Sie ist nicht verbittert. Es war wichtig, dass Loïc getan hat, was er getan hat. Hätte ich seine Faszination nicht begreifen können, wäre ich die Falsche gewesen für ihn. Val ist das Gegenteil von Jacques hysterischer Freundin Johana im Rausch der Tiefe, die nichts versteht vom Wasser. Das Meer mit seinen Wellen, dem steten Auf und Ab, fand Loïc, atme wie ein Mensch. Val hat diese Person nie als Konkurrenz angesehen. Loïcs Tauchfreunde sind auch ihre Freunde, ihre Familie, Loïc konnte nur so gut sein, weil er diese Familie hatte.

Ein, zwei Stunden nach Loïcs Tod waren sie 25 Leute in diesem Haus, zwei Wochen lang war es voller Gäste, auch nachts. Sie haben zusammen gegessen, erzählt, sich getröstet, sie haben Kerzen angezündet, mit den Kindern ein Dorf aus Holz gebastelt, das sie mit Loïcs Körper verbrannt haben, wir haben auch viel gelacht. Sie habe eine sehr demütige Haltung gegenüber dem Tod, sagt Val. Ich wusste, dass es eines Tages passieren würde. Er wusste es. Wir mussten nicht darüber reden. Nicht als der Deutsche Benjamin Franz, der Loïcs Rekord brechen wollte, 2002 beim Training einen Schlaganfall erlitt. Nicht als im selben Jahr Audrey Mestre vor der Küste der Dominikanischen Republik starb, die Französin, Loïc nannte sie eine Freundin - nicht als Carlos Coste, der Venezolaner, im vergangenen Herbst bei einem Tauchunfall schwer verletzt wurde.

Es ist 11.40 Uhr. Loïc ruft den Freunden seinen rituellen Satz zu: tout à lheure, bis nachher, er löst die Bremse des Schlittens, sein Körper saust hinab, er sieht nicht, wie die Farbe Blau vorbeizieht, er hält die Augen geschlossen, er will nicht denken, Denken verbraucht Sauerstoff. Nach einer Minute und 55 Sekunden ist er unten. Pressluft schießt in den Hebeballon, Loïc beginnt seinen Aufstieg. An Bord des Bootes holt das Team das Seil ein, an dem er hängt. Ein Apnoetaucher macht sich auf den Weg nach unten - er soll Loïc in 20 Meter Tiefe in Empfang nehmen. Er kann ihn nicht finden. Sofort wird ein zweiter Taucher geschickt. Jetzt bemerken die Freunde, dass das Seil blockiert. Zehn Sekunden lang zerren sie daran. Dann schnallt sich Olivier Heuleu, der eigentlich seit einiger Zeit nicht mehr zur Mannschaft gehört und den Loïc an diesem Tag eingeladen hat mitzukommen, die Flasche mit dem reinen Sauerstoff um, setzt das Atemgerät auf und springt ins Wasser. Er darf nur zehn Meter tief tauchen, darunter kann purer Sauerstoff töten. Olivier taucht bis auf 30 Meter, ich wäre in dem Moment auch auf 70 gegangen, wird er später sagen. Er sieht etwas Weißes, vermutlich ist es der Ballon, er wird sich später an nichts weiter erinnern als daran und an den Körper seines Freundes, mit ausgebreiteten Armen, frei schwebend im Wasser, die Augen auf den Meeresgrund gerichtet, aus dem Mund entweicht rötlicher Schaum.

Olivier sitzt spät in der Nacht in seinem Büro in der École de la Mer, der Meeresschule von St. Jean Cap Ferrat, die er leitet: eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche, die hier ihre Ferien verbringen und dabei etwas über die Unterwasserwelt lernen können. Im Moment sind keine Kinder da. Olivier hat Val und ein paar andere Freunde zum Diner im Speisesaal eingeladen. Jeder hat etwas mitgebracht: Salat, Pizza, Kokoskuchen, Bowle, Wein. Sie essen, trinken und erzählen von Loïc, von Erlebnissen vor Loïc und nach Loïc, der Unfall ist für sie der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Die Mannschaft hat das No-Limit-Tauchen bis auf Weiteres eingestellt.

Keiner von ihnen möchte die Verantwortung ein weiteres Mal tragen, nicht, ohne zu wissen, was passiert ist.

Das sind die Hypothesen: Vielleicht haben sich die zwei Enden des Seiles überkreuzt, oder der Schlitten ist in einem Hindernis hängen geblieben, einem Fischernetz, einem versenkten Auto. Olivier muss es gesehen haben, als er Loïc fand, aber er hat das Bild nicht abgespeichert. Er will sich einer Hypnose unterziehen, um es zurückzuholen - er leidet darunter, dass er nichts beitragen kann zur Aufklärung.

Olivier kannte Loïc seit 17 Jahren. Sie waren Kommilitonen an der Sporthochschule - der sieben Jahre ältere Olivier hat dem Jüngeren das Tauchen gezeigt. Ihr gemeinsamer Lehrer war Claude Chapuis, der Loïc später bei dessen Rekorden unterstützt hat, auch wenn er die Jagd nach Metern nicht leiden konnte, auch wenn er nicht verstehen konnte, was Loïc da unten suchte. Bei vier Rekorden gehörte Olivier zu Loïcs Mannschaft, bei 137 Metern hat er vor Freude geheult, bei 162 hat er gesagt: Hör auf, du hast zwei Kinder. Olivier versuchte, den Freund davon zu überzeugen, dass er von seinen Vorträgen leben könne, dass er den Wahnsinn beenden solle. Claude und Olivier sind ausgestiegen. Loïc hat mit einem neuen Team weitergemacht. Wir konnten ihn nicht daran hindern. Die Neuen, glaubt Olivier, hätten es mit den Sicherheitsvorkehrungen nicht mehr ganz so genau genommen. Am Tag des Unfalls habe die Hälfte der Mannschaft aus Leuten bestanden, die er, Olivier, nicht kannte. Während er erzählt, ist in der Bucht von Villefranche, vier Kilometer entfernt, zum zweiten Mal ein Unterwasserfahrzeug unterwegs, um nach den Resten von Loïcs Ausrüstung zu forschen, die Aufschluss darüber geben könnten, warum das Seil blockiert hat. Die Suche bleibt erfolglos.

Es kam vor, dass Loïc ein paar Meter weniger zum Rekord anmeldete, als er im Training erreicht hatte, zur Sicherheit. Sicherheit war wichtig, aber Loïc hatte auch ein extrem großes Bedürfnis nach Anerkennung, sagt Olivier. Für die Sieger im No-Limit-Tauchen gibt es kein Preisgeld zu gewinnen, bloß Ehre. Und Sponsorengelder. Ohne Rekorde kein Sponsorengeld, das hatte Loïc verstanden. Olivier weiß, dass sein Freund häufig an Nitsch dachte, den Titelsammler. Der Rhythmus, in dem Nitsch voranschritt, muss beängstigend auf Loïc gewirkt haben. Sie sind sich ein paarmal begegnet, zum Beispiel beim Salon de la plongée, der Tauchermesse in Paris, es blieb bei einer eher flüchtigen Bekanntschaft. Herbert Nitsch sei eher der sowjetische Typ, sagt Olivier. Einer, der bloß ein paar Tage vor einem Rekordversuch mit dem Training im Wasser anfängt, mit einem immensen technischen Apparat, und jeden Tag mehrere Meter tiefer runtergeht. Loïcs Philosophie war die Langsamkeit. Meter für Meter gewöhnte er seinen Körper an die Tiefe, monatelang, bis er sich im feindlichen Milieu geborgen fühlte.