Ein ehrenwerter Mann. Ein großer Österreicher. Ein Opfer. Tatsächlich?

Streng genommen sind seit Hitler lediglich zwei politische Figuren aus Österreich in den Brennpunkt weltweiter Aufmerksamkeit geraten. Der eine war eine Fünfzehnminutenberühmtheit, und Jörg Haider ist nach seiner Kostprobe vom Weltruhm schnell wieder auf jene provinzielle Statur zurückgeschrumpft, die seiner Bedeutung entspricht. Der andere wird nun in einem »staatlichen Begräbnis« beigesetzt. Kurt Waldheim ist aber über den Tod hinaus ein internationaler Ruf erhalten geblieben, der seiner Bedeutung in keiner Weise und zu keinem Zeitpunkt entsprach: eine österreichische Symbolfigur, der die Welt zutiefst misstraut und die in ihrer Heimat polarisiert. Weiterhin. Haider war eine garstige Episode, die eine Schrecksekunde lang zu fesseln vermochte. Dieses Faszinosum ist verblasst. Waldheim hingegen lebt in dem Begriff »Affäre« fort. Und diese war ein prägendes Moment der Republik, das sie einerseits weltoffener, anderseits aber auch weniger konziliant, voreingenommener zurückgelassen hat. Ausgestanden, ausgeschwitzt ist diese Affäre aber längst noch nicht, auch wenn junge Akademiker heute bereits nachlesen müssen, was da gewesen war, wollen sie einen Waldheim-Witz im Kabarett verstehen. Mehr ist aus ihrem Erlebnishorizont ja nicht gestorben: eine Witzfigur.

Kaum dass die Todesnachricht öffentlich geworden war, war wieder viel von Gerechtigkeit die Rede, die dem Toten verweigert worden sei und ihm nun posthum gewährt werden müsse. Da war er wieder, der waldheimsche Beharrungsreflex: Gerechtigkeit, Unrecht, Opfer, Verschwörung. Die ganze Litanei.

Es ist gewiss bedauerlich, dass Kurt Waldheim jene Form von Gerechtigkeit versagt bleiben musste, die in einem auf ausschließlich individueller Schuld basierenden Urteil besteht, denn jedermann sollte ein Recht darauf besitzen. Doch ab einem gewissen Zeitpunkt der Affäre hatte er dieses Recht verspielt: als er es billigte und später offensiv einforderte, dass der Tross seiner Unterstützer und Zuarbeiter das Land in Geiselhaft nahm, bloß um seine Gedächtnislücken zu verteidigen. Nein, eindeutig antisemitische Bonmots kamen ihm nicht öffentlich über die Lippen. Aber er stand auch mit versonnener Miene daneben, als sie fielen, und er verwahrte sich nicht gegen die Flut judensterngelber Plakate, hetzerischer Schlagzeilen, wütender Polemiken gegen, ja, gegen die da. Es habe damals die seltsame Situation geherrscht, berichtete Janet Kramer in ihrem Letter From Vienna an den New Yorker, dass »Antisemiten andere Antisemiten vor dem Antisemitismus warnen«. Es war die Zeit, als man die »Gefühle, die man nicht haben will«, kaum noch unterdrücken konnte, wie das in der ÖVP-Spitze hieß. Es waren die Tage, an denen man den Codebegriff von den »gewissen Kreisen an der Ostküste« kreierte, der bis heute erhalten geblieben ist. »Sie jagen uns, weil sie uns hassen«, erklärte damals ein Leitartikel in der Presse. Hat sich Waldheim je dagegen verwahrt? Gegen die »Campaigne« in seinem Namen?

