Im Frühjahr 1988 veröffentlichte Saul Friedländer den ersten Band seines Werks Das Dritte Reich und die Juden, der Die Jahre der Verfolgung von 1933 bis 1939 umfasst. Er erhielt dafür noch im selben Jahr den Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München. Im vergangenen Herbst folgte der zweite Band Die Jahre der Vernichtung von 1939 bis 1945. Dafür bekam er in diesem Frühjahr den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse. Und nun wird dem israelischen Historiker, der in Los Angeles lebt und lehrt, eine noch größere Ehrung zuteil: Im Oktober erhält er den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Ausgezeichnet wird damit ein Gelehrter, der sein gesamtes Lebenswerk unter die Frage gestellt hat: Wie konnte das entsetzlichste aller Menschheitsverbrechen geschehen?

Dieses Lebenswerk versteht man nur, wenn man Friedländers Lebensgeschichte kennt. Saul Friedländer wurde 1932 in Prag geboren als einziger Sohn deutschsprachiger jüdischer Eltern. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Tschechoslowakei im März 1939 flüchtete die Familie nach Frankreich. Als die Deutschen auch dieses Land besetzten, versteckten die Eltern den Zehnjährigen 1942 in einem katholischen Internat. Sie selbst wurden beim Versuch, die Schweizer Grenze zu passieren, zurückgewiesen, anschließend aus Vichy-Frankreich deportiert und in Auschwitz ermordet.

In seiner Autobiografie Wenn die Erinnerung kommt hat Friedländer über sein Trauma, den ungeheuren Schmerz der Trennung von seinen Eltern, berichtet. Dieses Erinnerungsbuch, eines der anrührendsten, die je geschrieben wurden, ist der Schlüssel zu seinem Werk. Seine Geschichtsschreibung zeichnet sich dadurch aus, dass sie den strengen Maßstäben der Wissenschaft gehorcht, doch zugleich Raum lässt für das Gefühl der Trauer und der Fassungslosigkeit.

Ebendarum ging es in seinem Streit mit dem deutschen Zeithistoriker Martin Broszat, der in dem berühmten Briefwechsel von 1988 gipfelte.

Für Broszat schlossen sich "objektive" Zeitgeschichtsforschung und "subjektive" Erinnerung der Betroffenen, schlossen Rationalität und Emotionalität einander aus. Friedländer widersprach vehement und fasste den Entschluss, mit seinem großen zweibändigen Werk den Gegenbeweis anzutreten.

Dass ihm das auf einzigartige Weise gelungen ist, das hat die überwältigend positive Resonanz, auch unter deutschen Fachhistorikern, gezeigt. Seine Holocaust-Geschichte ist beides: die klassische historische Darstellung eines Gelehrten und das Vermächtnis eines Überlebenden, der noch einmal Zeugnis ablegen will für kommende Generationen, für die die Zeit des Nationalsozialismus eine immer fernere Vergangenheit sein wird.

Doch Friedländer hat nicht nur die Spannung zwischen professioneller Geschichtsschreibung und persönlicher Betroffenheit produktiv aufgelöst er hat als Erster überhaupt den Prozess der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden in seiner Totalität beschrieben. Er beschränkt sich nicht, wie das so oft geschehen ist, auf die Täter, sondern richtet den Fokus immer wieder auf die Opfer, deren Leiden anhand einer Vielzahl von Stimmen namhaft gemacht wird. Zu Recht hebt die Jury in ihrer Begründung hervor, dass Friedländer "den Ermordeten die ihnen geraubte Würde zurückgegeben" habe.