Eine milde Abendsonne taucht den Fußballplatz in ein freundliches Licht – einen Platz mit Maulwurfshügeln und kahlen Stellen im Rasen, die an Mottenlöcher erinnern. Hier ist der ETSV Hamburg von 1924 zu Hause, im Vorort Allermöhe, umgeben von Schreberlauben. Alte Männer sitzen auf Holzbänken vorm Vereinsheim und trinken Bier – heitere Feierabendstimmung. Die Kicker, die heute zu Gast sind, immer montags, spielen nicht unbedingt den elegantesten Fußball, aber einen sehr leidenschaftlichen. Sie haben keine Trainingstrikots, jeder trägt etwas anderes, so geben sie ein buntes Bild ab. Was Fitness und Alter betrifft, reicht die Spanne von durchtrainiert bis pummelig, von Anfang zwanzig bis Mitte vierzig. Es ist die Fußballmannschaft des schwul-lesbischen Sportvereins Startschuss.

Ein Spieler allerdings sticht durch sein Können hervor. Marcus Urban dominiert den Platz. Dem gastgebenden ETSV Hamburg ist der kleine, drahtige Sportler gleich aufgefallen, der Verein hat ihm ein Angebot gemacht. Doch Urban will nicht mehr in einer Liga spielen – nur noch zum Vergnügen. Den Traum von der Fußballkarriere, der ganz großen, hat er vor über zehn Jahren begraben. Der gebürtige Thüringer stand als Nachrücker beim Bundesliga-Zweitligisten FC Rot-Weiß Erfurt unter Vertrag. Er spielte gegen heutige Stars wie Frank Rost, Torwart beim Hamburger SV, oder Thomas Linke, ehemaliger Schalke- und Bayern-Spieler.

Urban, der damals noch Schneider hieß wie sein Stiefvater, galt als Nachwuchstalent der DDR. Als 13-Jähriger kam er auf ein Sportinternat, er sollte fürs DDR-Nationalteam aufgebaut werden. Dass er schwul war, sei ihm im Grunde längst bewusst gewesen, sagt er, doch er habe es beiseitegeschoben. »Quatsch, Fußballer können gar nicht schwul sein«, versuchte er sich selbst zu beruhigen. Es ließ sich auf Dauer aber nicht unterdrücken. Groß war seine Angst, Mitschüler oder Trainer könnten ihm etwas anmerken. »Mit 15 habe ich angefangen, Bücher über Psychologie und Körpersprache zu lesen. Es war ein ungeheurer Kraftaufwand, ich habe mich ständig selber kontrolliert.«

Trotzdem konnte er es nicht verbergen, offen gesprochen wurde darüber jedoch nie. Einmal habe der Trainer vor versammelter Mannschaft gesagt: »Ihr könnt ruhig Mädchen mit aufs Zimmer nehmen, das ist kein Problem. Alles andere würde mich enttäuschen.« Da wusste Urban: »Das galt mir.«

Eine verhinderte Karriere, weil man schwul ist – das gibt es durchaus

Die Anerkennung, die er im privaten Leben nicht bekam, fand er auf dem Spielfeld. »Da war ich ungeheuer aggressiv. Ich spielte zentrales Mittelfeld, war ein Spielmacher wie Rafael van der Vaart beim HSV. Wenn ich den Platz verließ, war ich wieder die schüchterne graue Maus. Ich war voller Komplexe.« Mit 23 verliebte er sich beim Studienaufenthalt in Neapel in einen Mann, einen Italiener – und verlor den Boden unter den Füßen. »Ich lag zwei Wochen im Bett, ich hatte Tagalbträume.«

Seine Fußballkarriere brach er ab; er spürte, dass er nicht die Kraft aufbringen könnte, die nötig wäre, um als schwuler Profifußballer zu bestehen. Urban studierte Stadt- und Regionalsoziologie und Architektur in Weimar. In einer Therapie arbeitete er all die Demütigungen der frühen Jahre auf. Es hat lange gedauert, bis er zu sich selbst gefunden hat. Heute, mit 35, arbeitet er als Designer im Atelier Lichtzeichen in Hamburg mit behinderten Künstlern. Er habe seinen Frieden gefunden, meint er. Aber er sagt auch: »Ich glaube, ich hätte das Potenzial für einen Bundesligaprofi gehabt.«

Eine verhinderte Karriere, weil man homosexuell ist – ist das denn heute noch möglich? Schien Schwulsein in den vergangenen Jahren nicht geradezu normal geworden zu sein? Reihenweise haben sich Künstler, Medienschaffende, Politiker als schwul geoutet, ohne dass es ihrem Ansehen geschadet hätte, eher im Gegenteil.

Der zum geflügelten Wort avancierte Satz von Klaus Wowereit, Berlins Regierendem Bürgermeister, »Ich bin schwul, und das ist auch gut so«, wirkte auf manche Heteros fast schon provozierend, so als ob Wowereit Homosexualität über Heterosexualität stellen wollte. Doch der Satz war an die eigene, homosexuelle Gemeinde gerichtet, sich nicht mehr zu ducken – und in der Tat stärkte er deren Selbstbewusstsein. Bis heute, sagt Wowereit, erhalte er Briefe von Frauen und Männern, die ihm für den Mut danken, den er ihnen gemacht habe. Auch Eltern, viele aus der Provinz, schrieben ihm, er habe es ihnen erleichtert, im Kirchenchor oder Sportverein zu ihrem schwulen Sohn zu stehen.

