Val sitzt auf dem Boot, in der Bucht von Villefranche in Südfrankreich, dort, wo sie und die Kinder oft baden gehen, und hält die weiße Urne in den Armen, als wäre sie ein Säugling, ihr drittes Kind. Im Wasser wartet die Trauergesellschaft, gekleidet in Neopren: 30, vielleicht 35 Männer und Frauen. Val beugt sich über die Reling und reicht Claude, dem Lehrmeister, die Urne herunter. Er hält einen Moment inne und lässt dann den Behälter mit der Asche seines Schülers hinabschweben. Val, die Witwe, schaut vom Boot aus zu, dort war immer mein Platz, sagt sie, seiner war das Wasser, ich habe das stets respektiert.

Das Boot trägt den Namen Novamarine, es ist das erste, mit dem Loïc Leferme zum Tauchen rausgefahren ist. Claude hat die Position der Urne auf einer Seekarte mit einem X eingetragen: 43. Längengrad, 41 Minuten, 5,8 Sekunden - 7. Breitengrad, 19 Minuten, 10,5 Sekunden.

Daneben steht in Großbuchstaben LOIC. Der Ort liegt genau zwischen dem Punkt, an dem Loïc 1996 seinen ersten Weltrekord im Apnoetauchen aufgestellt hat, und jenem, an dem er vier Jahre später als Trainer die französische Apnoe-Nationalmannschaft ins Wasser schickte. Loïc war 36, als er starb.

Val und die Taucher haben Sinn für Symbolik, fürs Abstrakte, wie alle Anhänger des Apnoesports. Loïc praktiziert die extreme Variante, genannt No Limit: Tauchen ohne Sauerstoffflasche, mit einem einzigen Atemzug, sich so tief wie möglich hinunterziehen lassen von einem Metallschlitten, auftauchen mit Hilfe eines Ballons. Apnoe ist griechisch und heißt ohne Atem. Loïcs Leistung bestand darin, die Luft anzuhalten und zu warten. Es gibt nichts zu sehen in der Tiefe, in die er vorgedrungen ist, außer der Farbe Schwarz. Flaschentaucher gehen tauchen, um Fische zu beobachten, Korallen, das Meer.

No-Limit-Taucher wollen etwas spüren: den Druck, die Kälte, die Euphorie, Folge des Sauerstoffmangels und des Gefühls, an einem Ort zu sein, der nicht für Menschen geschaffen ist. Loïc sagte einmal in einem Interview, er tauche nicht mit seinem Körper, sondern mit seinem Geist.

Viermal stellte er einen neuen Weltrekord auf, er hat selbst den Wettkampf angeheizt, sich und andere immer weiter in die Tiefe gezogen. Die Taucherlegende Jacques Mayol, die dem Spielfilm Im Rausch der Tiefe die Vorlage lieferte, war der erste Mensch, der die Hundert-Meter-Grenze durchbrach. 1976 war das. Loïc tauchte 1999 auf 137 Meter, ein Jahr danach auf 152, ein weiteres später auf 154, noch ein weiteres auf 162, am Ende auf 171 Meter. Es war nicht nur eine sportliche Extremleistung, sondern auch eine große Mutprobe, ein biologisches Experiment. Loïc überlebte in Tiefen, in denen Getränkedosen implodieren, seine Lunge wurde auf die Größe eines Tennisballs zusammengedrückt. Er konnte sich kaum orientieren, weil das Wasser den Schall verschluckt und weil überhaupt das Denken schwerfällt dort unten, es ist kein Ort der Logik, das Gehirn arbeitet langsam unter diesen Bedingungen. Der Druck betäubte seinen Körper - wenn er sich berührte, spürte er nichts. Mit jedem weiteren Meter stellte sich die Frage, was mit diesem Körper passieren würde - wann würde er kapitulieren?

Ein erwachsener Mann besteht normalerweise zu etwa 60 bis 70 Prozent aus Wasser, ein Athlet zu 80 Prozent. Loïcs Ziel war es, den Rest aus Haut, Muskeln, Knochen aufzulösen in diesem Element. Er wolle Wasser im Wasser sein, sagte er einmal in einer Fernsehdokumentation. Er war ein fast zarter Mann: 1,77 Meter groß und bloß 67 Kilo schwer, aber mit einem Oberkörper in der Form des Victoryzeichens. Die schulterlangen blonden Haare, in der Mitte gescheitelt, die sanfte Stimme, die Worte, die von irgendwo weit weg zu kommen schienen: Das Meer ist der einzige Ort auf der Erde, an dem man schwerelos sein kann, das war lhomme-poisson, wie sie ihn nannten: der Fischmann.

Der Spitzname klang esoterisch, obwohl Loïc alles Esoterische hasste, wie er Im Rausch der Tiefe hasste, das Ende jedenfalls, den bekloppten Jacques, der den Delfinen hinterherschwimmt, anstatt aufzutauchen, um Luft zu holen. Loïc wollte nicht sterben, sagt Val. Lhomme-poisson war ein Image, ein Kampfname, wie Boxer ihn sich zulegen, bloß poetischer. Loïc wollte der Beste sein. Sich den Titel zurückholen.