Längst ist klar, wer in den Wissenschaften die erste Geige spielt: alle jene, die wir als »Naturwissenschaften« feiern und fürchten. Feiern, weil sie uns heilen, hüten, beschleunigen, wärmen und erleuchten. Fürchten, weil sie uns vergiften, verunstalten, enteignen und bedrohen. Diese Sorte Wissenschaft – so meinen wir – beruht auf reiner Empirie, auf Anschauung der Wirklichkeit der Welt im Widerstreit zu ihrer fantastischen Extrapolation durch die Normen von Literatur und Tradition. Spätestens seit Galilei – so meinen wir zu wissen – sei dieser Teufelskreis der »geisteswissenschaftlichen« Voreingenommenheit durchbrochen und die Wissenschaft zur Anerkennung der sichtbaren Welt und damit ihrer fortschreitenden Verbesserung gelangt. Und leichten Herzens sind wir gewohnt und gewillt, die Regressionen und Risiken dieses ewigen Fortschreitens billigend in Kauf zu nehmen. Sie alle sind am Ende ein Versicherungsproblem.

Und warum Galilei? Nun – hat er nicht die Gesetze der Schwerkraft bestätigt und uns damit vor dem »freien Fall« in die Abgründe der Metaphysik bewahrt? War er es nicht, der endgültig die Entscheidung über »wahr« und »falsch« als Richtschnur für alle Wissenschaft verteidigte, »gegen die 1000 Demostenesse und 1000 Aristotelesse umsonst argumentieren«? Und – last, but not least – hat er nicht als ein listiger Christus der Wirklichkeit leidend und zugleich Leid vermeidend der Inquisition getrotzt, indem er sie im Namen der Wahrheit schamlos belog, um als Zeuge der Wahrheit, dass »wir« uns bewegen und nicht der »Himmel«, zu überleben? Denn diese seine Überzeugung von der Wahrheit basierte – so meinen wir immer noch zu wissen – auf der Wirklichkeit. Jener Wirklichkeit, die er in seinem selbst entwickelten, verbesserten Fernrohr, das er von bis dahin bekannter neunfacher Vergrößerung zu zwanzigfacher steigerte, mit der Beobachtung von Sonne, Mond, Planeten, ihren Monden und den Fixsternen unumstößlich fixierte. Adieu, Geist – willkommen, Empirie, reine Nachzeichnung der Beobachtung!

Gewiss – ein wenig karikiert dieses Bild. Längst hat die Wissenschaftsgeschichte seit Ernst Cassirer und Alexandre Koyré die konstruktive Funktion des »ordnenden Verstandes« (Discorso) bei Galilei herausgearbeitet und damit die Synthese von Konstruktion und Empirie als Markenzeichen seiner Methode gewürdigt. Dass es aber nicht allein um einen Methodenmix aus harter Empirie und weichen Konstrukten oder gar die immer wieder nicht nur von Brecht betonte Rhetorik Galileis geht, hat vielleicht als Erster Erwin Panofsky gesehen. Er sah im Zentrum der Innovationsrolle Galileis die Verbindung von Ästhetik und Mathematik. Hier schließt nun Horst Bredekamp, Ordinarius für Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, mit seiner Monografie über den Beobachter und Künstler Galilei an. Um es vorwegzunehmen: mit Einsichten, die weit über Galilei hinaus in die Urküche der Moderne führen, dorthin, wo diese angerichtet wurde – in die sie begründende verdrängte Verbindung von Theorie, Kunst und Wissenschaft. Bredekamp zeigt uns einen Galilei, der sich von Beginn an als Mathematiker und Künstler zugleich sah und von den Zeitgenossen ebenso gesehen wurde. Schon der Malerfreund Galileis Lodovico Cigoli habe diesen mit Michelangelo verglichen. Eine Sicht, die von Galileis Schüler und Biografen Vincenzo Viviani in ein Seelenwanderungsprogramm verwandelt wurde, das in der (vermeintlichen) Übereinstimmung von Michelangelos Todesdatum (18. Februar 1564) und Galileis Geburtsdatum (tatsächlich erst seit 1992 sicher: 16. Februar 1564) ein Zeichen für die Wiedergeburt Michelangelos sah. Wie Freund Cigoli habe Galilei über die Kunst zur Geometrie und von dieser zur Mathematik gefunden, deren Unterricht beide in den Vorlesungen im Casino Medici bei dem Florentiner Ostilio Ricci genossen. Mit der hier begründeten Verbindung Cigoli-Galilei schnürt Bredekamp einen Knoten – eine Lebensfreundschaft und ein heuristisches Prinzip. Natur und Kunst standen im Zentrum der Interessen beider. Galilei habe sich wie kaum ein anderer den ästhetischen und erkenntnistheoretischen Fragen der Zeit in beiden Bereichen gestellt. Die Malerei wird für ihn nicht nur zur ästhetisch überlegenen Synthese zwischen Natur und Kunst im Kontext der Gattungsdebatten des Spät- und Antimanierismus, sondern in dieser Debatte am Ende von der Zeichnung in ihrer Funktion, erkenntnisweisend zu wirken, abgelöst. Die zentrale Rolle der Zeichnung in Galileis ästhetischem und theoretischem Konzept basierte auf ihrer »Fähigkeit«, Anschauung und Analyse zu verbinden, aber auch auf ihrer Rolle bei der Mathematisierung der Wissenschaften.