Endlich schienen Homosexuelle in der Gesellschaft angekommen. Wichtigster Meilenstein war das von der rot-grünen Koalition verabschiedete Lebenspartnerschaftsgesetz, das 2001 in Kraft trat und 2002 vom Bundesverfassungsgericht bestätigt wurde. Seither sind schwule und lesbische Paare in vieler Hinsicht Ehepaaren gleichgestellt, zwar nicht in jeder, aber wichtiger ist die Botschaft: Homosexuelle sind akzeptiert, sie müssen ihre Beziehungen nicht länger verstecken. Ihre Sexualität und, wichtiger, ihre Identität werden nicht mehr abgewertet.

Wie viele Homosexuelle es in Deutschland gibt, weiß allerdings niemand. Nirgendwo werden Statistiken geführt; keine Behörde, kein Politiker möchte sich dem Vorwurf aussetzen, »rosa Listen« zu führen. Offiziell hießen sie »Listen der homosexuell Verdächtigen« und sollten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Strafverfolgung von Schwulen erleichtern. So weiß man heute auch nicht, wie viele Paare eine Lebenspartnerschaft nach dem neuen Gesetz eingegangen sind.

Besucht Klaus Wowereit eine Schule, kriegt er Zoten zu hören

Ein großes Verdienst, Homosexuelle im Alltag sichtbarer gemacht zu haben, kommt den Privatsendern zu. In den Soaps von RTL, Sat.1 oder ProSieben nehmen schwule und lesbische Hauptfiguren seit Mitte der neunziger Jahre feste Plätze ein. Amerikanische Serien wie Queer as Folk oder Six Feet Under mit überwiegend schwulen Themen haben sogar Kultstatus erlangt.

Für die öffentlich-rechtlichen Sender dagegen war Homosexualität lange allenfalls ein Talkshow-Thema. Zwar gab es den ersten Fernsehkuss zweier Männer in der ARD -Lindenstraße 1987, doch was für eine Aufregung löste er aus. Beim zweiten Lindenstraßen- Männerkuss, 1990, schaltete sich das Bayerische Fernsehen aus. Sehr fern wirkt das heute. Die Zeit der Klammheimlichkeiten, der Selbstverleugnung scheint vorüber, ebenso wie die bewegte Kampfzeit, die darauf folgte.

Die Paraden für die Rechte von Schwulen und Lesben zum Christopher Street Day (CSD), die den Sommer über durch deutsche Großstädte ziehen, sind in den vergangenen Jahren den Love Parades immer ähnlicher geworden – schrille, lärmende Spektakel ohne politischen Anspruch, als seien alle Ziele erreicht. Mit dem CSD erinnern Homosexuelle weltweit jedes Jahr an die Polizeirazzia am 28. Juni 1969 im New Yorker Schwulenlokal Stonewall Inn in der Christopher Street. Berlin macht nächstes Wochenende den Anfang – diesmal wieder mit einem klar politischen Thema: Diskriminierung in der Arbeitswelt. Auch in den anderen Städten versprechen die Umzüge wieder politischer zu werden. Denn der Wind hat sich gedreht. War die ganze Liberalisierung nur ein Medienspuk?

Wenn Klaus Wowereit ins Eishockeystadion zu den Berliner Eisbären geht, singen gegnerische Fans zur Melodie von Guantanamera im Chor: »Hauptstadt der Schwulen, wir sind die Hauptstadt der Schwulen, Hauptstadt der Schwuuuulen…« Und besucht der Regierende Bürgermeister eine Schule, »dann hör ich hinter mir die Zoten, sobald ich mich umdrehe«. Er erzählt das, auf der Besuchercouch seines riesigen Amtszimmers im Roten Rathaus sitzend, und wirkt dabei gelassen, beinahe amüsiert. Wowereit macht sich keine Illusionen über die aufklärerische Wirkung des Coming-outs – der Selbstoffenbarung – Prominenter: »Die Gesellschaft ist nicht per se liberaler geworden dadurch, dass die Herren von Beust, Westerwelle oder Wowereit als schwul bekannt sind. Die Probleme des einzelnen Homosexuellen sind damit nicht leichter geworden«, sagt er in dem ihm eigenen ironischen Ton.

Wie es aussehen könnte, ein Leben ohne Angst und Diskriminierung – St. Georg schien es vorzuleben. Aus dem einstigen Schmuddelviertel hinterm Hamburger Hauptbahnhof mit Drogen und Babystrich ist ein hipper Stadtteil geworden. Viele Schwule zogen her, zumal solche mit Geld. Mietwohnungen wurden in Eigentumswohnungen umgewandelt, Investoren begannen den Namen des Stadtteils englisch auszusprechen: »Saint George«. Ein Gemüseladen nach dem anderen verschwand.

Dafür gebe es jetzt »zehn Friseure und Stylisten«, lästert Peggy Parnass. Die Autorin und lebende Ikone der Schwulen wohnt seit 30 Jahren in St. Georg – auf der Langen Reihe, heute der Schwulenboulevard dort. Beim Italiener tragen Kellner die Schiefertafel mit dem Menü von Tisch zu Tisch, und manchem Gast haben es die trainierten Unterarme der jungen Männer, die die Tafel halten, offenkundig mehr angetan als die Speisen.

