"Wir lernen!", sagt die Stimme hinter dem Wall aus Papier. "Nun ja, unsere Gegner lernen auch." Ein jovialer Amerikaner in einem schwierigen Geschäft: Auf Ted Leggetts Schreibtisch lasten Grafiken, Länderstudien und Statistiken. In seinem Büro fließen aus allen Teilen der Welt Informationen über Kokain, Heroin, Cannabis und synthetische Drogen zusammen – Satellitenbilder von Anbauflächen, Interviews mit Farmern, Polizisten und Politikern, Zollstatistiken über Drogenfunde, Berichte über spektakuläre Festnahmen, die Zahl der Drogentoten.

Schlaglichter auf einen globalen Markt mit 200 Millionen Kunden weltweit. Leggetts Arbeitgeber, das United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) in Wien, schätzt ihn auf einen Gesamtumfang von über 390 Milliarden US-Dollar. Damit ist er 16-mal so groß wie der globale Markt für Tabak und 65-mal größer als der für Kaffee.

Drogenhandel ist ein immer noch wachsendes Geschäft – genauso wie der illegale Handel mit Menschen und Waffen, mit gefälschten Markenprodukten, Antiquitäten oder menschlichen Organen. Die Wirtschaft der Nationen hat sich globalisiert, die Industrie des Verbrechens tut es ebenfalls. Ihr Netz operiert weltumspannend wie multinationale Konzerne. Sie erobert neue Märkte. Die globale Nachfrage nach ihren Angeboten steigt.

Bekämpfen kann sie nur, wer die ökonomischen Prinzipien versteht, nach denen sie funktioniert. Für Ted Leggett ist die Welt des Verbrechens ein Mosaik aus Produzentenländern und Absatzmärkten, ein grenzübergreifendes Geflecht schlecht bezahlter Bauern, Kleindealer oder Kuriere und gut verdienender Chefs transnationaler Kartelle. Strafverfolger beobachten, wie türkische Drogenbosse mit russischen Finanziers und albanischen Menschenhändlern zusammenarbeiten. Ukrainische Kriminelle tauschen in Südamerika Waffen gegen Kokain. Die Liberalisierung des Handels öffnet ihnen allen die Grenzen; die Deregulierung der Finanzmärkte macht die Legalisierung ihrer Profite fast zu einem Kinderspiel.

"Mit der Globalisierung haben sich für die Organisierte Kriminalität die Möglichkeiten vervielfältigt, die Summen vervielfacht", sagt Wolfgang Hetzer, Berater der europäischen Antibetrugsbehörde Olaf und einer der führenden deutschen Experten für das internationale Verbrechen. Zu ihren größten Geschäftszweigen zählen der Drogenhandel, die Menschenschleusung und die Produktpiraterie. Insgesamt basieren inzwischen mindestens zwei bis drei Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung auf kriminellen Geschäften, schätzt das UNODC

Drei Prozent, das sind rund 1300 Milliarden Dollar. Das ist fast halb so viel, wie alle Deutschen zusammen in einem Jahr erwirtschaften.

Die Operation hatte den Decknamen "Gulliver". So heißt die neapolitanische Speditionsfirma, die im Auftrag der Mafia und mit Hilfe korrupter Zollbeamter über Jahre die illegale Einfuhr von chinesischen Waren nach Italien besorgte. Am 11. April 2007 führte die Operation zur Festnahme von 21 Personen. Nahezu alle Container, die im Hafen von Neapel gelöscht wurden, soll die Bande sortiert haben; danach wurden gefälschte Markenprodukte ins neapolitanische Hinterland transportiert, von wo aus die Camorra sie in den Einzelhandel weiterleitete. T-Shirts, Jacken, Taschen und Elektroartikel landeten in den Läden der Stadt oder bei Grossisten in den Chinatowns von Rom oder Mailand.

Neapel ist für China einer der wichtigsten Häfen der EU, neun Zehntel der Warenlieferungen stammen aus dem neuen Wirtschaftswunderland. Die weitläufigen Containerterminals sind ein Symbol internationaler Zusammenarbeit – aber eben auch für die globale Kooperation des Verbrechens.

830 Seiten stark ist der Jahresbericht 2006 der italienischen Antimafiabehörde DNA. 25 Seiten widmet er ausländischen Organisationen, die in Italien operieren. Die sizilianische Cosa Nostra und die kalabrische Ndrangheta arbeiten mit Gruppen aus Albanien, Osteuropa, der Türkei und Südamerika zusammen. Die Camorra hat nicht nur Verbindungen nach China, sondern auch zu nigerianischen Banden, die im weltweiten Drogen- und Menschenhandel aktiv sind. In Italien ist Nigerias Mafia inzwischen in Rom, Turin, Padua, Brescia, Mailand, Rimini, Palermo und Cagliari vertreten. Albanische Kriminelle dominieren die italienischen Rotlichtbezirke. Rumänen und Bulgaren beteiligen sich am Menschenschmuggel und übernehmen Drogengeschäfte.

Kooperation, nicht Konkurrenz, kennzeichne viele Geschäfte der italienischen wie ausländischen Mafiosi, sagt Francesco Forgione, der Vorsitzende der Antimafiakommission im italienischen Parlament. Was er für Italien konstatiert, gilt im Prinzip für die ganze Welt. Die globale Industrie des Verbrechens verbinde sich "zu immer leistungsfähigeren Einheiten", sagt Wolfgang Hetzer. "Unterirdischen Pilzgeflechten" gleich überwinde die Organisierte Kriminalität alle Ländergrenzen, heißt es in einer jüngst veröffentlichten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Wie multinationale Konzerne wägen kriminelle Netzwerke Risiken und Möglichkeiten unterschiedlicher Länder und Märkte ab und organisieren sich entsprechend.