Ein einjähriger Junge im Batman-Schlafanzug will sich die Welt genauer ansehen, zieht sich aufs Fensterbrett, beugt sich ins Leere und will fliegen wie ein Vogel. Sein 15-jähriger Bruder kann ihn im letzten Moment festhalten. "So fängt es also an: Ein Junge steht am Abgrund des Todes. Ein anderer Junge steht am Abgrund von etwas viel Komplizierterem." Letzterer heißt David Case und erholt sich nicht mehr von diesen zwei Sekunden, die sein Leben von der Katastrophe trennten. Die Frage "Was wäre, wenn …" ist plötzlich nicht mehr nur Gedankenexperiment, sondern hebt folgenschwer die Grenze auf zwischen Realität und Fantasie. Ein Verantwortlicher für das Unglück meldet sich, ganz privat: das Schicksal, das es auf ihn abgesehen hat, ganz persönlich. Ihm muss er entkommen: David ändert seinen Namen in Justin Case, kleidet sich neu ein, schafft sich einen unsichtbaren Windhund an und verändert sein Leben. Das Schicksal hat daran Freude: "Ich mag David wirklich. Nein, stimmt nicht. Er ist mir völlig egal. … Aber hin und wieder spiele ich nun mal gern. Und er geht so nett darauf ein."

Was folgt, ist für David/Justin ein Spiel zwischen Lust und Angst, zwischen Leben und Tod. Von einer jungen Fotografin wird er nicht nur zum Inbild der "verlorenen Jugend" moduliert und auf Hochglanz gebannt, sondern auch von seiner Jungfräulichkeit befreit. Was der Junge ersehnt hat, empfindet er im Nachhinein, als seine große Liebe nicht erwidert wird, als Demütigung. Der Flughafen, den er für sich als Rückzugsort entdeckt, erweist sich nach kurzer trügerischer Ruhe als exakt jene Stelle, an der das Schicksal die größtmögliche Explosion für ihn bereithält. Justin Case rennt vor den Katastrophen davon und ist immer rechtzeitig da. Sogar den winzig kleinen Wassertropfen, der jene Bakterien enthält, die eine Meningokokken-Meningitis auslösen, verfehlt er nicht. Ironie des Schicksals.

Die Autorin, die dem Schicksal diese tragende Sprechrolle zugeteilt hat, ist Meg Rosoff, jene in England lebende amerikanische Autorin, die mit ihrem Debütroman über ein Mädchen, das aus der Idylle einer romantischen Liebe in das Herz der Finsternis gestoßen wird (So lebe ich jetzt), begeistert und verstört – und zahlreiche Preise (darunter den Luchs des Jahres 2005) erhalten hat. Mit Was wäre wenn (im Original Just in Case) bestätigt sie eindrucksvoll, dass ihr erzählerischer Blick auf das Leben in der frühen Adoleszenz herausragend ist. Mit schwarzem Humor, aber voller Wohlwollen ihren Figuren gegenüber, erzählt sie vom Drama des Erwachsenwerdens und der Suche nach Identität.

Dem Wirrwarr der teenage angst entspricht auch die formale Gestaltung des Romans: Nicht nur mit Perspektiven spielt sie, sondern auch mit Geschwindigkeiten: Mal scheint sich nichts zu bewegen, im nächsten Moment kommt es zu einer wahnwitzigen Explosion. Dann ist viel Fleisch auf jenem Skelett, das bisweilen deutlich durchscheint. Eine hoch konstruierte Geschichte, die an manchen Stellen die Frage nach der Wirklichkeit der Fantasie zu explizit verhandelt. Das reißt aus dem Lesefluss, macht das Lesen nicht einfacher. Andererseits fordern diese Verstörungen eine rationale Lektüre, regen die Reflexion über den Spielcharakter von Literatur an. Die Autorin verhält sich wie das Schicksal: Sie ist unberechenbar, ruppig, manchmal zynisch und manchmal zärtlich, sie opfert schon mal einen Radfahrer oder lässt einen Modedesigner über die Klinge springen. Und sie beherrscht das Timing. Wenn sie das Schicksal sagen lässt: "Jeder Komiker, Tennisspieler oder Koch kann es bestätigen: Entscheidend ist immer der richtige Zeitpunkt.", darf man ergänzen: Meg Rosoff weiß das ebenso.

Dass der komplexe Roman dennoch funktioniert, liegt zu einem nicht geringen Teil an Rosoffs dunkelgrauem Humor, der einen trotz all der Schicksalsschläge nicht verzweifeln lässt. Sondern hoffen, dass David/Justin Case, dieser Held mit dem so ausgeprägten Möglichkeitssinn, ihn am Ende auch auf das Glück anwendet. Und man sagen kann: So hört es also auf – ein Junge überlebt und wird erwachsen. Franz Lettner