Mit Schreiben vom 22. Juni 2007 hat die Landeshauptstadt München, Baureferat, Aktenzeichen V43-14107-19842, die Anlage und Fortbewegung einer "wandernden Baustelle" im Stadtteil Haidhausen genehmigt. Das wurde auch höchste Zeit, denn am Freitag dieser Woche wandert die Baustelle schon los.

Der gelernte Maurer Eckehard Siebert lässt einen Kubikmeter Sand vor die Hauptschule schütten und schaufelt den Haufen dann drei Tage lang durch die Wörthstraße. "Nein, keinen Sand", sagt Siebert, "es ist Splitt!" Sand würde so stauben. Er möchte die Anwohner nicht belasten, ihm geht es allein um die Massenbewegung auf der Straße. Pünktlich um acht tritt er zur Arbeit an, um zwölf ist Mittagspause, Schlag fünf Feierabend. Dazwischen heißt es schaufeln und schaufeln und schaufeln und schaufeln und schaufeln und schaufeln, gelegentlich die Stirn abwischen, klar, kurz verschnaufen, ein Bier trinken, das wird man sehen.

Der Maurer und sein Haufen gleiten schabend und schwitzend und schluckend und schwatzend an den Läden und Cafés der Wörthstraße vorbei. Wenn der Platz auf dem Gehweg nicht reicht, wird kurz auf den Radweg ausgewichen, und zur Nacht sichert der Mann seinen Splitt hinter einer behördlich angeordneten Absperrung mit hinreichend Licht. Niemand soll hineinstolpern. Damit aber die Sache weder zu einseitig wird noch zu sehr nach vorne geht, hält die Baustelle nach 300 Metern in Höhe des Hauses Nummer 17, überquert die Wörthstraße unter Zuhilfenahme einer Schubkarre und kehrt auf der anderen Seite Schaufel für Schaufel zur Hauptschule zurück. Der Gehwegwechsel ist ein echter Höhepunkt, und um diesen noch zu betonen, wird das bayerische Musikantenduo Dos Hermanos am zweiten Tag wieder und wieder das Lied Der Schipper spielen.

Eckehard Siebert war nicht nur Maurer, sondern auch Hauptschullehrer, heute aber ist er Bauunternehmer und Bildhauer. Daégki nennt er sich, bayerisch-onomatopoetisch für "der Ecki". Seine Kunst wächst aus Materialien des Alltags, Reliefs auf Gipskartons, die er bei seiner Kundschaft auf Wunsch fachgerecht einmauert. Sein dreitägiges Wanderbaustellenprojekt ist ein lang gehegter Traum. Er nennt es Die Schaufel meines Vaters. Der Vater sei Bergmann gewesen, der habe zu schaufeln gewusst; so einfach sei das nämlich nicht, und das fasziniere ihn: wie die Arbeit zur Kunst werde. Was sei die Schaufel anderes als "ein Perpendikel der Zeit", so etwas gebe es doch in jedem Beruf, man nehme als Beispiel nur das Tippen auf einer Tastatur, die Monotonie macht die Kultur! Ob man ihm darin folgt? Jedenfalls zeigt Daégki, was in der Schaufel steckt.

ZEIT online berichtet in seinem Festival-Blog ZELT online live aus der Wörthstraße.