Als jüdisches Emigrantenkind – ihre Eltern waren in Treblinka umgebracht worden – verbrachte Peggy Parnass ihre Kindheit in schwedischen Pflegefamilien, später in Londoner Waisenhäusern und bei einem Onkel. In den siebziger und achtziger Jahren machte sie sich einen Namen als Gerichtsreporterin für konkret . Was sie in den Pflegefamilien nicht fand, fand sie als Halbwüchsige bei Homosexuellen. »Schwule waren für mich Familienersatz, die passten auf mich auf. Und ich auf sie.«

Am liebsten lebte sie bei schwulen Paaren. »Die haben mich bekocht, bemuttert und verwöhnt, von denen wurde ich geliebt wie ein Kind, und ich liebte sie.« Viele dieser Freunde trugen im Portemonnaie ein Foto von ihr bei sich, als ihrer angeblichen Geliebten, das sie bei Bedarf vorzeigen konnten. Umgekehrt waren Schwule für sie zu selbstlosen Diensten bereit: Sie lag auf dem Bett, diktierte ihre Artikel, und wechselnde Jünglinge saßen an der Schreibmaschine und tippten, geduldig und ausdauernd. Irgendwann, sagt Parnass, sei es ihr »zu läppisch« gewesen, »nur als Pseudoverlobte meine schwulen Freunde zu schützen«.

Sie drängte sie, sich zu outen, also sich zu bekennen, und suchte sie davon zu überzeugen, »dass sie von ihrer Umwelt nur akzeptiert werden, wenn sie sich selber akzeptieren«. Dann war ihr auch das zu wenig. Sie begann zu agitieren, im Freundeskreis, in ihren Zeitungskolumnen. »Ich wollte politische Veränderungen.« Im Londoner Hyde Park hielt sie flammende Plädoyers für die Gleichberechtigung der Homosexuellen. Den deutschen Schwulenparagrafen 175, damals noch in der verschärften Fassung der Nazis in Kraft, fand sie »schwachsinnig, bedrohlich, durch nichts zu rechtfertigen«. Erfreut registrierte sie, dass immer mehr schwule Aktivisten hervortraten, dass sich eine politische Schwulenbewegung formierte. »Wir hatten Aufbruch, wir hatten Fortschritt.«

Wenn Peggy Parnass heute auf die Lange Reihe tritt, kann sie den gesellschaftlichen Wandel überall sehen. »Jeder kann sich hier frei bewegen«, sagt sie begeistert. »Zwei, die verliebt sind, können sich küssen, ohne dass sich jemand umguckt.«

Wirklich? Inzwischen haben Schwule wieder angefangen, sich umzugucken, ehe sie sich küssen. Auch in St. Georg können sie das nicht mehr selbstverständlich tun. Vor allem zwischen Schwulen und Ausländern haben die Spannungen zugenommen. In St. Georg habe es im letzten halben Jahr sechs Überfälle junger Männer mit »muslimischem Hintergrund« auf Schwule gegeben, sagt Farid Müller, schwulenpolitischer Sprecher der Hamburger Grün-Alternativen Liste (GAL). Immer nachts hätten die Schläger ihren Opfern aufgelauert und sie verprügelt. Und im schwulen Infoladen Hein und Fiete bedrohten junge Männer, offenbar Türken oder Araber, mehrmals die Mitarbeiter.

Die Aggression kommt aus der Mitte der Gesellschaft

Spannungsfrei war das Verhältnis zwischen den Muslimen und den Schwulen in St. Georg nie, man ging sich aus dem Weg. Den Schwulen gehörte die Lange Reihe, den Muslimen der parallel verlaufende Steindamm. Als das Schwulenmagazin hinnerk im vorigen Jahr türkische und arabische Händler dort befragte, was sie über Schwule dächten, kam blanker Hass zum Vorschein. »Es sollte keine Schwulen geben«, tat ein Kellner eines iranischen Restaurants kund und setzte nach: »Wenn mein Sohn einen Schwulen verprügelt hätte, würde ich ihm sagen: Gut gemacht!« Ein türkischer Friseur, der täglich Schwulen die Haare schneidet, erklärte, wäre sein eigener Sohn schwul, »würde ich ihm in die Fresse hauen und ihn verstoßen«.

Weil er zur Deeskalation beitragen wollte, lud Farid Müller zum »Stadtteildialog zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen« ins Schauspielhaus; doch heraus kam nur, wie wenig man einander zu sagen hat. Ahmet Yazici, Vizevorsitzender des Bündnisses der islamischen Gemeinden in Norddeutschland (BIG), das in der Centrum-Moschee in St. Georg seinen Sitz hat, erklärte: »Homosexualität ist nach jeder islamischen Schule eine Sünde.« Und fügte hinzu: »Aber deswegen ist kein Muslim befugt, Selbstjustiz zu üben.« Der Hamburger Verfassungsschutz hält das Bündnis für »fest in das hierarchische Organisationsgefüge« der ultraorthodoxen Milli Görüş eingebunden und hat »erhebliche Zweifel an der Aufrichtigkeit des Bekenntnisses zum Grundgesetz«.

Dass es auch andere Muslime gibt, zeigt der Fußballverein Türkiyemspor in Berlin, der sich für Schwule und Lesben engagiert. Kürzlich trat der Viertligist bei den Respect Games, einem Event für Toleranz des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland, im Berliner Jahn-Sportpark an. Der Grund des Engagements liege auf der Hand, sagte Cetin Özaydin, der Vorsitzende des Fördervereins von Türkiyemspor, dem Tagesspiegel: »Das Thema Ausgrenzung eint uns.« Bei Auswärtsspielen müsse sein Verein immer wieder feststellen, wie organisiert die rechte Szene sei. »Die Mechanismen sind doch die gleichen, ob es jetzt um Türken, Schwule, Juden oder politisch Andersdenkende geht.«

Farid Müller hat eine »paradoxe gesellschaftliche Entwicklung« ausgemacht. »Die zunehmende Liberalität hat offenbar einen Rollback produziert. Die Toleranz geht insgesamt zurück.« Ein Trend, den auch Professor Wilhelm Heitmeyer in seiner Langzeitstudie Deutsche Zustände festgestellt hat.

