Nur ein Jahr nach Erscheinen der englischen Ausgabe liegt bereits die Übersetzung eines Buches vor, dessen Ziel es ist, wirtschaftliche Sachverhalte ins Zentrum der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit zu rücken. Das zeigt, dass nach dem Erfolg von Götz Alys Hitlers Volksstaat die Verlagswelt weiterhin mit einem großen Interesse des Publikums für Werke über das »Dritte Reich« und speziell dessen soziale und wirtschaftliche Komponenten rechnet. Aber wie Aly sich bei seiner Darstellung keineswegs auf die Sozialgeschichte beschränkt hat, so macht auch Adam Tooze, Senior Lecturer für Moderne Europäische Wirtschaftsgeschichte in Cambridge, von vornherein klar, dass er keine entpolitisierte Wirtschaftsgeschichte schreiben wollte.

Bereits im Vorwort hebt Tooze als seine Hauptthese hervor, dass das wirtschaftliche Potenzial Deutschlands zu gering gewesen sei, um ganz Europa zu überwältigen. In diesem Zusammenhang ist ein Argumentationsstrang besonders wichtig, der das gesamte Buch durchzieht, nämlich der, dass das Regime von Anfang an eine Totalmobilisierung der Wirtschaft für den Krieg anstrebte. Es gab demnach keine Phase reiner Arbeitsbeschaffung, bevor die Aufrüstung einsetzte, und die ersten Kriegsjahre waren eben nicht von einer dem angeblichen Blitzkriegskonzept entsprechenden und der Schonung der Zivilbevölkerung dienenden friedensähnlichen Kriegswirtschaft geprägt. Jene Thesen der älteren Literatur werden von Tooze mit guten Gründen verworfen. In diesem Zusammenhang überrascht es allerdings, dass er der Entwicklung des Lebensstandards der Bevölkerung so wenig Raum einräumt. Eine ausführliche Analyse hätte seine Position – und nicht etwa die Alys – zusätzlich stützen können.

Die These von der Blitzkriegswirtschaft gründete sich wesentlich auf die Statistik des Rüstungsoutputs, die für 1941 eine Stagnation und mit dem Antritt Albert Speers als Rüstungsminister von 1942 an eine starke Steigerung ausweist. Darauf geht Tooze näher ein, und hier liefert er interessante neue Erkenntnisse, indem er auf Mängel der Statistik, vor allem aber auf den Effekt von erst 1942 produktionswirksam werdenden früheren Investitionen in die Rüstungsindustrie verweist. Nimmt man die Umschichtung erheblicher Ressourcen in die Rüstungsindustrie hinzu, wird das »Speersche Rüstungswunder« weitgehend entzaubert. Umso mehr betont Tooze dessen von Speer bewusst betriebene politische Inszenierung, der damit als treuer Vasall Hitlers alle Stimmen für eine politisch herbeizuführende Beendigung des Krieges zum Schweigen brachte.

Mit diesen Ausführungen verwahrt sich der britische Historiker zu Recht gegen Interpretationen, wonach Deutschland, hätte es nur beizeiten seine Wirtschaft voll auf den Krieg eingestellt, einen Sieg hätte erringen können. Allerdings erweckt seine streckenweise recht spannende Darstellung des Kriegsgeschehens dann doch den gegenteiligen Eindruck. Der überraschende Sieg über Frankreich habe den Zugang zu einer verbreiterten Ressourcenbasis bedeutet. Es sei demnach wohl vorstellbar gewesen, dass eine Serie solcher begrenzter Kriege – und Siege – trotz der ursprünglichen wirtschaftlichen Unterlegenheit Deutschlands letztlich zu einer dauerhaften deutschen Hegemonie in Europa hätte führen können.

Tatsächlich verlief ja auch der Krieg gegen die Sowjetunion 1941 zunächst erfolgreich und brachte laut Tooze Stalins Regime an den Rand des Zusammenbruchs. Jedoch blieb der deutsche Vormarsch mit dem Einsetzen der Herbststürme im Oktober 1941, wie Tooze sich ausdrückt, kurz vor Moskau im Morast stecken. Hier offenbart sich nun allerdings ein Grundproblem des Buches: Die politischen und militärischen Ereignisse gehören dem Bereich des Tagesgeschehens an. Wirtschaftliche Entwicklungen sind dagegen von längerer Dauer und unterliegen einer gewissen Eigenlogik, wie umgekehrt das Tagesgeschehen sich zeitweise auch konträr zu seiner eigentlichen wirtschaftlichen und sozialen Basis entwickeln kann. Das bedeutet, dass Tooze bei der Umsetzung seiner erklärten Absicht, Wirtschaftsprozesse und das politisch-militärische Geschehen in einer bisher nicht erreichten Weise aufeinander zu beziehen, vor großen darstellerischen Problemen stand, die er methodisch nicht immer gemeistert hat.