Galileis Griff nach dem Fernrohr erscheint Bredekamp als folgerichtiger Erkenntnisakt aus der Wahrnehmungskonzeption des perspektivischen Denkens, das die Modernisierung der Malerei und der Zeichenkunst hervorgebracht hatte. Es ist also nicht – so Bredekamp – die Instrumentalisierung der Empirie, die den Erkenntnisgewinn sichert, sondern die ihr vorausgehende Theorie. Wie Leonardo wusste Galilei schon vor seinen instrumental verdichteten Mondbeobachtungen, dass die Mondoberfläche nicht, wie allgemein angenommen, glatt, sondern zerklüftet war. So wie das entscheidende Resultat seiner Beobachtung eine Theorie der perzeptiven Raumwirkung der Erde war. Erst das 20. Jahrhundert konnte Galilei empirisch bestätigen. Aber die entscheidende Pointe liegt eben in jener von Galilei praktizierten Wissenschaftsaxiomatik, nach der alle Beobachtung zur Selbstbeobachtung führt und Wissenschaft aus einer Kette von reflexiven Beobachtungsvorgängen besteht, die nicht empirisch, sondern allein theoretisch begründet und allein theoretisch ausgewertet werden können.

Der heuristische Knüller dieser Entdeckung Galileis findet sich aber in Bredekamps theoretischer und empirischer Positionierung der Zeichnung an der Schnittstelle von Ästhetik und Wissenschaft. Denn dass Galilei die ästhetische und wissenschaftliche Funktion der Zeichnung theoretisch begründete und in seinen Kunst- und Literaturkritiken oder bei der Vermessung von Dantes »Hölle« paradigmatisch anwandte, vermag der Autor deutlich genug herauszuarbeiten. Und doch genügt es ihm nicht. Die herausragende Leistung des Buches besteht in dem minutiösen Nachweis, dass das Exemplar eines New Yorker Antiquars von Galileis berühmter Darstellung seiner Mondbeobachtungen, Sidereus Nuncius von 1610, ein autobiografisches Rarissimum darstellt: Statt der fünf Kupfer über die unterschiedlichen Mondphasen zeigt dieses Exemplar fünf Handzeichnungen Galileis, die sogar, wenn auch nur mittelbar, auf dem Buchtitel signiert sind. Schon das allein wäre Trouvaille genug. Doch Bredekamp kann darüber hinaus mit guten Gründen nachweisen, dass hier das Handexemplar Galileis für den Sidereus vorliegt, das als Vorlage für die nach dem Textdruck eingefügten Kupfer der »Normalausgaben« diente. Und auch damit nicht genug. Bekannt waren »schon immer« fünf Handzeichnungen in Florenz, die aber nicht exakt mit den Kupferdarstellungen übereinstimmten. So konnte eine eher illustrative Funktion der Kupfer angenommen werden – unterschieden sie sich doch von der vermeintlichen Vorlage in Florenz. Diese wiederum erschien als allein ästhetische Vergegenwärtigung der empirischen Beobachtungen Galileis mit dem Fernrohr. Der New Yorker Fund verändert alles. Bredekamp kann nun nachweisen, dass die zeichnerische Leistung Galileis seine eigentliche Erkenntnisleistung darstellt – keineswegs nur »wiedergibt«. Denn die Mondbeobachtung mit dem Fernrohr erfasste nur Segmente des Mondes, das Bild des Ganzen entstand im Kopf und mit der Zeichnung.

So gelingt es Bredekamp auf geradezu atemberaubende Weise, seine Sicht auf die erkenntnisweisende Funktion des »Bildes« in der Gestalt der Zeichnung zu verdeutlichen und zu belegen. Er schließt damit, wie er selbst der Untersuchung voranstellt, entsprechende Versuche anhand zeichnerischer Leistungen im Kontext der politischen Theorie des Thomas Hobbes und der Erkenntnistheorie von Wilhelm Leibniz ab. Dass er von Galilei jedoch wiederum zurück auf dessen Lebensfreund Lodovico Cigoli zu schließen vermag, transzendiert noch einmal die wissenschaftliche Apotheose der Zeichnung. Cigoli nämlich schmückte im Erscheinungsjahr des Sidereus die Kapelle Papst Pauls V. in Santa Maria Maggiore in Rom mit einem Kuppelfresko, das die »Himmelskönigin«, auf einer Mondsichel stehend, zeigt. Es ist das Zitat einer der Phasenzeichnungen Galileis aus dem New Yorker Sidereus.