Danach ist der Anteil der Deutschen, die Homosexualität für unmoralisch halten, im vorigen Jahr von 16,6 auf 21,8 Prozent gestiegen. Als Grund für zunehmende Feindseligkeit, auch gegen andere Minderheiten, nennt die Studie Orientierungslosigkeit und Angst vor dem Abstieg. Dabei gingen die Aggressionen gegen die vermeintlich Schwächeren nicht von den Rändern der Gesellschaft aus, sie kämen aus der Mitte – jene tragende Schicht, die bislang als Garant von Normalität und politischer Stabilität galt, sei im Begriff, sich zu radikalisieren.

Ein Ort, an dem es die Mehrheit der Minderheit besonders schwer macht, ist die Schule. »Schwul« steht auf der Hitliste der beliebtesten Schimpfwörter unter Schülern ganz oben. Jugendliche, die sich dazu bekennen, müssen regelrecht Spießruten laufen. »Die Schule ist ein homophober Ort«, konstatiert lapidar die Studie Schwule Jugendliche des Niedersächsischen Sozialministeriums.

Zwei Drittel der Befragten (67 Prozent) glauben, dass sie wegen ihres Schwulseins mit größeren Belastungen fertig werden müssten als heterosexuelle Jungen. Die meiste Kraft koste das Bekenntnis dazu: 56 Prozent der befragten Jugendlichen gaben an, Gleichaltrige machten sich lustig oder redeten schlecht über sie; 38 Prozent sind beschimpft worden. Dabei sind die Jungen weitgehend auf sich allein gestellt. »Von wem am wenigsten Hilfe kommt, sind die Lehrerinnen und Lehrer«, stellt die Studie fest. Wie Frauen- oder Ausländerfeindlichkeit zu begegnen sei, werde in den pädagogischen Seminaren inzwischen gelehrt; schwule Schüler seien jedoch »darauf angewiesen, dass ihr Lehrkörper ganz persönliche Zivilcourage aufbringt«. Oft erleben die Jugendlichen das Gegenteil. 27 Prozent gaben an, Lehrer hätten bei Schwulenwitzen mitgelacht.

Melvin* hatte geahnt, dass er schwul ist. Im vorigen Jahr, mit 17, »hatte ich es für mich akzeptiert«, sagt der Hamburger Gymnasiast. Seiner Mutter musste er sich nicht offenbaren, sie hatte es bereits geahnt. Alle in der Familie hätten es akzeptiert, sagt er. Melvin wirkt eher zart, seine Gesten sind manchmal etwas weiblich. Auch einige seiner Mitschüler hatten sich schon gedacht, dass er schwul sei. Umso mehr haben ihn dann deren heftig ablehnende Reaktionen getroffen. Auf Schritt und Tritt wurde er gehänselt, »Schwuchtel!«-Rufe in den Fluren, auf dem Schulhof. »Ich habe viele Freunde verloren«, sagt er.

Die Jungen wollten nicht mehr mit ihm zum Sportunterricht, vor allem wollten sie sich nicht in der Umkleidekabine vor ihm ausziehen und mit ihm duschen. Als sich die Mitschüler weigerten, mit ihm auf Klassenfahrt zu gehen, hielt er die Belastung nicht mehr aus – er ließ sich krankschreiben. Sechs Wochen blieb er zu Hause, eine Psychotherapeutin half ihm in der Zeit wieder auf die Beine. Seinen Lehrern verschwieg er den wahren Grund für seine Krankmeldung.

Melvins Beispiel zeigt, dass Homophobie auch in gebildeten Kreisen einer Metropole vorkommt – wie man sich umgekehrt als schwuler Jugendlicher auf dem Land nicht verloren fühlen muss. René*, 16 Jahre alt, wohnt in einem kleinen Dorf in der Sächsischen Schweiz bei seiner Mutter. Sie hat mit dem Schwulsein ihres Sohnes keine Probleme, auch nicht mit seinem schwarzen Gothic-Outfit, den schwarz gefärbten Haaren und schwarzen Fingernägeln. Im Dorf hat René keine Freunde; was die Leute reden, ist ihm egal. Austausch mit Gleichgesinnten hat er im Internet genug. Trotzdem will er so schnell wie möglich weg, einem Überfall durch Skins ist er nur knapp entkommen. Im Herbst beginnt der Hauptschüler eine Lehre als Friseur in Dresden. »In dem Laden sind alle etwas exaltiert«, schwärmt er. »Herrlich!«

Heterosexuelle Jungen in der Pubertät lehnten schwule Altersgenossen heute aggressiver ab als früher, weil sie auf keinen Fall selbst für schwul gehalten werden wollten, sagt der Berliner Jugendtherapeut und Buchautor Joachim Braun (Schwul – und dann? Ein Coming-out-Ratgeber). In den sechziger und siebziger Jahren habe Homosexualität für Jugendliche nichts Bedrohliches gehabt, weil »Homosexuelle eine eher geisterhafte Minderheit darstellten«, so Braun. »Heute dagegen fürchten viele Jungen, schwul zu sein, weil Schwule wesentlich präsenter sind.« Schwulsein ist kein Tabu mehr, sondern eine Option.

