Sonntagnachmittag am Flughafen Braunschweig Waggum. Alles sehr beschaulich hier. Es riecht mehr nach gemähter Wiese als nach Flugbenzin. Über der Landebahn zwitschern die Lerchen. Unter den Sonnenschirmen des Flughafenrestaurants klappern die letzten Mittagsgäste mit dem Besteck. Und wenn von Zeit zu Zeit das Brummen eines Propellermotors näher kommt, recken sich die Kinderhälse: "Papa guck mal, der landet."

Das Flughafengebäude besteht aus einem Haus mit Ziegeldach, auf das man anstatt eines Schornsteins einen Kontrollturm gebaut hat und aus einer großzügigen Aussichtsterrasse: originale NS-Architektur, eingeweiht 1936. Heute hüpfen hier Väter mit ihren Söhnen über die Steintreppen, und Rentner halten sich Ferngläser vor die Augen. Im Aushangkästchen kann man über die Aktivitäten des Luftfahrtclubs Braunschweig lesen: "Unsere Mitglieder fotografieren aktuelle Flugbewegungen und stellen die Fotos in das Forum auf unserer Website."

Die Faszination des Fliegens! Die Magie der Technik! Welcher Junge hat diesen traumschönen Moment nicht begeistert auf dem Kinderzimmerteppich nachgespielt: wenn der Motor immer lauter brummt und die kleine Cessna oder der rote Doppeldecker langsam vom Boden abheben? Karlheinz Stockhausen hat dafür ebenfalls eine Schwäche. Als Kind begeisterte er sich für Dampflokomotiven und legte an Transformatorenhäuschen das Ohr an, um ihrem eigentümlichen Sirren zu lauschen. Und weil er Komponist ist, hat er aus seinen Jungenfantasien ein spektakuläres Musikstück gemacht eine Komposition für Helikopter und Streichquartett, die in Braunschweig als deutsche Erstaufführung (und zum dritten Mal überhaupt) live zu hören ist.

Vier Mitglieder eines Streichquartetts besteigen für die Aufführung vier Hubschrauber und erheben sich im Formationsflug in die Lüfte. Sie spielen eine zitternde Luftmusik, bestehend aus Tremoli, Glissandi, Pizzikati und laut gerufenen Zahlen, die gemeinsam mit den Rotorklängen der Hubschrauber nebst Videobildern in einen Konzertsaal am Boden gefunkt und von einem Klangingenieur abgemischt werden.

Stockhausen kam die Idee im Traum. Mit bunten Stiften hat er sie in Partiturform gebracht und das Werk seiner 29-stündigen Musiktheater-Heptalogie Licht hinzugefügt, als aparte Zwischenszene in Mittwoch, dem Tag, an dem sich in Stockhausens Gesamtkunstwerk alles ums Abheben dreht und um interstellare Kommunikation. Das Helikopter-Streichquartett ist "allen Astronauten" gewidmet.

Die Grünen und die SPD in Braunschweig waren ja sehr dagegen wegen der Umweltverschmutzung, Geldverschwendung, des Stockhausenschen Größenwahns. Es kam zur Kampfabstimmung im Verwaltungsausschuss der Stadt, und nur eine knappe Mehrheit verhinderte, dass den vom Braunschweiger Theater veranstalteten Festlichen Tagen Neuer Musik die Zuschüsse für das Konzert wieder gestrichen wurden. 135000 Euro kostet das Projekt. " Eine Aufführung von Mahlers achter Symphonie ist teurer", sagt Martin Weller, der Leiter der Festivals.

Aber nun stehen die vier Streicher des Staatsorchesters Braunschweig tatsächlich vor den Videoleinwänden in dem zum Auditorium umfunktionierten Flugzeughangar und warten darauf, dass das große Rolltor endlich aufgeschoben wird. Es ist ein pathetischer Augenblick, wenn sich der abgedunkelte Konzertraum plötzlich in die Landschaft öffnet, wenn die Wiesen ins Blickfeld geraten, der Himmel und die vier Helikopter. Die Motoren werden gestartet, die Musiker schreiten mit ihren Instrumenten ins Freie und steigen ein. Gemächlich wackelnd, hebt ein Hubschrauber nach dem anderen ab. Sie bilden ein Trapez vorne schwebt die erste Geige, links und rechts Bratsche und Cello und hinten die zweite Geige , dann senken sie ihre Nasen und steigen auf, bis sie nur noch als kleine Punkte zu erkennen sind. Und aus den Lautsprechern tönen die jaulenden und sägenden Töne der Streicher, das dumpfe Staccato der Rotoren und das metallische Zwitschern der Turbinen. Alles sehr musikalisch. " Die Romantik und die Moderne, die blaue Blume und die Hochtechnologie kommen hier zusammen", erklärt Martin Weller in seinem Einführungsvortrag. Die Braunschweiger lauschen gebannt. Nach einer halben Stunde wird das Rolltor des Hangars ein zweites Mal geöffnet, und der erste Helikopter biegt knatternd um die Ecke. Die Rotorblätter trudeln aus, es öffnen sich die Kabinentüren. Und wie in der Schlussszene eines spektakulären Hollywood-Thrillers marschieren Musiker, Piloten und Tontechniker unter dem Jubel des Publikum über die Rollbahn. Im Gegenlicht der Abendsonne, als hätten sie gerade die Welt vor dem Untergang gerettet.