Letzte Woche lief aus dem Auto unten herum gluckernd eine Flüssigkeit heraus, Öl oder Benzin oder Bremsflüssigkeit, was weiß denn ich. In dem Moment, in dem ich mir sage, so, los, in dieser Woche verkaufst du endlich das alte Auto mit den hohen Schadstoffwerten, jetzt ziehst du es durch, Amigo, in diesem Moment geht das Auto immer kaputt, das Auto klammert sich an mich, es möchte um keinen Preis in die Ukraine.

Ich bin, um über dieses paranormale Phänomen nachzudenken, in ein Gartenlokal gegangen, ich legte mein Handy neben das Glas Apfelschorle, plötzlich aber kam von hinten eine stark behaarte Hand mit gepflegten Fingernägeln und riss das Handy weg. Ich sah den Räuber wegrennen, er war blond, etwa dreißig und trug ein weinrotes T-Shirt. Um das Handy sperren zu lassen, rief ich in der Redaktion an und hatte den Chefredakteur in der Leitung. Das war mir peinlich. Dann wollte ich mein Fahrrad besteigen, das Fahrrad war ebenfalls gestohlen. Aber ich musste sowieso mit dem Zug zu zwei Lesungen nach Tübingen.

Ich lief langsam durch Tübingen. Meine Beine taten weh. Ich konnte kaum gehen. Ich dachte, ich werde im Rollstuhl sitzen, während mein alter Vater noch bestens zu Fuß ist, der Vater wird den Rollstuhl des Sohnes schieben. Dann schaute ich an mir herab und merkte, dass ich verschiedene Schuhe anhatte. Beide Schuhe waren schwarz, aber der eine hatte Verzierungen und einen relativ hohen Absatz, während der andere Schuh ohne Verzierungen auskam und einen flachen Absatz besaß. Ich las in einem Innenhof unter einem Baum und bei hellem Sonnenlicht. Dass ich verschiedene Schuhe anhatte, wurde von niemandem thematisiert. Ich selber habe es aber auch nicht zum Thema gemacht.

Nach der zweiten Lesung, in einem Zelt, trat ein junger Mann auf mich zu. Vor vielen Jahren hatte mich einmal ein Kollege gebeten, Taufpate seiner Tochter zu sein, es gab aber insgesamt vier Paten, oder sogar acht, es war quasi eine Massentaufe, nur andersherum. Weil es so viele Paten gab, habe ich mich nicht zuständig gefühlt, es war wie in den volkseigenen Betrieben in der DDR, wo ja auch immer alle dachten, der Betrieb gehört eh dem Volk, also muss ich mich um nichts kümmern, das Volk soll es machen. Außerdem bin ich bald darauf in eine andere Stadt gezogen.

Ich habe mich nie gekümmert, ich hatte ein dumpfes schlechtes Gewissen und habe es vorgezogen, nicht an diese unangenehme Sache zu denken. Jetzt sagte der junge Mann, er sei der Bruder jenes Mädchens, und seine Schwester würde sagen, ich hätte sie verstoßen. So kann man das doch nicht ausdrücken. Oder doch? Auf jeden Fall bin ich nicht allein schuld. Das war eine Kettenreaktion, ähnlich wie beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Als Historiker hat man immer historische Vergleiche im Kopf. Mein gelernter Beruf ist Historiker. Trotz der immer schlimmer drückenden Schuhe bin ich schnell weggegangen. Ich will darüber nicht nachdenken, keinesfalls.

Auf dem Weg zum Bahnhof riss meine Papiertasche, und ein Kunstwerk, das ich in Tübingen von meinem Honorar gekauft hatte, zerbrach. Am Bahnhof kaufte ich am Automaten mit der Kreditkarte ein Zugticket und habe wie immer die Kreditkartenquittung in kleine Fetzen gerissen. Im Zug stellte sich heraus, dass es nicht die Quittung, sondern die Fahrkarte war, die ich in Fetzen gerissen und weggeworfen hatte. Ich schlug den Spiegel auf. Harald Schmidt sagte in einem Interview: "Es gibt keine großen Themen mehr. Alles ist gleich bedeutend oder gleich wurst." Ist das wirklich so? Nun endlich zog ich die Schuhe aus.

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