Mein Traum handelt von zwei Dingen. Von der Kraft zur Veränderung. Und von einem Mädchen, das ich verehre, seit ich selbst ein Mädchen war – von Jeanne d’Arc. Ich hörte das erste Mal von ihr, da war ich acht. Damals las ich leidenschaftlich gern. Auf den Regalen meiner Eltern, sie waren Zeugen Jehovas in New Jersey, stapelten sich religiöse oder patriotische Bücher, ich erinnere mich an blau eingeschlagene Bände über den Missionar Johnny Appleseed oder den Colonel David Crockett.

Ein schmaler Band erzählte die Geschichte der Jungfrau von Orléans. Wie sie ihrer Mission folgte und den wahren König von Frankreich zum Thron führte, fesselte mich. Dass sie auf dem Scheiterhaufen starb, empörte mich. In Tagträumen rettete ich sie vor dem Tod. Ich malte mir aus, wie ich vor dem Tribunal eine flammende Rede hielt, die hehren Motive der Jeanne d’Arc pries, die Richter beschämte und so ihre Freilassung erreichte.

Einer der wichtigsten Orte aus der Geschichte von Jeanne d’Arc war die Kathedrale von Reims. In der Kirche begleitete sie 1429 den rechtmäßigen französischen König Charles VII. zum Thron. Vor ein paar Tagen war ich zum ersten Mal dort – und träumte von diesem jungen Mädchen aus dem 15. Jahrhundert. Ich stellte mir sie vor: ein Teenager, gerade 15 Jahre alt, sie lebt in einem kleinen Dorf, hütet Schafe, ist Analphabetin, aber plötzlich hat sie eine Vision. Sie träumt davon, Soldatin zu werden und den von England eingesetzten König zu stürzen.

Weiter stellte ich mir vor, wie sie, nur von ihren Stimmen geführt, die königliche Armee findet, um ein Pferd bittet, dann um ein Schwert, erst Spott, dann Mitgefühl erntet – und alles geschieht so, weil sie an ihrer Vision bedingungslos festhält. Aus einem ärmlichen Hirtenmädchen wird eine Kämpferin, die mit Männern ins Feld zieht, eine Einheit kommandiert, die Belagerung von Orléans durchbricht und den wahren König von Frankreich aus der Stadt holt.

Die Geschichte bewegte mich, als ich vor der Kathedrale stand. Der Bau schüchterte mich ein. Mir wurde übel, als ich daran dachte, wie wichtig es für Jeanne gewesen sein muss, die Stufen neben ihrem König hinaufzugehen. Ich wollte das nachempfinden – und versuchte, alles mit ihren Augen zu sehen. Als ich durch das Portal schritt, sah ich zuerst die hohen gotischen Säulen. Anlässlich der Krönung von Charles VII. säumten sicher Menschenmassen den Gang zum Altar. Ich fragte mich, ob Jeanne von der Wucht der Architektur genauso benommen war wie ich. Im selben Moment bemerkte ich, wie das Gefühl der Schwäche verschwand. Sie, die Jungfrau, gab mir Kraft weiterzugehen. Ich ging konzentriert zum Altar, so wie sie es damals getan haben musste, schritt den Mittelgang entlang, dachte: "Jeanne, was siehst du hier?"

Dann sah ich sie vor mir – ein robustes Mädchen, das mir bis zur Nase ging. Sie besaß einen kräftigen Körper, nicht solche dünnen knochigen Arme wie ich. Sie sah gesund aus. Ihre Haare waren abrasiert.

In die Stille hinein fragte ich noch einmal: "Jeanne, was siehst du hier?"