Die Schmach des Kurt Waldheim lag nicht in seinem leichtfertigen Umgang mit seiner Biografie. Kein Wunder, dass man in der Beharrlichkeit des Leugnens eine Spur vermutete und nach versteckten Leichen forschte. Nichts von dem allerdings, was die Waldheimologie, eine aus der Mode gekommene, hoch spezialisierte Unterdisziplin österreichischer Heimatkunde, ans Licht brachte, seine Mitgliedschaft in Nazi-Organisationen, seine Orden, seine Offiziersparaphen im militärischen Schriftverkehr während des Partisanenkriegs am Balkan, nichts davon rechtfertigte die überlebensgroße Verachtung, die dem biegsamen Diplomaten entgegengebracht wurde. Seinen Nachruhm sicherte er sich durch die Rolle, die zu spielen er sich angelegen sein ließ, nachdem die Schwindelei in seiner Vita aufgeflogen war. Es war die Rolle der allegorischen Figur, die von sich lediglich zu sagen weiß: »Ich habe nur meine Pflicht erfüllt.« In Krieg und Frieden, in Uniform und Frack, im Guten wie im Bösen. Er spielte den Part dieses rückgratlosen Möglichkeitsmenschen glaubhaft und überzeugend. »Zeremonielle Staatsoberhäupter repräsentieren weit mehr die Vergangenheit ihres Landes denn dessen Zukunft«, meinte damals der Economist. »Die Gespenster blicken über Waldheims Schulter.«

Selbst nachdem er seine Amtsräume in der Hofburg bezogen hatte, ruhte er nicht. Sechs Jahre der verbitterten Isolation verbrachte er mit vergeblicher Weißwäscherei in seinem barocken Kerker. Er beschwor Regierungskrisen herauf, um Solidarität zu erzwingen. Ein Historikerbericht strafte ihn Lügen, Simon Wiesenthal, der ihm früher zur Seite gestanden hatte, forderte daraufhin seinen Rücktritt, Paula Wessely »fordert nicht, bittet«. Man sollte auch nicht vergessen, dass er nur unter Einsatz beinahe der gesamten Staatsspitze von einer neuerlichen Kandidatur abzuhalten gewesen war – die mit Sicherheit den Weg Österreichs in die EU verbarrikadiert hätte.

In jenen Jahren wurde bei den Filmfestspielen von Cannes ein seltsamer Streifen vorgeführt. The Surf Nazis erzählt von einem mysteriösen Schiff, das eines Nachts vor der amerikanischen Küste erscheint. Eine Gruppe finsterer Gesellen geht von Bord, klettert auf rot-weiß-rote Surfbretter und stürmt an Land. »Wir sind die Waldheim-SS aus Österreich!«, brüllen die Invasoren. Zu diesem Zeitpunkt stand Kurt Waldheim bereits auf der watch list der USA, gemeinsam mit den Namen von 40000 weiteren »unerwünschten Ausländern«. Keine der Interventionen, mit denen Österreich jahrzehntelang in Washington antichambrierte, vermochte dies zu tilgen.

Versuchen wir ein Gedankenexperiment: Lassen wir die Waldheim-Jahre und das Jahrzehnt danach in zwei Filmen, aber auf einer Leinwand ablaufen. Die eine Hälfte des split-screen zeigt die Außenwahrnehmung von Österreich, die andere das Land, wie es sich selbst erlebte. Vermutlich würden die Verzerrungen in den jeweiligen Perspektiven rasch bemerkbar werden, eine entgegengesetzte Absetzbewegung. Die Totale zeigte eine wachsende skeptische Distanz, die Nahaufnahme hingegen ein zunehmend austrozentrisches Bild. Seit der Waldheim-Affäre steht Österreich in der Welt unter einem Generalverdacht, aus dem liebenswerten Alpenländchen ist ein unberechenbarer Hort von Jodel-Nazis geworden. Wenn etwa Hollywood nach einem braunen Nest sucht (ein guter Indikator, weil man dort nach weltweiter Plausibilität schielt), findet es seinen Bunker des Bösen in Austria. Anderseits steht die Welt in Österreich unter dem Generalverdacht, das kleine Land vergewaltigen, ihm seine Unschuld und seinen Wohlstand rauben zu wollen. Lauern nicht überall, wenn man durch die Schießscharten an den Grenzen blickt, Missgunst und Bedrohungen: räuberische Asylanten, Drogenhaie, Genosse Lohndrücker, die Tschechen mit ihrem Schrottreaktor?