Es fehlen die Vorbilder in der persönlichen Umgebung

Melvin trifft sich einmal in der Woche mit anderen schwulen Jugendlichen im Magnus-Hirschfeld-Centrum (MHC). Die schwul-lesbische Beratungsstelle beim Hamburger Stadtpark bietet den Jugendlichen »Schutzräume«, wie ein Berater sagt. Nicht im Café kommen die Jugendlichen zusammen, sondern in einem nach hinten gelegenen Raum, wo sie ungestört über ihre Probleme und sexuellen Erfahrungen sprechen können. Die Gruppe sei wichtig, sagt der Berater, denn für schwule Jugendliche »gibt es keine Zugehörigkeit, die muss erst gefunden werden«. Nach wie vor fehlten schwulen Jugendlichen Vorbilder in der persönlichen Umgebung. Die prominenten Homosexuellen seien »zu weit weg«. Zugleich erhöhe aber deren Präsenz in den Medien den »normativen Druck auf Jugendliche, sich zu outen« – im Gegensatz zu früher, als Schwulsein ein Tabu war und es diesen Druck nicht gab.

Melvin ist heute so selbstbewusst, dass er sich in die Höhle des Löwen wagt. Er macht bei Soorum mit, einem Team aus schwulen und lesbischen Jugendlichen, die Schulen besuchen, um über Homosexualität aufzuklären. Empfangen würden sie, erzählt Melvin, in der Regel mit Gejohle und Machosprüchen wie: »Hey, da kommen die Perversen!« Oder alle zeigten auf einen Mitschüler, dabei rufend: »Hier ist unser Schwuler, den könnt ihr gleich mitnehmen.« Als Erfolg werte er, wenn es am Ende still werde und die Schüler Fragen stellten, sagt Melvin, auch die türkischstämmigen, die sich zuvor am aggressivsten gebärdeten. Viele hörten erstmals, dass Homosexualität nicht nur mit Sex, sondern auch mit Liebe, Beziehung, persönlicher Identität zu tun hat.

In Lesbenkreisen gilt die seriöse Maren Kroymann als schrille Sirene

Nicht nur an Schulen, in der ganzen Gesellschaft bestehen große Wissensdefizite. Noch immer herrschen Stereotype vor, nur dass jetzt oftmals die negativen Klischees durch positive ersetzt werden: Schwule seien ja so kreativ, so sensibel, so stilsicher. Wohnungsbesitzer verkünden auf einmal, sie vermieteten am liebsten an Schwule, weil die so ordentlich seien. Die Schauspielerin Maren Kroymann, die sich in den neunziger Jahren im stern als Lesbe geoutet hat, führt das darauf zurück, dass die öffentlichen Bilder von Homosexuellen Zerrbilder seien. Sie repräsentierten nicht die Gesamtheit der Schwulen. Die Schrillsten seien auch die Mutigsten, was die Bereitschaft zum Coming-out angehe.

Die meisten Schwulen und Lesben, die öffentlich wahrgenommen werden, stammen denn auch, neben einigen Politikern, aus dem Unterhaltungsbereich: Dirk Bach, Georg Uecker, Ralph Morgenstern, Thomas Hermanns, Hella von Sinnen. Nur wenige seriöse Schauspielerinnen und Schauspieler haben den Mut, sich zu offenbaren – das Gleiche gilt für seriöse, also politische Kabarettisten. »Dabei stehen diese feuilletonfähigen Künstler doch viel eher für Eigenschaften wie Kompromisslosigkeit und aufrechten Gang als die viel geschmähten Unterhaltungsfuzzis«, sagt Kroymann. Woran liegt’s? »Natürlich gibt’s da viele Klemmschwestern. Aber vielleicht ist das auch ein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft in den Bereichen, die ihr wirklich wichtig sind, Schwule und Lesben eben doch nicht haben will.«

In Lesbenkreisen gilt schon die seriöse Maren Kroymann als schrille Sirene. Allein dass sie sich geoutet hat, ist dort – anders als bei Schwulen – verpönt. Lesben leben eher zurückgezogen, sind häuslicher und längst nicht so extrovertiert und konsumfreudig wie die meisten Schwulen, hat eine Studie der Kölner Agentur go felix ergeben. »Viele haben sich eingerichtet in ihrer Luftblase«, sagt Kroymann. »Ich bin nicht so defensiv.«

Älteren Homosexuellen ist die Vorsicht zur zweiten Natur geworden, sie trauen der Liberalisierung nicht so recht. Höchst misstrauisch verfolgt die Schwulengemeinde etwa die von konservativen religiösen Gruppen in den USA initiierten Bemühungen, Schwule mittels Therapie »umzupolen«. Auch hierzulande diskutieren Fundamentalisten, ob man nur dann ein guter Christ sein könne, wenn man »entschwult« ist.

Die Diskriminierung liegt eben nicht lange zurück. Der berüchtigte Homosexuellenparagraf 175 wurde erst 1994 endgültig aus dem Strafgesetzbuch getilgt. Und erst 1990 strich die Weltgesundheitsorganisation WHO Homosexualität von der Liste psychischer Krankheiten – am 17. Mai 1990; der wird seither weltweit als »Internationaler Tag gegen Homophobie« begangen.

