Alle Zeiger stehen auf Sternstunde: Sie kommt, eröffnet im Alter von 65 Jahren die erste Europa-Tournee ihres Lebens in Zürich, der Stab groß wie bei einer Hollywood-Produktion, die Gerüchte über Vertragsdetails monströs, die Vorgeschichte belastet: Seit sie 1967 den Text auf der Bühne vergaß, leidet sie unter extremem Lampenfieber, musste sich in Therapie begeben, weil sie Angst hatte, den Erwartungen nicht zu entsprechen, pausierte mit großen Konzerten bis zu ihrem Comeback 1994, dem weitere folgten.

Aus Angst vor Anschlägen verlangt sie höchste Sicherheitsstandards, man nennt sie paranoid, kontrollversessen, aber auch, wie die New York Times, die »einflussreichste Mainstream-Pop«-Persönlichkeit seit Frank Sinatra, die »letzte Diva neben Liz Taylor«. Das zu vierzig Franken erhältliche Programmheft vergleicht sie mit Picasso, das Plakat fleht: »Verpassen Sie diese einmalige Gelegenheit nicht!«

In den Siebzigern ermittelte ein Filmstudio den populärsten Star: Barbra. Und den am wenigsten populären: auch Barbra. Manche nennen sie eine hässliche Schabracke, andere überirdisch schön, Omar Sharif fand erst das eine, dann das andere. Glenn Gould bezeichnete ihre Stimme als eines der Wunder des Jahrhunderts – übertroffen nur von Elisabeth Schwarzkopf –, Walter Matthau dagegen attestierte ihr kaum »das Talent eines Schmetterlings-Furzes«. Ist das der Stoff, aus dem letzte Legenden sind?

»Wenn Sie sie sehen, treten Sie ihr gegen das Schienbein«, sagt die Taxifahrerin. »Ich hab sie dauernd gehört, während der Scheiß-Entbindung von meinen Zwillingen, und jetzt müsste ich für eine Karte eine ganze Monatsmiete hinlegen! Das ist nicht demokratisch!« Wohl wahr, aber da die Welt sich überraschend nicht gebessert hat seit dem letzten Comeback, muss Barbra Streisand, wie sie schreibt, weiter gegen das Böse ansingen, auch ihrer Stiftung zuliebe.

Im Publikum des nicht ganz ausverkauften Hallenstadions viele routinierte Liebespaare, die sich über »Barbra« vergangener Verwirrungen des Herzens erinnern, viele rosa Hemden, viele Leopardenprints, Anzüge, kaum Jeans, Sekt aus Plastikflöten und unter weiteren Edelfotos von La Streisand der Slogan: »Whopper Time in Oerlikon«. Timeless hieß ihre New Yorker Abschiedsgala 2001. Jetzt hat die Zeit sie wieder.

Schwarz. Dann das Auffunkeln der Lampen im halb versenkten Orchester, an Großstadtlichter erinnernd, dann die alte Funny Girl Broadway Ouverture, dann sie, in Goldschwarz aus dem Boden steigend, mit milder Koketterie scheinbar überrascht vom Sturm im Saal, »oh thank you«, wird sie immer wieder sagen, als könne sie es nicht glauben, dann Starting Here, Starting Now intonieren mit einer Phrasierung, in die die Erfahrung tief eingesickert ist, sicher, stringent. Doch in der Verhaltenheit der Interpretation bereitet sich schon die große Geste vor, die den Abend bestimmen wird. Sie wird das ganze Orchester und ein schallendes Fortissimo am Ende fast jeden Songs brauchen: breitbeiniger Broadway, kitschig, schamlos und betörend.