Unter der national-konservativen Regierungskoalition ist Polen in eine merkwürdige Kulturrevolution geraten. Die konfrontative Europapolitik und das tief verinnerlichte Misstrauen gegenüber Deutschland sind nur die Spitze des Eisberges. Diese Kulturrevolution zielt nicht nur auf einen vollständigen Austausch der Eliten, sondern will auch einen antiliberalen und antiaufklärerischen Kulturbegriff zementieren.

Die von Ministerpräsident Jarosław Kaczyński in die Welt gesetzte Kampfformel von den (noch im Sozialismus ausgebildeten) »Lügeneliten«, die die Nation verunglimpften und Handlanger fremder Interessen seien, wird seit Monaten von einem medialen Tontaubenschießen begleitet. Die regierungsnahen Medien überstürzen sich in der Entlarvung nahezu aller intellektuellen Autoritäten der Nachkriegszeit. Ganze Pulks »investigativer« Journalisten durchforsten alte Kulturzeitschriften, die Archive des Schriftstellerverbandes und die Akten der früheren Staatssicherheit auf der Suche nach brisantem Material. Wer das dickste Alphatier abschießt, der ist der beste. Haben die Nobelpreisträger Czesław Miłosz und Wisława Szymborska sich in der Stalinzeit etwa nicht mit einer Unterschrift oder die Galionsfigur der moralischen Opposition – Zbigniew Herbert – mit einem Gedichtchen bekleckert? War der »Reporter des Jahrhunderts« – Ryszard Kapuściński – Ende der fünfziger Jahre nicht Günstling eines ZK-Sekretärs? Hat Adam Michnik – in Volkspolen langjähriger Häftling und die Ikone der oppositionellen Publizistik – nach 1989 deshalb die Abrechnung mit den Kommunisten gebremst, weil er selbst einem kommunistischen Milieu entstammte?

Die regierende Rechte strebt mit Hilfe des – vor dem Verfassungsgericht gescheiterten – Lustrationsgesetzes nicht nur einen Wechsel der Eliten an, sondern auch eine Säuberung der Lehrinhalte. Nationale Spötter und Lästerer wie Witold Gombrowicz und Stanisław Witkiewicz sollen wieder aus dem Kanon gestrichen werden. Desgleichen Goethes Faust, Dostojewskijs Schuld und Sühne sowie Joseph Conrad und Franz Kafka. Der Bildungsminister Roman Giertych begründete Gombrowicz’ Streichung damit, dass der (homosexuelle) Autor in Transatlantik einen Menschen darstellte, der sich 1939 vor der Armee drückte und als Abenteurer nach Argentinien fuhr. Die Streichliste löste unter Intellektuellen eine Welle der Empörung aus. »Wenn wir sagen, dass Literatur den Patriotismus fördern soll, dann befinden wir uns in der Nähe der Auffassungen von Goebbels«, meinte der Theaterregisseur Krystian Lupa.

Ach, hätte man doch 1794 den polnischen König gehenkt!

Gewiss gab es ähnliche Anwandlungen auch in der Bundesrepublik, als kritische Schriftsteller als »Pinscher« und »Schmeißfliegen« bezeichnet wurden oder als führende DDR-Autoren nach 1989 ausgerechnet von den Medien, die sie vorher hofiert hatten, erfuhren, dass von ihnen nichts mehr bleiben werde. In Polen will die konservative Revolution allerdings erheblich weiter gehen – sie will die polnische Geschichte nachträglich revolutionieren.

Das gravierendste Beispiel ist ein Bestseller, den Teile der Kritik zu einem Großereignis hochgejubelt haben. Er heißt Das Henken und stammt von Jarosław Marek Rymkiewicz, einem 72-jährigen Dichter, der bislang betuliche Gedichte und subtile Essays geschrieben hatte. Nun rekonstruierte er minutiös die Vorgänge in Warschau während des Kościuszko-Aufstands 1794. Hätten die Warschauer damals, seufzt Rymkiewicz, nicht nur zehn kümmerliche Galgen in der Hauptstadt aufgestellt– wie tatsächlich geschehen –, sondern Hunderte und Tausende, allen voran den polnischen König, aufgehängt, dann hätten die Polen heute mehr Grund zur Selbstachtung und würden in Europa als Königsmörder bewundert.

Nun könnte man einwenden: Wenn deutsche Intellektuelle nach 1989 Köpfe rollen sehen wollten und nach einem anschwellenden Bocksgesang lechzten, warum sollten in Polen die konservativen Revolutionäre nicht bei blutrünstigen Jakobinern in die Lehre gehen? Rymkiewicz erklärt zwar, dass seinem Gedankengang keine Ideologie zugrunde liege, aber das trifft nicht ganz die Wahrheit. Denn die Geschichte lief nun einmal so ab, wie sie ablief: Auf die erste Teilung Polens durch Preußen, Russland und Österreich im Jahre 1772 folgte eine kurze Phase aufklärerischer Reformen, die zur Verfassung vom 3. Mai 1791 (der ersten in Europa) führte. Die Konsequenz waren der militärische Einmarsch Russlands und die zweite Teilung Polens 1792. Die Verfassung wurde aufgehoben, und der König trat – »um das Schlimmste zu verhindern« – der offen prorussischen Fraktion der Magnaten bei. Beistand gegen die vollständige Vasallisierung Restpolens durch Russland erhofften sich die patriotischen Verschwörer unter General Kościuszko von der französischen Republik. Doch der Aufstand scheiterte. Im Jahre 1795 unterschrieb das revolutionäre Frankreich in Basel einen Separatfrieden mit dem reaktionären Preußen, und kurz darauf wurde Polen in der dritten Teilung für über ein Jahrhundert von der politischen Karte Europas ausradiert. Ohne jeglichen Königsmord trudelte die polnische Geschichte vor sich hin, halbherzig und recht düster.