In Berlin stand der Tag dieses Jahr unter dem Motto »Protect every kiss«. Maneo, ein schwules Antigewaltprojekt, rief Schwule und Lesben auf, sich öffentlich zu küssen, und erklärte verschiedene Orte der Stadt zu »Knutschzonen«, um so auf die zunehmende Gewalt gegen Homosexuelle hinzuweisen. Eine bundesweite Umfrage von Maneo hatte zutage gefördert, dass mehr als jeder dritte Schwule in den letzten zwölf Monaten beschimpft, bedroht oder geschlagen wurde. Bei Schwulen unter 18 waren es sogar 63 Prozent. Doch nur ein Zehntel der Straftaten wurde angezeigt – sei es, weil die Opfer kein Vertrauen in die Polizei haben; sei es aus Scham. Viele verneinten die Frage, ob Gewalt im Spiel war – um dann zu erklären: »Ich habe nur ein blaues Auge, nicht so schlimm.«

Am Nollendorfplatz, dem Zentrum der Berliner Schwulenszene, hat Maneo ein Büro – gleich gegenüber der U-Bahn-Station, an deren Eingang ein rosa Winkel angebracht ist, mit dem in Stein gehauenen Satz: »Totgeschlagen, totgeschwiegen – den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus«. Bastian Finke, Projektleiter von Maneo, holt einen Aktenordner hervor, er enthält Fotos von übel zugerichteten Körpern. Ein junger Mann, dessen Brust und Rücken nach Schlägen mit Fahrradketten kaum noch zu erkennen sind. Eine Röntgenaufnahme einer Lunge, in die eine gebrochene Rippe eindrang. Alles Verletzungen aufgrund von Attacken auf Schwule in den letzten zwölf Monaten. Finke sammelt sie zu Dokumentationszwecken, er bereitet eine Ausstellung damit vor.

Matthias F.* ist mit seinen 1,88 Meter ein stattlicher Mann; der 38-Jährige wirkt selbstsicher, sportlich – und maskulin. Er sagt von sich: »Ich habe mir nie vorstellen können, dass ich mal Opfer von Gewalt werde.« Am 1. Mai dieses Jahres trat er frühmorgens aus einer Schwulenkneipe in Kreuzberg, es war bereits hell. Drei junge Männer, Deutsche Anfang zwanzig, fragten ihn: »Das ist doch hier ein Schwulenladen, oder?« F. antwortete, klar und ruhig, wie er sagt: »Ja, und?« Darauf einer der drei, in aggressivem Ton: »Bist du etwa auch so ’ne Scheißschwuchtel?« Um die Provokation abzukühlen, habe er wieder ganz ruhig geantwortet: »Ja, und? Wo ist das Problem?« Er ging ein paar Schritte weiter, die drei kamen hinterher, und dann sei alles ganz schnell gegangen. »Du bist hier das Problem, schwule Sau!«, habe einer gerufen, und alle drei hätten gleichzeitig angefangen, auf ihn einzuschlagen und ihn zu treten. F. fiel zu Boden.

Plötzlich habe einer der Schläger seinen Gürtel aus der Hose gezogen und ihm mit voller Wucht ins Gesicht und auf den Kopf geschlagen. »Ich habe ihm dabei die ganze Zeit fest in die Augen gesehen«, sagt F., »einen so hasserfüllten Blick habe ich noch nie gesehen.« Immer wieder sei ihm durch den Kopf geschossen: »Wen meint der? Der kennt mich doch gar nicht.« Schließlich gelang es F., mit seinem Handy die Polizei zu alarmieren. Als auch noch ein Radfahrer vorbeikam und laut protestierte, ließen die drei von ihrem Opfer ab.

Matthias F. und dieser Zeuge, ein Türke, nahmen die Verfolgung auf, gaben der Polizei den jeweils aktuellen Standort durch. Als die Täter in ein Taxi sprangen, habe er an die Seitenscheibe der Fahrertür geklopft, erzählt F., und gerufen: »Die drei werden polizeilich gesucht! Bitte befördern Sie sie nicht!« Der erste Streifenwagen sei sehr schnell zur Stelle gewesen, kurz darauf ein zweiter, am Ende umkreiste ein halbes Dutzend Polizeiautos die drei Schläger, mühelos wurden sie festgenommen – klassisch, wie im Krimi: Hände überm Kopf und an die Wand gelehnt, Beine auseinander. »Das hat mein Vertrauen in den Rechtsstaat enorm gestärkt«, sagt F. und lächelt. »Die drei haben sich auch ein blödes Datum ausgesucht« – an keinem anderen Tag im Jahr ist mehr Polizei in Kreuzberg als am 1. Mai.

Nachdem die Täter festgenommen waren, spürte F. erst die Folgen des Überfalls. Er hatte Prellungen am ganzen Körper, die ersten Tage konnte er ohne Hilfe keine Treppen steigen. Wegen Schmerzen in Unterarm und Hand war er, der als Pädagoge in der Erwachsenenbildung arbeitet, einige Zeit krankgeschrieben. Noch heute ist er wegen Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen in Behandlung. Mehr noch belasten ihn aber die psychischen Auswirkungen. Er absolviert zurzeit eine Psychotherapie. »Ich will, dass am Ende nichts übrig bleibt«, sagt er. »Ich will wieder so selbstbewusst reagieren, sollte ich noch mal in so eine Situation kommen.«

Wenn er jetzt drei Jugendliche auf der Straße sehe, sagt er, »reagiere ich schreckhaft. Ich habe Angst, dass ich mich verändere, dass ich auf Dauer an Selbstbewusstsein verliere.« Genugtuung bereitet ihm, dass die drei Schläger für ihre Tat teuer bezahlen müssen. Denn nach dem neuen Opferentschädigungsgesetz wird das Versorgungsamt, das zunächst die Behandlungskosten übernimmt, die Ausgaben von den Tätern zurückfordern, wenn sie rechtskräftig verurteilt sind. Im Prozess wird F. als Nebenkläger auftreten und Schadensersatz und Schmerzensgeld geltend machen. Was für Menschen die Schläger sind, ob sie zur rechten Szene gehören – das wird F. erst im Prozess erfahren.

