Seit 41 Jahren leitet Wolfgang Wagner die Festspiele, die sein Großvater Richard Wagner 1876 in Bayreuth gegründet hat. Wolfgang ist der Methusalem aller Theaterintendanten, keiner hat sich länger im Amt gehalten. Im August wird er 88 Jahre alt. Wer so ein hohes Alter erreicht hat, sollte eigentlich Anspruch darauf haben, dass über seine Gesundheit nur noch im Kreis von Freunden und Verwandten gesprochen wird. Bei Wolfgang Wagner aber ist das schwer möglich. Die berühmtesten Musikfestspiele der Welt sind an seine Gesundheit geknüpft und werden daran hängen, bis sein Lebensfaden reißt. So hat er es selbst gewollt. Auf Lebenszeit ist sein Intendantenvertrag abgeschlossen, und stur pocht er bis heute auf dessen Erfüllung. Deshalb muss die Frage gestattet sein, wie rüstig der Alleinherrscher am Grünen Hügel ist. Hat er die Bayreuth-Geschäfte noch im Griff?

Schon bei den Festspielen im vergangenen Jahr konnte jeder sehen, wie das fränkisch Eckige seiner Erscheinung zunehmend ins Wackelige kippt. Auf der Versammlung der Freunde der Bayreuther Festspiele sprach er nur noch ein paar dürre Sätze, wo er früher weitschweifige Vorträge gehalten hatte. Spätestens da wurde vielen klar: Wagners Kräfte schwinden. Menschen, die ihm in letzter Zeit im Festspielbezirk begegnet sind, beschreiben einen alten Mann, der am Stock geht und schlecht hört, der vorübergehend geistig abwesend wirkt und hausöffentlich immer seltener aus der Kulisse tritt. Der überall präsente und hartnäckig sich einmischende Festspielprinzipal von einst sei in ihm kaum noch zu erkennen. Selbstverständlich muss man den Informanten, die dies erzählen, hoch und heilig versprechen, ihre Namen nicht zu nennen, weil sie um ihre Arbeit fürchten oder vertraglich zu Verschwiegenheit verpflichtet sind. Am Grünen Hügel ist das nicht neu. Auch nicht, dass die Pressestelle ganz andere Auskünfte erteilt: Wolfgang Wagner, heißt es dort, sei gut gelaunt und für sein Alter immer noch agil. Er habe sich lediglich bei einem Sturz eine Sehne im Fuß gerissen und befinde sich wieder auf dem Weg der Genesung.

So geht es seit Langem: Bei Bayreuth-Recherchen trifft man auf zwei gegensätzliche Welten. Die eine ist die Postkartenansicht mit dem strahlend blauen Himmel über dem Festspielhaus und den geharkten Blumenbeeten im Park. Gerade ging wieder die Meldung über die Ticker, wer in diesem Jahr zur Eröffnung (am 25. Juli) über den roten Teppich flanieren wird: EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso und Bundespräsident Horst Köhler, Angela Merkel und die Altbundespräsidentenriege von Walter Scheel bis Roman Herzog, Jette Joop, Sönke Worthmann, Roberto Blanco und all die anderen. Sie wollen das Bayreuther Regiedebüt von Wolfgang Wagners Tochter Katharina erleben, die Die Meistersinger von Nürnberg auf die Bühne des Festspielhauses bringt. Richard selig hat das Haus mit dem legendären Deckel über dem Orchestergraben konzipiert. Auf dem unverwechselbaren Klang im Festspielhaus gründet der unauslöschliche »Mythos Bayreuth«.

So weit die Postkartenansicht, die Gegenwelt sieht anders aus. Es sind Erzählungen aus dem Alltag eines fränkischen Theater-Saftladens, in dem die Familie ohne größeren künstlerischen und intellektuellen Weitblick vor sich hin wirtschaftet. Die Erzählungen werden besorgt hinter vorgehaltener Hand vorgetragen aus Rücksichtnahme auf Wolfgang Wagners Lebensleistung und den guten Ruf der Festspiele. Aber es ist erstaunlich, was in solchen Hintergrundgesprächen zu vernehmen ist: In Stiftungsratskreisen wird eingeräumt, dass, wenn Gudrun Wagner, die Gattin des greisen Festspielchefs, das Zepter am Hügel schwinge, es mitunter zugehe wie »bei Hempels unterm Sofa«. Auch die wirtschaftliche Situation der Festspiele stelle sich nicht mehr so glanzvoll dar, wie immer behauptet wird. Die Finanzierung sei eng, die treuen, reichen Mäzene aus der Wirtschaft würden stillschweigend Löcher stopfen. Die Festspiel-Kalkulationen beruhen nicht unwesentlich darauf, dass Sänger, Dirigenten und Musiker in Bayreuth für bescheidene Gagen auftreten, dem Genius Loci und der legendären Arbeitsatmosphäre zuliebe. Der gute Ruf der »Werkstatt Bayreuth« beginnt aber auch bei den Künstlern zu schwinden.

Man spürt es an allen Ecken und Enden: Am Grünen Hügel steht die Zeitenwende unmittelbar bevor. Die Führungskrise lässt sich nicht mehr aussitzen, ein Generationswechsel muss jetzt vollzogen werden. Womöglich sind es die letzten Festspiele, denen Wolfgang Wagner als künstlerischer Leiter vorzustehen in der Lage ist. Deshalb baut er auf sein allerletztes Projekt: Katharina soll ihn beerben. Mit großen und zugleich behutsamen Schritten ist die Tochter in den vergangenen Jahren ins Rampenlicht der Opernöffentlichkeit getreten und steht dort nun als Prinzessin, der die Wagnergemeinde nur noch die Krone aufs Haupt zu setzen braucht. Die 29-Jährige hat ein Wirtschaftsgymnasium besucht und Theaterwissenschaft studiert, sie hat im Festspielhaus mitgearbeitet und unter der weltweiten Anteilnahme der Wagnerianer vier Opern in Würzburg, Budapest, München und Berlin inszeniert – mit unterschiedlichem künstlerischem Erfolg. Ihre Bayreuther Meistersinger sollen den krönenden Abschluss der wohlgeordneten Aufbauphase bilden: Hat sie Erfolg, so der Plan, rückt sie endgültig in die Nähe des Intendantenamts. Auch wenn unklar bleibt, was sich eigentlich aus einer wie auch immer gelungenen Regiearbeit für die Eignung zur Festspielleitung ableiten lässt.

Lange hat Katharina Wagner alle Fragen zur Bayreuth-Nachfolge zurückgewiesen. Inzwischen bekennt sie sich in Interviews zu ihren Ambitionen, ohne allerdings genauer Auskunft zu geben, wofür sie inhaltlich steht. Nur so viel ist klar: Der Vater wäre sofort bereit, von seinem Amt zurückzutreten, würde die Tochter als Nachfolgerin inthronisiert. Darüber entscheiden müssen die 24 Vertreter des Bundes, des Freistaates Bayern, der Kommune, der Wagnerfamilie und der Festspielfreunde, die der Stiftung vorstehen, in die die Festspiele und der Wagnersche Familienbesitz 1973 überführt wurden. Das größte Stimmengewicht im Stiftungsrat haben die Subventionsgeber der Festspiele: Bayern und das Berliner Staatsministerium für Kultur.