennbar und damit den Tod von Embryonen für die Forschung überflüssig gemacht. Auch die Reprogrammierung von Körperzellen mit Hilfe von Eizellen (Methode Dolly) kann entfallen. Damit könnten diese umstrittenen Verfahren auch beim Menschen obsolet werden – falls die wundersame Verjüngung von humanen Körperzellen gelingt.

Bis dahin ist viel Forschung vonnöten. Dass sie Krankheiten heilen können, haben die Zellen auch im Tierversuch bisher nicht gezeigt. Mice tell lies – Mäuse erzählen Lügen –, warnen Wissenschaftler überdies vor zu viel Euphorie, wenn ein Tierexperiment gelingt. Und tatsächlich hat sich bereits gezeigt, dass zwei der vier Mäusegene bei der menschlichen Zellprogrammierung keine Rolle spielen. Zwei der Gene sind zudem als Tumorgene bekannt, ihr Einsatz in der möglichen Stammzelltherapie von Menschen ist also riskant. Und zu allem Übel haben die Forscher zur Zellmanipulation sogenannte Retroviren eingesetzt. Auch hier lauern unwägbare Risiken.

Der Durchbruch im Tierversuch macht weitere Forschung notwendig – und zwar an aktuellen humanen Zelllinien. Ebendiese Forschung ist in Deutschland verboten. Die Arbeiten in Japan und den USA zeigen die Bedeutung internationaler Kooperation – von der unsere Wissenschaftler bei Strafe weitgehend ausgeschlossen sind.

Ein neuer Weg zu Therapien für bisher unheilbar Kranke wird erkennbar. Doch deutsche Forscher verlieren im Wettlauf um den medizinischen Fortschritt – von Gesetzes wegen.