Nur Aufklärung könne der Gewalt entgegenwirken, sagt Maneo-Projektleiter Finke. Politische Maßnahmen allein reichten nicht. Es gelte, auch das Bewusstsein in der Gesellschaft zu verändern. »Homosexualität sollte in der Pädagogik als Möglichkeit integriert sein«, fordert der Therapeut Braun, »aber das Homosexuelle wird noch überhaupt nicht mitgedacht.«

Homosexualität ist in weiten Teilen der Gesellschaft immer noch ein Tabu. Am Arbeitsplatz behalten 52 Prozent der Schwulen und Lesben ihre Veranlagung für sich, ergab kürzlich eine Diplomarbeit am Psychologischen Institut der Universität Köln. Lieber erfinden Schwule eine Freundin oder schweigen einfach über ihr Privatleben. Wenn Kollegen Schwulenwitze machen, halten sie den Mund oder lachen sogar mit. Selbst im Elternhaus sprechen 18 Prozent der Schwulen und Lesben nicht über ihre sexuelle Orientierung, ergab eine Umfrage des Lesbenmagazins L-Mag.

Kaum ein anderer gesellschaftlicher Bereich sperrt sich so sehr gegen Homosexuelle wie der Sport, vor allem der Fußball. Es gibt keinen einzigen Bundesligaspieler, von dem bekannt wäre, dass er schwul ist. »Aller Lebenserfahrung nach kann es nicht sein, dass kein Fußballer schwul ist«, sagt Tatjana Eggeling vom Göttinger Institut für Kulturanthropologie und europäische Ethnologie, die sich über das Thema »Homosexualität im Sport« habilitiert. Geht man von rund 800 Profifußballern in der ersten und zweiten Bundesliga aus und legt die für die gesamte Gesellschaft angenommene durchschnittliche Homosexuellenquote von fünf Prozent zugrunde, dann reichte dies für gut drei Schwulenmannschaften.

Warum kennt man keinen Einzigen? »Da ist viel Irrationales im Spiel«, sagt Eggeling. »Fußball gilt immer noch als Männersport, auch als Arbeitersport, damit sind viele männliche Tugenden verknüpft.« Schwulsein verkörpert so ziemlich das Gegenteil von alldem. Auch die »Körperlichkeit« des Sports spiele eine Rolle. »Da ist der gedankliche Weg zur Sexualität kurz«, so Eggeling. Manche Spieler befürchteten wohl, ein schwuler Mannschaftskollege könnte sich unter der Dusche an ihnen vergreifen.

Schwule Profifußballer darf es nicht geben, es werden Fassaden errichtet

Tatjana Eggeling weiß von schwulen Bundesligaspielern, die eine Art potemkinsche Fassade errichteten, um zu verhindern, dass ihre Homosexualität ruchbar wird: »Die haben eine Frau, gründen eine Familie, leben zusammen in einem großen Haus, die Partnerin ist eingeweiht und macht das alles mit.« Ihre Sexpartner suchten diese Spieler im Internet, auf den Seiten von Gayromeo, zuweilen auch in den Schwulenszenen der Großstädte. »Dafür zahlen sie einen hohen Preis«, sagt Eggeling. »Sie müssen es aushalten, einen wichtigen Teil ihres Lebens zu verschweigen, das ist eine unglaubliche psychische Belastung, die viel Energie abzieht.«

Angesichts der öffentlichen Präsenz Homosexueller sei es eigentlich an der Zeit, dass sich nun auch schwule Bundesligaspieler oder andere Sportler outeten, meint die Wissenschaftlerin. Die Stimmung ähnelt ein bisschen der Situation im Radsport vor dem ersten Dopinggeständnis, alle Welt erwartet das erste Bekenntnis. Doch sie müsse derzeit von einem Coming-out noch abraten, sagt Eggeling, es sei überhaupt nicht abzusehen, wie die Fußballszene und die Öffentlichkeit darauf reagieren würden. Der einzige aktive Fußballprofi, der sich bisher zu seiner Homosexualität bekannte, ist der Brite Justin Fashanu. Er hielt dem öffentlichen Druck nicht stand; acht Jahre nach seinem Coming-out erhängte er sich 1998.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) müsste ein Zeichen setzen, fordert Eggeling – ähnlich dem des englischen Fußballverbands, der 2001, nach Fashanus Selbstmord, in seiner Satzung verankert hat, dass er gegen Diskriminierung wegen sexueller Orientierung vorgeht. Öffentlicher Druck sei notwendig wie beim Thema Rassismus, gegen den der DFB auch erst vorging, als der Druck der Öffentlichkeit zu stark geworden sei.

Das Gespräch mit DFB-Sprecher Harald Stenger zum Thema Homosexualität und Fußball dauert weniger als eine Minute. »Das ist eine Frage des persönlichen Lebensstils«, sagt er knapp. »Für den DFB ist das kein Thema.« Ende.

Eine bessere, beinahe utopische Welt, in der Diskriminierung verpönt und Selbstverwirklichung ausdrücklich erwünscht ist – es gibt sie. Sie liegt zum Beispiel hinter Tor 3 an der Henry-Ford-Straße in Köln-Merkenich, ganz im Norden der Domstadt. Es ist ein unauffälliges Fabriktor wie viele, mit Schranke und Pförtnerhäuschen. Die Menschen, die hier ein und aus gehen, sehen nicht unbedingt glücklicher aus als Menschen an anderen Fabriktoren, die gleichen müden Gesichter nach der Schicht wie überall.

