Wien

Die Fotos sind auf die Minute genau datiert, die einzelnen Stationen der Eskalation rekonstruiert. Die Arbeit ist also getan. Doch am 15. Juli, zum 80. Jahrestag des Wiener Justizpalastbrands, wird Gerhard Botz, 66, noch einmal zum Tatort pilgern und seiner detektivischen Leidenschaft huldigen: »Ich kann es nicht lassen.« Der Experte für die Geschichte der Zwischenkriegszeit will noch einmal allen Einzelheiten dieses historischen Schlüsselereignisses nachgehen. Den Schauplatz noch einmal umrunden, Details studieren, sehen, was noch sichtbar wird nach all den Jahren. Der Historiker als Kriminologe. Freilich, er braucht Sonne dazu, so wie sie damals schien, als die Republik brannte. Sonst kann er keine Spuren lesen.

Am 15. Juli 1927 demonstrierten in Wien an die 200.000 Menschen gegen die Freisprüche im sogenannten Schattendorf-Prozess. Drei militante Rechte, »Frontkämpfer«, hatten am 30. Jänner in dem burgenländischen Ort Schattendorf im Gefolge lokaler Auseinandersetzungen auf eine Gruppe von Sozialdemokraten geschossen und dabei zwei Menschen, einen Kriegsinvaliden und einen Schulbuben, getötet. Acht wurden verletzt, fünf davon schwer. Am 14. Juli wurden die Angeklagten von einem Wiener Geschworenengericht freigesprochen. Weder des Totschlags noch der Notwehrüberschreitung oder auch nur der Gefährdung öffentlicher Sicherheit – durch vielleicht zielloses Herumballern mit einer Schrotflinte – hatten die Laienrichter sie für schuldig befunden.

Ein Fehlurteil. Darüber sind sich Juristen und Historiker heute einig. Am Tag nach dem Freispruch führte die Empörung unter der Arbeiterschaft zu einer Massenkundgebung, die sich schließlich zum Autodafé der ersten österreichischen Nachkriegsdemokratie entwickelte. Der Justizpalast wurde in Brand gesetzt, und in den Straßen Wiens starben insgesamt 89 Menschen, darunter vier Polizisten. Viele Hundert, wahrscheinlich aber mehr als tausend wurden verwundet.

Die Auseinandersetzungen an jenem 15. Juli 1927 wurden von mehreren professionellen Fotografen ausführlich dokumentiert. Damit sind wir wieder bei Gerhard Botz und seinen geschichtskriminologischen Recherchen. Er hat in jahrzehntelanger Kleinarbeit diese Fotos analysiert und sich bemüht, sie auf Stunde und Minute genau zu datieren. So ließe sich, sagt er, die Eskalation der Ereignisse, die natürlich auch aus Akten und Belegen nachvollzogen werden kann, zusätzlich optisch rekonstruieren. An jenem 15. Juli schien bis in die frühen Nachmittagsstunden die Sonne und erzeugte sehr deutliche Licht-und-Schatten-Kontraste auf den Hauswänden und Straßen dieser historischen Kulisse, eines Gebäudeensembles, das sich seither nicht verändert hat. Folglich kann man bei Übereinstimmung mit neuen Fotografien, die zu vergleichbaren Bedingungen – am Jahrestag, aus derselben Perspektive, zur gleichen Uhrzeit – aufgenommen wurden, mit einiger Zuverlässigkeit feststellen, zu welcher Uhrzeit das jeweilige historische Bild entstand. Jahr um Jahr an jedem 15. Juli, den die Wettergötter sonnig sein ließen, fotografierten daher der Zeitgeschichtler und seine Studenten die Schatten am Ort der historischen Schauplätze, um anschließend über den Vergleich der alten und der neuen Bilder ein visuelles Protokoll des Geschehens zu erstellen.

Zum Beispiel das Eintreffen der ersten Demonstranten vor der Universität am Ring: eine ziemlich geordnete, friedliche Marschkolonne. Das war etwa um 9.15 Uhr, zeigen die vorläufigen Ergebnisse der Schattenvermessungen. Auf 10.35 Uhr datiert der Professor die Demonstranten vor dem Parlament. Der Platz ist voll, aber das Bild lässt wenig Bewegung erkennen. Etwas später rückt eine Kohorte berittener Polizei zur Verstärkung an. Die Menge wirkt passiv. Dieser Reitereinsatz wird später, auch nach dem Urteil ausländischer Polizeibeobachter, als strategischer Fehler bewertet werden. Er bewirkt die Wende der Stimmung zur Aggressivität. Dem Schattenfall zufolge entwickelt die Situation ab 10.15 Uhr immer stärkere Dynamik.

Ein weiteres Bild aus dieser Phase vor dem Sturm. Nun zeigt die Schattenuhr 11.10 Uhr. Demonstranten halten das Hauptportal des Justizpalastes besetzt. Einige haben sich mit Latten bewaffnet. Die ersten dramatischen Aufnahmen – Bürger jagen berittene Polizisten – datieren von 11.50 Uhr und kurz danach. Auf exakt 12.52 Uhr haben Botz und sein Mitarbeiter Alexander Salzmann, mit dem wir vor dem Computer im Wiener Institut für Zeitgeschichte sitzen und den 15. Juli fotografisch Revue passieren lassen, eine erste Aufnahme mit Rauchschwaden aus dem Justizpalast datiert. 90 Minuten später: Menschen in wilder Flucht. Die Polizei hat bereits den Schießbefehl erhalten, offenbar ist soeben eine Salve abgefeuert worden. Der Justizpalast steht in Flammen.