Käpt’n Mogis Barkasse legt ab; auf zur Probefahrt! Von den Landungsbrücken geht es schwankend hinaus auf die Elbe, durch den Hafen, hinüber zur Veddel, zu Hamburgs jüngstem, schon durch seine Lage besonderen Museum. Thermoskanne und Plastikbecher warten auf Durstige, aber die wenigen Passagiere haben nicht die Muße zum Kaffee. Herr und Frau Ottensmann, angereist aus Berlin, stehen auf dem Achterdeck, im Nieselregen, in der Gischt. Sie halten Ausschau nach dem, was war, und dem, was wird.

Schon auf dem Weg gibt es einiges zu sehen.Hamburg entdeckt zurzeit seine Lagerhäuser und Schiffe neu, die Wasserfronten und Hafenbecken. Die gab es zwar immer mitten in der Stadt, aber seit Langem lebt dort niemand. Die Schauplätze harter Arbeit, Urgrund hanseatischer Folklore, werden nun zur Kulisse der Hafen-City: statt Handel Kultur, statt Laden und Löschen Geschichtsbewusstsein und Zukunftsvisionen. Bürger ziehen vom holsteinischen Geestrücken an den Fluss. Die Stadt spannt sich zum Sprung über die Elbe.

Die Barkasse fährt vorbei am Kaispeicher A, auf dem bald die Elbphilharmonie thronen soll, an den Orientteppichlägern der Speicherstadt, der weltgrößten Miniatureisenbahn, der von Werbern und Notaren gekaperten Kehrwiederspitze, an dem unermüdlichen König der Musical-Löwen und an den Fünfziger-Schuppen, die sich auf der Südseite als »Hafenmuseum im Aufbau« ganz allmählich aus der Brache herausschälen. Der Blick streift Backstein, Schlick und Rost, man schmeckt Seeluft, Ferne. Herr und Frau Ottensmann, angereist aus märkischem Sand, atmen tief durch.

Sie sind die Ersten auf dieser Tour; am 4. Juli, wenn das Museum eröffnet, wird sie zum Hansestadtbild gehören, stündlich von St. Pauli aus zum Müggenburger Zollhafen, an den Booten der Taucher vorbei, die auf dem Grund nachsehen, ob auch alles in Ordnung ist. Käpt’n Mogi weist auf ihre Luftblasen hin; er übt schon, Wissenswertes anzusagen. Gegenüber der mit Mietskasernen schwer beladenen Veddel macht die Barkasse fest. Die Farbe am Anleger ist noch frisch; dieser Teil der Stadt gehörte bislang den Armen und den Ausländern. Keine Buchhandlung, kein Kaufhaus, keine Bank, keine Touristen.

Maritimst gestimmt, gehen Herr und Frau Ottensmann von Bord. Oben öffnet sich das Blickfeld, welch eine Anlage! »BallinStadt« heißt der Komplex aus drei Häusern und einem Park, mit dem aufgeblasenen Buchstaben in der Mitte und dem nach Übersee zielenden Appendix »Port of Dreams«. Wenn die frohen Prognosen sich erfüllen, werden jährlich Hunderttausende kommen, Amerikaner vor allem, um nach Spuren ihrer Vorfahren zu suchen und das Abenteuer Auswanderung nachzuvollziehen. Fünf Millionen Menschen sind zwischen 1850 und 1939 von Hamburg aus in die Neue Welt aufgebrochen. Im Hafen haben sie sich eingeschifft und hier an der Veddel die letzten Tage vor der Überfahrt in banger Erwartung verbracht.

Ines Ottensmann hat die Suche nach ihrem Urgroßvater schon hinter sich. Das heißt, gesucht hat zunächst Gerd. Ihr Mann mochte irgendwann die Mal um Mal in der Familie erzählten Geschichten nicht mehr unbenommen glauben. Vor Jahren begann er die systematische Erkundung mit Internetrecherchen, Telefonaten und Briefwechseln. Das Ehepaar fuhr sogar nach Polen und Amerika.