Hinter Tor 3 arbeiten 18000 Menschen in den Ford-Werken. Was hier anders ist, erschließt sich nicht auf den ersten Blick, es spielt sich in den Köpfen ab. Seit 1996 heißt das Unternehmensleitbild bei Ford Diversity Management. Vielfalt wird nicht nur akzeptiert, sondern ausdrücklich gefördert. Kein Mitarbeiter darf wegen seines Geschlechts, seines Alters, seiner Nationalität, seiner Religion oder seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden. In zahllosen Netzwerken sind die Mitarbeiter organisiert, um ihre Interessen zu vertreten und sich Gehör zu verschaffen – Türken, Schwule, Frauen in Ingenieurberufen, Mitarbeiter mit pflegebedürftigen Angehörigen.

Die Gruppen sind unabhängig, werden aber von Ford anerkannt und bekommen ein Budget, wenn sie den Unternehmensrichtlinien entsprechen. Das schwul-lesbische Netzwerk Globe (für Gay, Lesbian or Bisexual Employees) hat bereits einige politische Forderungen durchgesetzt. So erhalten die Partner von Mitarbeitern die Hinterbliebenen-Betriebsrente, wenn das Paar in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft gelebt hat.

Weil auch bei Ford noch nicht alle Mitarbeiter gute Menschen sind, hat jedes Netzwerk einen starken Bruder, der notfalls hilft. Für Globe ist das der Vice President Human Resources Europe in London, der selbst nicht homosexuell ist. Dem schicke sie eine Mail, wenn sie mit einer Forderung nicht weiterkomme, sagt die Globe-Vorsitzende Eva Reifschneider, zum Beispiel wenn die Firmenleitung nicht genug Geld für die Teilnahme am Kölner CSD herausrücken wolle. Der mächtige Vice President richtet es dann.

Baumärkte entdecken Homosexuelle als interessante Zielgruppe

Diversity Management verfolgt natürlich auch harte wirtschaftliche Ziele. Mehr und mehr Unternehmen erkennen, dass sie erfolgreicher sind, wenn sie auf die Vielfalt ihrer Beschäftigten und Kunden eingehen. »Durch Vielfalt werden Innovation und Kreativität gefördert«, heißt es in einem Ford-Papier. Und wer sich als liberaler Arbeitgeber geriert, verbessert das Image des Unternehmens und gewinnt neue Kunden.

Hersteller und Dienstleister sprechen Homosexuelle zunehmend gezielt an und spielen dabei ironisch mit Vorurteilen wie jene neue Anzeige des Baumarktriesen Hornbach: Zwei Männer, mitten im Küchenaufbau, umarmen einander. Der hilflose Ausdruck ihrer Gesichter lässt vermuten, dass die beiden mit dem Aufstellen einer Küche überfordert sind. Darunter die Zeile: »Du kannst alles sein – nur nicht ungeschickt.« Eine junge Generation von Managern und Werbern sei heute offen für solche Initiativen, sagt Holger Linde, der mit seiner Kölner Agentur go felix Werbeagenturen bei der Konzeption von Kampagnen für Homosexuelle berät. Auch in den Köpfen der Gutwilligen herrschten Klischees vor. »Deren schwules Männerbild ist viel zu verzickt«, sagt Linde.

Dem Beispiel von Ford sind andere Unternehmen gefolgt. Im vorigen Dezember verabschiedeten die vier Großunternehmen Daimler (damals noch mit Chrysler), Deutsche Bank, Telekom und BP die »Charta der Vielfalt«. Feierlich geloben sie, in ihren Unternehmen »ein vorurteilsfreies Arbeitsumfeld« zu schaffen, basierend auf »gegenseitigem Respekt«. Mittlerweile haben sich rund drei Dutzend Unternehmen der Charta angeschlossen – und die Stadt Köln als erste Kommune. Einen Tourismusprospekt für schwul-lesbische Besucher gibt Köln nun heraus. Darin wird für »jecke Homo-Sitzungen« im Karneval geworben, Oberbürgermeister Fritz Schramma preist seine Stadt als »eine der lebendigsten Schwulen- und Lesbenszenen Europas, die das Gesicht und das Lebensgefühl dieser Stadt deutlich mitprägt«. Die Werbung lohnt sich, denn der Homotourismus bringt Geld in die Stadt. Schwule unternehmen dreimal so viele Kurzreisen wie Heteros und sind wesentlich konsumfreudiger, hat go felix ermittelt.

Bewirkt womöglich die Wirtschaft das Ende der Diskriminierung? Der US-Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida erregte vor einiger Zeit Aufsehen mit seiner These: »Je schwuler eine Stadt, umso offener ist sie – und wirtschaftlich umso erfolgreicher.« Ein Ort, der Selbstverwirklichung ermögliche, ziehe kreative Leute an – darunter viele Schwule, die dort offener leben könnten. »Es sind also Orte, in denen Unternehmer ihre Innovationen zum Leben erwecken können«, sagte Florida kürzlich der Wirtschaftswoche . Er ist überzeugt: »Intolerante und engstirnige Orte sterben.« Das klingt ein wenig, als sei Homophobie nur noch Thema in entlegenen Bergregionen. Doch schwulenfreundliche Orte und härteste Schwulenfeindlichkeit koexistieren oft in derselben Großstadt, derselben Moderne – manchmal, wie in St. Georg, nur eine Straße voneinander entfernt.

Die deutsche Landkarte der Toleranz von 2007 bietet ein widersprüchliches Bild. Wo sich ganze Branchen, wie in Kultur und Dienstleistung, mit dem schwulen Element geradezu schmücken – oder wo, wie in Politik und Wirtschaft, mit Gesetzen, Chartas und Richtlinien ein institutionalisierter Rahmen vorgegeben ist, da wurde viel erreicht. Wo aber der Wildwuchs des Lebens vorherrscht, krachen nach wie vor Unwissen, Vorurteile, Ängste und Aggressionen ungefiltert aufeinander.

*Name von der Redaktion geändert